Training fürs Gewissen

22. Januar 2013


Adolf Eichmann sprach in dem Jerusalemer Prozess davon, während seiner Zeit im Reichssicherheitshauptamt, als er die Deportation und Vernichtung der europäischen Juden zu organisieren hatte, eine Art Persönlichkeitsspaltung empfunden zu haben. Diese habe dazu geführt, das Gewissen streckenweise auszuklammern, es zum Schweigen zu bringen. Doch ab und an sei es unvermeidlich gewesen, von der einen, der öffentlichen, bürokratischen, funktionalen Seite des Denkens und Fühlens, das – wie Hannah Arendt überzeugend ausführt – gar kein wirkliches Denken und Fühlen einer menschlichen Person war, hinüber zur anderen, der persönlichen, menschlichen Seite des Bewusstseins zu wechseln, ohne es dort lange aushalten zu können. Am Ende stand stets der Rückzug auf die Seite des systemischen „Gewissens“, in dem es keine bohrenden Fragen gibt, sondern nur Aufträge, die nach Vorschrift auszuführen sind. Ruhe hat man dort, wenn man alle Akten als „bearbeitet“ schließen kann.

Das zeigt einerseits, dass es gelingt, das Gewissen zum Schweigen zu bringen, andererseits jedoch, dass es sich zum einen immer mal wieder meldet (auch bei Adolf Eichmann) und zum anderen regelrechte Vorkehrungen getroffen werden müssen, das Gewissen dauerhaft zu überwinden. Es muss ersetzt werden, durch Ideologie, durch einen verselbständigten Funktionalismus, durch ein Gegen-„Gewissen“ der systematischen Selbsttäuschung und Verblendung.

Alle Menschen haben ein persönliches Gewissen. Wie anfällig es ist für ideologische Unterwanderung ist eine Frage der Gewissensbildung. Die Katholische Kirche bietet für die Gewissensbildung ein „Trainingsprogramm“ an. Aus ihren Vorstellungen heraus wird das Gewissen informiert und geformt, also durch das, was nach Lehre der Kirche objektiver Wertmaßstab sein sollte, weil es im Glauben der Kirche als wahr gilt. Hier zeigt sich bereits die Sollbruchstelle zur säkularen Gesellschaft: der Wahrheitsanspruch, der individuell erschlossen und begründet werden muss – eben vor dem eigenen Gewissen.

Katholische Gewissensbildung liegt dem zeitgeistigen „Hauptsache, Du fühlst Dich gut dabei!“ genauso quer wie der Eichmann-Mentalität, mit der auch heute viele Menschen aufwachsen müssen. Katholische Gewissensbildung versucht im Rückgriff auf das thomistische Naturrecht den Kompromiss, indem es Vernunft und Freiheit weder als Gefahr für die Ordnung begreift und paternalistisch unterdrückt, noch ihr eine Autonomie zubilligt, die am Ende gerade jene Vernunft und Freiheit durch Engführung und Übersteigerung gefährdet. Zugleich wird unterstellt, dass beides – Vernunft und Freiheit – von Gott kommt und der Mensch damit die Bindung des Gewissens an Gottes Gebot zu leisten hat. Das wiederum ist eigentlich nicht schwer, denn das göttliche Gebot leuchtet uns als Naturgesetz in unserem Gewissen auf. Hier schließt sich der Kreis und es wird deutlich, warum eine naturrechtliche Bindung des Gewissens notwendig ist. Weiterhin kann (und muss) der christliche Glaube das Gewissen noch mehr aktivieren und den Menschen zu einem noch sensibleren Gespür verhelfen. Ist Naturrecht die Pflicht, so ist die christliche Ethik die Kür, kulminierend in der Tugend der Liebe.

In der katholischen Gewissensbildung kommen in der Tat „Gewissen“ und „Kirche“, „Freiheit“ und „Lehre“ wirkungsvoll zusammen. Doch wie sieht sie konkret aus, diese Gewissensbildung? Ausgehend von dem Prinzip, dass Handeln gegen das Gewissen Schuld und Scham verursacht, und dieses Vergebung und Versöhnung braucht und diese durch Bereuen und Bessern gelingt, vor allem aber durch die Gnade Gottes, ist die Beichte, also der Beichtspiegel, eine gute Anlaufstelle, um zu sehen, wie Katholiken Gewissen und Gewissensbildung verstehen. Der Beichtspiegel heißt daher auch Gewissensspiegel.

Es gibt viele Quellen, aus denen sich die Gewissensbildung des katholischen Christen speist und die sich im Gewissensspiegel finden lassen. Die Ethik Jesu ist dabei zentral: die Seligpreisungen, das Grundgebet Vater Unser und die von ihm vorgelebten christlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe), vor allem die Liebe. Aber auch das, was anthropologisch (Schöpfungstheologie: christliches Menschenbild) und in Anbindung an naturrechtliche Grundlagen (Mosaisches Gesetz: Zehn Gebote) aus der Bibel entnommen werden kann, ist relevant. Schließlich auch das, was in der kirchlichen Tradition hinzugewonnen wurde, etwa die Anbindung der vier weltlichen Tugenden (Tapferkeit, Besonnenheit, Klugheit, Gerechtigkeit) an die kirchliche Morallehre. All das dient dazu, die Erfüllung des dreifachen Liebesgebots (Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe) in unserem Leben zu prüfen. Wie ist mein Verhältnis zu Gott, zum Mitmenschen, zu mir selbst? Konkret ausgestaltet findet man einen Gewissensspiegel exemplarisch im Gotteslob (Nr. 54-67).

Man muss nicht Adolf Eichmann sein, um im Berufsalltag mit Gewissensfragen konfrontiert zu werden. Wir alle müssen Entscheidungen treffen, die andere Menschen mitbetreffen. Unter der Maßgabe dieses „Trainingsprogramms“ ist es unmöglich, einfach auf die andere Seite des Bewusstseins zu wechseln und das persönliche Gewissen zu unterjochen und die eigene Verantwortung auf eine ordentliche, termingerechte Ableistung des Arbeitsauftrags zu beschränken. Wer sich regelmäßig – etwa zu einer festen Zeit am Wochenende – die Fragen des katholischen Gewissensspiegels vorlegt, wird das Gewissen zu einer bestimmenden Größe des Handelns machen und dafür sorgen, dass es sich auch dann meldet, wenn es in der Umgebung zu schweigen scheint und es jede Menge Ersatzangebote gibt. Wer trainiert ist, lässt sich nicht beirren, wenn er den Eindruck hat, allein gegen den Strom zu schwimmen, auch dann nicht, wenn der Gebrauch des Gewissens selbst als Laster angesehen wird, als Schwäche, als Störfaktor. Denn dann weiß er: Ich bin – mit Christus und der Kirche – auf dem richtigen Weg.

(Josef Bordat)

 

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