Adam Smith. Eine erste Orientierung zu Leben und Werk

20. Februar 2013


Editorischer Hinweis: Dieser Artikel erschien 2007 auf philosophieren.de, einer inzwischen eingestellten Seite mit einführenden Texten zur Philosophiegeschichte und einem Philosophenlexikon.

Adam Smith wurde am 5.6.1723 in Kirkcaldy (Schottland) geboren. Von 1737 bis 1746 studierte er an den Universitäten Glasgow und Oxford Philosophie. Als Schüler Hutchesons und guter Freund Humes macht er Bekanntschaft mit der morale sense-Ethik, die er später in seiner Theory of Moral Sentiments (1759) analysiert. 1751 wird Smith Professor für Logik in Glasgow, zwei Jahre später übernahm er dort den Lehrstuhl für Moralphilosophie von seinem Lehrer Hutcheson. Auf einer Reise nach Frankreich (1763-65) hatte Smith u. a. Kontakt zu Voltaire, Quesnay und Turgot. Im dem absolutistisch regierten Land setzt er sich kritisch mit den dort favorisierten Wirtschaftssystemen des Merkantilismus und der Physiokratie auseinander, deren offenkundige Schwächen ihn in seinem liberalistisches Denken bestärken. Zurück in England beginnt er mit seiner Arbeit an seiner ökonomischen Theorie, die er 1776 unter dem Titel An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations veröffentlicht. 1787 wird er zum Lord Rector der Universität Glasgow ernannt. Am 17.7.1790 stirbt Adam Smith in Edinburgh.

Gleich zu Beginn seines Hauptwerk Wealth of Nations stellt Smith klar, dass er sich in der Tradition Lockes dem Gedanken der Arbeitswerttheorie verpflichtet fühlt: „Die jährliche Arbeit eines Volkes ist die Quelle, aus der es ursprünglich mit allen notwendigen und angenehmen Dingen des Lebens versorgt wird, die es im Jahr über verbraucht. Sie bestehen stets entweder aus dem Ertrag dieser Arbeit oder aus dem, was damit von anderen Ländern gekauft wird.“ (zit. nach der dt. Übersetzung: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. München 61993, S. 3 – alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe).

Wie kann nun der Wert dieses Fonds maximiert werden? Smith’ Antwort ist die Arbeitsteilung. An seinem berühmten Stecknadelbeispiel macht er die Vorzüge arbeitsteiliger Produktion deutlich: Ein Arbeiter, der alle Arbeitsschritte der Stecknadelherstellung alleine vollzieht, kann „selbst wenn er sehr fleißig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen“ (S. 9). Zergliedert man den Herstellungsprozess jedoch „in eine Reihe getrennter Arbeitsgänge“ – Smith kommt auf „etwa 18“ –, so sind „10 Arbeiter imstande, täglich etwa 48.000 Nadeln herzustellen“, denn aufgrund der „sinnvollen Teilung […] der einzelnen Arbeitsgänge“ sind die Arbeiter zu Experten für ihren Arbeitsschritt geworden und schaffen leicht ein solches, für den Einzelnen unerreichbares Pensum. (S. 10) Doch nicht nur der „gesteigerten Geschicklichkeit“ der (Fach-)Arbeiter, sondern auch dem verstärkten Maschineneinsatz ist der Produktivitätszuwachs geschuldet.

Die Verdrängung der menschlichen Arbeitskraft durch die Maschine wird bei Smith noch nicht problematisiert, sehr wohl aber – das wird häufig übersehen – spricht er die negativen Auswirkungen der arbeitsteiligen Wirtschaftsweise auf die Persönlichkeit des Arbeiters in klaren Worten an: „Jemand, der tagtäglich nur wenige einfache Handgriffe ausführt, die zudem immer das gleiche oder ein ähnliches Ergebnis haben, hat keinerlei Gelegenheit, seinen Verstand zu üben. […] So ist es ganz natürlich, daß er verlernt, seinen Verstand zu gebrauchen, und so stumpfsinnig und einfältig wird […]. Selbst seine körperliche Tüchtigkeit wird beeinträchtigt, und er verliert die Fähigkeit, seine Kräfte mit Energie und Ausdauer für eine andere Tätigkeit als der erlernten einzusetzen. Seine spezifisch berufliche Fertigkeit, so scheint es, hat er sich auf Kosten seiner geistigen, sozialen und soldatischen Tauglichkeit erworben.“ (S. 662 f.) Smith sieht hier den Staat in der Pflicht: „Dies aber ist die Lage, in welche die Schicht der Arbeiter, also die Masse des Volkes unweigerlich gerät, wenn der Staat nichts unternimmt, sie zu verhindern.“ (S. 663).

