Ökologie des Menschen. Die Anthropologie Benedikts zwischen Gewissen und Natur

15. April 2013


Morgen hat Benedikt XVI. Geburtstag. Der emeritierte Papst wird 86 Jahre alt. Einer der Höhepunkte seines fast achtjährigen Pontifikats war aus deutscher Sicht der Besuch in der Heimat im September 2011. Und der Höhepunkt der Deutschlandreise war für mich seine Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011. Es lohnt sich, sie noch einmal in aller Ruhe durchzugehen und Kerngedanken daraus zu destillieren, die über das Pontifikat hinaus Bedeutung haben.

1. Das Generalthema in Benedikts Rede ist die Frage nach den „Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats“, also die Frage nach Gerechtigkeit. Es war eine rechtsphilosophische Vorlesung zu den Quellen des Legalen im Guten und Wahren, sprich: im Naturrecht. Die Grundfrage war eine für das politische Geschäft entscheidende: Was ist die Basis des positiven Rechts, also: der Gesetze? Woher begründet sich der Umstand, dass die Gesetzgebung (also: das von Benedikt adressierte Parlament) Regeln erlässt, die Dinge allgemein ge- oder verbieten?

Eine mögliche und naheliegende Antwort lautet: Aus dem Mehrheitsprinzip. Das ist nicht falsch, muss aber in Einzelfällen hinter der Ahnung davon zurückweichen, dass bestimmte Dinge unserer Fähigkeit zur Konventionierung oder Konfektionierung entzogen sein sollten. Wahrheit ist manchmal ungleich Mehrheit, Mehrheit garantiert nicht immer Wahrheit. Dieser Gedanke ist der Grund naturrechtlicher Überlegungen, Motiv der Suche nach einer Gewissheit jenseits dessen, was räumlich und zeitlich isoliert als „gewiss“ zu gelten hat. Es ist die Suche nach Wahrheit jenseits von Stimmigkeit, von Stimmung. Es ist die Suche nach der Natur des Menschen, nach einem Sein, das die Konstante bildet bei dem Versuch, Gerechtigkeit zu schaffen durch ein Sollen.

Doch kann man ethische Normativität (Sollen) tatsächlich aus dem entnehmen, was ist, also aus der Natur des Menschen (Sein)? Nein, soweit das Sein im Sinne der positivistischen Weltsicht ein funktionalistisches System meint, das sich wissenschaftlich komplett beschreiben lässt. Ja, soweit es Gottes Schöpfung meint, eine Natur, der Vernunft und Freiheit eingestiftet sind. Um diese Natur geht es im Naturrecht, diese Natur des Menschen meint Benedikt. Nur eingedenk dieser Natur lässt sich Kultur schaffen, kann der Rechtsstaat gelingen. Diese Natur ist also Thema seiner Rede, auch wenn er, wie wir sehen werden, die Natur im Sinne der natürlichen Umwelt nicht unberücksichtigt lässt. Auch sie ist ein Aspekt bei der Aufgabe des Parlaments, nach Gerechtigkeit zu suchen.

2. Zunächst – gewissermaßen als Prolog zur Diskussion der menschlichen Natur und des Naturrechts – spricht Benedikt vom Gewissen. „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3, 9). Der Knecht, das ist König Salomon, dem Gott eine Bitte gewährt. Diesen König, der sich als Knecht Gottes sieht und vor rund 3000 Jahren Israel regierte, stellt Benedikt zu Beginn seiner Rede in den Plenarsaal, als anschauliches Vorbild für den Politiker Anno 2011. Das passt. Denn der junge König Salomon, der sich der Schwierigkeit seiner kommenden Regentschaft bewusst ist, bittet Gott nicht um die Erfüllung eines naheliegenden persönlichen Wunsches, sondern um ein „hörendes Herz“, um ein Gewissen, das gut informiert und klug gebildet ist, könnten wir sagen. Salomon will aus dieser Gesinnung heraus wahrhaftig leben, will wissen können, was gut und böse ist und die Amtsgeschäfte daran ausrichten. Salomon will als König sein gutes Gewissen nicht verlieren. Er will Knecht bleiben, Diener. Ein gutes Vorbild für alle politischen und gesellschaftlichen Verantwortungsträger heute.

