Merchandising Missbrauch

11. April 2013


Steven Spielberg möchte den „Missbrauchsskandal“ (also: das Bekanntwerden von Fällen sexuellen Missbrauchs in katholischen Einrichtungen und / oder durch katholische Priester) verfilmen. Das kann man – je nach Temperament – für einen schlechten Scherz halten oder für eine astreine Geschäftsidee, besonders kreativ ist es aber nicht, auch nicht, wenn man die zeitgemäße Bedeutung von „kreativ“ (eigentlich: „schöpferisch“) zugrunde legt: „möglichst skurril und wenn’s irgend geht: religiöse Gefühle verletzend“. Nein, den Vogel abgeschossen hat längst die Firma RoundGames, die kleine Videospielchen für den Computer und das Mobiltelefon feil bietet, Produkte, an und für sich gedacht als netter Zeitvertreib zwischen zwei Meetings oder auch währenddessen.

Eines der Spiele thematisiert den Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen. In diesem Spiel besteht der Vatikan aus Kardinälen, die ausnahmslos Kinderschänder sind, und aus Kindern, die sich ausnahmslos prostituieren. Für jede erfolgreiche Vermittlung von Kirchenmann bzw. Kinderschänder und Kind – im Spiel von Benedikt XVI. vorgenommen – erhält der Spieler 1000 Punkte.

Ein solcher Umgang mit dem Thema mag für einige Menschen mit ziemlich großen Scheuklappen und kleinem Informationsbedarf eine gewisse Ventilfunktion einnehmen, die psychologisch durchaus ihren Wert haben mag. Doch zum einen verhöhnt ein solches Spiel nicht nur die Täter, sondern auch deren Opfer, da der sexuelle Missbrauch im Spiel willentlich geschieht bzw. „belohnt“ wird, der Spieler also gerade fürs „Mitspielen“ seine Punkte erhält; dass damit der kriminelle Akt des Missbrauchs dramatisch verharmlost wird, sollte klar sein.

Zum anderen nützt die Pauschalisierung (Alle in der Kirche sind Kinderschänder.) der Reduktionsrhetorik (Alle Kinderschänder sind in der Kirche.). Auch wenn sich dies aus jenem nach den Regeln der Logik nicht herleiten lässt, entsteht auch hier wieder der (völlig falsche) Eindruck, als handle es sich bei Missbrauch um ein Problem der Kirche. Das Spiel reiht sich also in den medial geschickt gelenkten Diskurs ein, der das Klischee der Einsetzungsgleichheit von Kirche und Missbrauch befördert, soweit eben immer nur – gerade auch in Artefakten der Populärkultur (Filme, Spiele) – von Missbrauch in der Kirche die Rede ist.

Dahinter steht offenbar die Angst, das Thema könne auch für Menschen außerhalb der Kirche relevant und damit unbequem werden, für Automechaniker, die Kinder missbrauchen, für pensionierte Nachbarn, die wegschauen, für Parfümeriefachverkäuferinnen, die ihre Kinder an Rechtsanwälte vermieten. Darüber spricht man nicht, so lange man über die Kirche sprechen kann. Tenor: Bloß nicht die gesellschaftliche Dimension des Missbrauchs beleuchten! Nur nicht am modernen Dogma rütteln, Missbrauch sei „irgendwas mit Kirche“! So hat die Gesellschaft ihren Sündenbock und zugleich ihre Ruhe. Das Problem ist: die Täter auch (so sie denn keine Priester sind). Und so können weiterhin weltweit täglich zehntausende Kinder missbraucht werden, ohne dass es irgendjemanden interessierte. Oder interessieren müsste. Denn ein Videospiel herunterzuladen, das ist heutzutage bereits genug getan – im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Oder gegen die Kirche.

Wer den Vertrieb des Videospiels stoppen will, kann bei Haz te oir eine entsprechende Petition unterzeichnen.

(Josef Bordat)

 

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