Dennoch ist die Arbeitsteilung unabdingbare Voraussetzung für die steigende Produktivität (Wertschöpfung pro Arbeitskraft), die mit der Beschäftigungsquote (Arbeitskräfteanteil an der Einwohnerzahl) multipliziert ein Maß für den „Wohlstand einer Nation“ ergibt, das heute noch Anwendung findet, nämlich als Sozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung.

Smith entwickelt für die Beschäftigung eine Theorie des Arbeitsmarkts, in der die Nachfrage nach Lohnarbeitern abhängig ist von der Investitionsrate und der Lohnhöhe, d. h. je größer der Lohnfond und je geringer der Lohn, desto größer die Nachfrage. Also wird – konstante bis gering schwankende Löhne vorausgesetzt – der Faktor Kapital entscheidend, denn der Anteil des Gewinns, der als Investition in Löhne verwendet wird, bestimmt die Beschäftigungsquote und damit auch das Wachstum der Volkswirtschaft: „Sobald sich nun aber Kapital in den Händen einzelner gebildet hat, werden es einige von ihnen natürlich dazu verwenden, um arbeitsame Leute zu beschäftigen, denen sie Rohmaterialien und Unterhalt bieten, um einen Gewinn aus dem Verkauf ihres Produktes zu erzielen, genauer gesagt, aus dem Verkauf dessen, was deren Arbeit dem Material an Wert hinzufügt.“ (S. 43). Geht man nach der ceteris paribus-Klausel von konstanten Rahmenbedingungen (Konsum des Unternehmers, Produktivität, Investitionsquote) aus, so bestimmt das in Arbeitskräfte investierte Kapital das Wirtschaftswachstum, das mithin um so höher ist, je mehr Kapital dem Unternehmer zur Verfügung steht. Arbeitsproduktivität und Kapitalakkumulation werden damit zu den Garanten des Wohlstands. Dies funktioniert jedoch nur so lange, wie der Unternehmer seinen Konsum in Grenzen hält und entsprechend die Gewinnverwendungsregel, die ihm die Reinvestition in Löhne vorschreibt, auch normativ versteht. Der Schlüssel liegt also in der unterstellten „calvinistischen Askese“, die der Unternehmer üben muss. Wird diese Askese, die bei Max Weber zur „Entstehungsbedingung des Kapitalismus“ ernannt wird, nicht strikt eingehalten, kommt es mit anderen Worten zur kontraproduktiven Erhöhung des Unternehmerkonsums bis hin zum „Luxus“, so ist der Wachstumspfad der Volkswirtschaft und damit das Gemeinwohl gefährdet. Maßvoller Konsum ist im Wirtschaftsliberalismus also nicht mehr nur moralische Notwendigkeit für das individuelle Seelenheil, sondern darüber hinaus eine ökonomische, mit Folgen für das Gemeinwohl, denn vom Konsum des Unternehmers hängt die effiziente Allokation der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit ab.

