Alles halb so schlimm!

29. Januar 2013


Wenn die aktuelle Christenverfolgung, unter der etwa 100 Millionen Menschen leiden, mit unbestimmtem Artikel präsentiert wird und in spöttischer An- und Abführung erscheint (Zitat: In Warnungen vor einer „Christenverfolgung“ mischen sich auch fragwürdige Töne.), dann droht etwas, das hierzulande nicht mehr drohen sollte: die Verharmlosung eines globalen Massenmordes, der in den letzten zwanzig Jahren hunderttausenden Menschen das Leben kostete, die Verbannung eines grausamen Gegenwartsphänomens in das Reich der Fabel. Ich weiß nicht, wo der Verfasser dieses Textes für gewöhnlich lebt und ob er dort Zugang zu modernen Medien hat, doch die Ignoranz gegenüber der Not von Christen im Nahen und Mittleren Osten, in Nordafrika, in Vietnam, in Nigeria, in Nordkorea und anderswo lässt nichts Gutes erahnen, zumal die Diktion des Textes ziemlich deutlich auf Verhöhnung und Verunglimpfung ausgerichtet ist; beispielsweise wird Bernhard Lichtenberg en passant als Geistlicher vorgestellt, der nicht etwa wegen seines Widerstands gegen das NS-Regime, sondern bloß wegen seiner Deportation „von seiner Kirche heute als ,Märtyrer’“ – Natürlich in An- und Abführung, denn wer soll diese Kirche ernst nehmen! – nicht etwa gefeiert, auch nicht verehrt, sondern „gehandelt“ wird. Doch zurück zur Gegenwart: Selten wurde eine Problematik derart unterschätzt wie in diesem Artikel die Christenverfolgung, die es offenbar gar nicht wirklich, sondern nur in der Fantasie von Fanatikern gibt. Daher: „Christenverfolgung“.

„Befremden“ löst beim Verfasser folgerichtig nur der koptische Bischof Damian aus, nicht die Tatsache, dass seine Glaubensgeschwister in der Heimat seit Jahrhunderten systematisch benachteiligt werden und nun weit Schlimmeres droht. „Hardliner“ sind in den Augen des Verfassers nicht die, die zum Gottesdienst versammelte Gemeinden in die Luft jagen, sondern engagierte Politiker wie Volker Kauder, die dagegen aufstehen. Und die Bundeskanzlerin, die es wagt, „die Gewalt gegen Christen im Nahen Osten“ als „,Christenverfolgung’“ zu bezeichnen und zu allem Überfluss auch noch die Frechheit besitzt, das Christentum „die am meisten verfolgte Religion der Welt“ zu nennen, wird mit Hinweis darauf zur Ordnung gerufen, dass „Menschenrechtsgruppen wie Amnesty und Human Rights Watsch[sic!]“ wissen, dass „auch andere Gruppen unterdrückt“ werden.

Klar: Auch andere „Gruppen“ werden unterdrückt. Schlimm genug! Nur: Es wird keine „Gruppe“ derzeit so stark unterdrückt wie die der Christen. Welche Religionsgemeinschaft soll es denn sein, die tagtäglich mehr Opfer zu beklagen hat? Welche Gotteshäuser werden denn öfter in die Luft gesprengt als christliche Kirchen?

Die Wahrheit ist: Christen haben einen sehr hohen Anteil an den Opfern religiös motivierter Gewalt, man findet Zahlen von 80 oder 90 oder gar „weit über 90“ Prozent (Thomas Schirrmacher). Der Soziologe Andreas Püttmann meinte 2008, dass „im Schnitt alle 3 Minuten irgendwo auf der Erde ein Christ aufgrund seines religiösen Bekenntnisses ermordet” wird. David B. Barrett vom Center for the Study of Global Christianity schätzt, dass es pro Jahr 100.000 christliche Märtyrer gibt. Brian J. Grim und Roger Finke kommen in ihrer Studie The Price of Freedom Denied (Cambridge) auf 130.000 bis 170.000 ermordete Christen. Der OSZE-Vertreter Massimo Introvigne meint, dass alle fünf Minuten ein Christ ermordet wird und im Jahr 2012 105.000 Christen wegen ihres Glaubens getötet wurden.

Die Wahrheit ist auch: Einige – darunter auch christliche – Kreise halten diese Zahlen für zu hoch gegriffen, sprechen lieber von „einigen tausend“ oder „einigen zehntausend“ Todesopfern jährlich, ohne jedoch eine überzeugendere Faktenlage vorweisen zu können. Doch selbst bei „einigen tausend“ Todesopfern jährlich besteht kein Grund zur Verharmlosung. Auch langjährige Gefängnisstrafen, Berufsausübungsverbote, Diskriminierung bei der Vergabe von Ämtern sowie die Einschränkung der Meinungsäußerungs- und der Religionsausübungsfreiheit sollten uns alarmieren.

Dass dieser Alarm in unangenehmer Art und Weise den medialen Diskurs über die Kirche unterbricht und dabei sogar die weithin unbestrittene These von der Täterrolle der Christenheit irritiert, sollte grundsätzlich nicht dazu führen, dass man die Augen vor den Nöten anderer Menschen verschließt, auch wenn diese christlichen Glaubens sind und sich für Christen einzusetzen keine Punkte bringt. Wer Artikel wie diesen schreibt, ruft jedoch dazu förmlich auf: die Augen zu verschließen.

Die Kommentare, die er erntet, weisen jedenfalls schon einmal in die gewohnte (und offenbar auch gewollte) Richtung: Die – wie wir lernten – angebliche Christenverfolgung (also: „Christenverfolgung“) ist – glaubt man einem der Kommentare – der wohlverdiente Lohn für den „Massenmord an Juden und Sinti/Roma“. Und: Christen in der islamisch geprägten Welt haben mitnichten Nachteile zu erleiden, sie – Achtung, festhalten! – „fürchten um ihre Privilegien“ und „vergießen“ (selbst bei den sonntäglichen Sprengstoffanschlägen) kein echtes Blut, sondern heuchlerische „Krokodilstränen“.

Jetzt wissen wir Bescheid.

(Josef Bordat)

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