Doch warum sollte der Unternehmer, statt sein Leben in ostentativem Luxus zu genießen, asketischen Konsumverzicht üben und den „überflüssigen“ Teil seines Gewinns reinvestieren? Die Antwort, die der Moralphilosoph Smith gibt, ist so verblüffend wie eindeutig: Weil er genau davon noch mehr profitiert. Denn der Unternehmer möchte auch zukünftig Gewinne erwirtschaften, also investiert er in Arbeit, nicht aus Nächstenliebe dem Arbeitsuchenden gegenüber, sondern wegen seiner Gewinnziele. Nicht dennoch, sondern gerade deshalb erzielt er die optimale Wirkung auch für den Arbeitsuchenden, denn dieser bekommt eine Arbeitsstelle, nicht weil er sie aus moralischen Gründen bekommen sollte, sondern weil er dem Unternehmer mit seiner Arbeitskraft in der Erreichung des Gewinnziels unterstützt. Dieser wiederum schafft keine Arbeitsplätze aus Mitgefühl, sondern im Hinblick auf seinen Gewinn, er denkt bei der Investition nicht ans Gemeinwohl, sondern nur an sein eigenes Interesse (self-interest).

Die Kopplung von Eigennutz und Wohlfahrt ist der entscheidende Gedanke der liberalistischen Wirtschaftstheorie nach Adam Smith. Smith wendet die egoistische Triebkraft der menschlichen Natur zugunsten des Gemeinwohls, so dass Eigennutz, Egoismus und Gewinnstreben nicht allein notwendig und natürlich erscheinen, sondern vielmehr wünschenswert und nützlich sind, denn wenn jeder Einzelne seinen Partikularinteressen folgt, resultiert daraus Wohlfahrt für alle. Der allein nach den Erfordernissen seines Gewinnmotivs handelnde Mensch – „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“ (S. 17) – wird nolens volens auch zum Nutzen der Gemeinschaft tätig, denn „er wird […] von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.“ (S. 371). Derart durch die berühmte „unsichtbare Hand“ des Marktes geleitet, kann also egoistisches Handeln positive Folgen für das Gemeinwohl haben, die gar nicht beabsichtigt sind, was sicherlich eine der faszinierendsten Entdeckungen der Geistesgeschichte ist. Die Idee der „unsichtbaren Hand“ trägt dafür Sorge, die Knappheit der Ressourcen angesichts der quasi unendlichen Bedürfnisse der Menschheit effizient zu verteilen. Smith löst damit den individuellen Armutsbegriff auf in einen Begriff der gesellschaftlichen Armut, deren Verteilungsantagonismus qualitativ erhalten bleibt; quantitativ jedoch verschwindet die Armut allmählich, trägt doch die Dynamik des Profit-Investitions-Beschäftigungs-Systems zu einer Abschwächung der Gegensätze von Arm und Reich bei, da der steigende „Wohlstand der Nation“ das Einkommen aller anhebt. Anders gesagt: Für die wirtschaftliche Vertikale, also das Einkommensverhältnis Unternehmer zu Arbeiter bleibt ein Unterschied bestehen, für die historische Horizontale, also das Einkommensverhältnis Arbeiter zum Zeitpunkt t(1) zu Arbeiter zum Zeitpunkt t(0) liegt die Lösung, also das Ansteigen des Arbeitereinkommens, gerade in jener Wohlstandsökonomik begründet, die durch die vertikale Spannung entfaltet wird und die irgendwann – so der Gedanke – zu einem Zustand führt, in dem es allen Arbeitern gut und in dem es sozioökonomisch irrelevant ist, dass es den Unternehmern zur gleichen Zeit besser geht. So gelingt Smith auch der (theoretische) Nachweis, dass eine kapitalistische Wirtschaft, die das Produkt der Arbeit den Arbeitern vorenthält, diesen dennoch im Ergebnis einen höheren Lebensstandard gewährt als jede Selbstversorgungsgesellschaft zuvor. Die Einlösung des Versprechens der Caritas-Wirtschaft beginnt mit der smith’schen Ökonomie.

Smith’ Theorie kann von daher trotz – oder gerade wegen – des Eigennutzgedankens als utilitaristisch konform angesehen werden, denn er hat sehr wohl die allgemeinen Konsequenzen im Blick. Die altruistische Forderung der utilitaristischen Ethik, nach der eine Handlungsweise gut genannt wird, deren Folgen geeignet sind, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl (Bentham) zu erreichen, wird bei Smith nicht um den Preis des Egoismus erreicht, sondern vermittels des Egoismus.

(Josef Bordat)

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