Benedikt greift mit dem Wunsch Salomons nach einem „hörenden Herz“ das Thema einer ethischen Gewissheit auf, die sich dem politischen System entzieht: das Gewissen. Mit dem Gewissen ist jene eigentümliche Instanz des menschlichen Bewusstseins gemeint, die dem Menschen so nah ist wie nichts anderes, und die doch in ihrem Ratschluss unverfügbar bleibt. Zu der Zeit, als die Geschichte Salomons aufgeschrieben wird, gibt es das Wort „Gewissen“ noch nicht. Das Phänomen wird bildlich gefasst mit Begriffen wie „Seele“, „Geist“, „das Innere“ oder ganz plastisch mit lebenswichtigen inneren Organen des Menschen in Verbindung gebracht: „Leber“, „Nieren“ und „Herz“. Auch wir kennen ja heute noch diesbezügliche Redensarten, uns geht etwas „an die Nieren“ oder wir bringen etwas nicht „übers Herz“. So ist mit dem „hörenden Herz“ ein waches Gewissen gemeint, das gut und böse unterscheidet und zu gerechten Urteilen kommt.

Das ist ein guter Einstieg für eine Rede über die Grundlagen des Rechts, verhält sich doch das Gewissen zur Moral wie das Naturrecht zum Gesetz: Jenes ist die Quelle, aus der wir schöpfen, dieses der Ausdruck ihrer Konkretion im Leben des Einzelnen bzw. der Gemeinschaft, auf der Suche nach Gerechtigkeit.

3. So kommt Benedikt zur Natur des Menschen. Wenn wir den reduzierten Naturbegriff des Positivismus, der den Menschen mit den wissenschaftlich zu erhebenden Daten seiner Materialität und Körperlichkeit hinreichend beschrieben sieht, zugunsten eines Naturkonzepts verwerfen, das den Menschen Leib und Seele, Vernunft und Gewissen, Freiheit und Verantwortung als Anlagen in sich tragen lässt, dann, so Benedikt mit Kelsen, liegt der Gedanke nahe, von „Schöpfung“ zu sprechen. Oder zumindest danach zu fragen: „Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?“

In historischer Perspektive ist diese Frage klar mit Nein zu beantworten: „Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis.“ Und diese kollektive Erinnerung ist kein Ausdruck religiösen „Wahns“, sondern deckt sich mit dem wissenschaftlichen Forschungsstand. Die Folge: „Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben.“ Die andere Folge: Den Schöpfergott werden wir mit Respekt vor unserer Geschichte nicht mehr los.

In der Tat ist das der „Preis“ des Naturrechts: die Beziehung des Menschen zu Gott, bei der Vernunft als Teilhabe, Freiheit als Bindung, Würde als Geschenk und Gewissen als Stimme Gottes verstanden wird, die von einem „hörenden Herz“ empfangen und von unserer Haltung und unseren Handlungen beantwortet wird. Diesen „Preis“ ist der heute so geschichtsvergessene Mensch, dem Autonomie und Unverbindlichkeit über alles geht, nicht mehr zu entrichten bereit. Zudem ist das ganze naturrechtliche Inventar Metaphysik pur und erschließt sich nur im Glauben. Und genau darin liegt dann auch die Schwierigkeit, dem Naturrecht in glaubensschwacher Zeit zur Geltung zu verhelfen: Es ist nämlich möglich, den inneren Ruf von Vernunft und Gewissen systematisch zu überhören. Auch darin tritt menschliche Freiheit zu Tage. Paulus, Thomas von Aquin und die gesamte katholische Naturrechtstradition rechneten nicht mit der Kraft der Zerstörung menschlicher Naturanlagen durch den Menschen selbst. Der Wille Gottes, der sich in der Schöpfung manifestiert, muss sich im Willen des Menschen fortsetzen. Gott will, dass wir als Menschen menschlich sind. Wenn wir das aber selbst nicht wollen, versagt auch das Naturrecht.

Daher bedarf es des Junktim von Gott und Mensch, Glauben und Freiheit, Natur und Willen. Der Mensch, so Benedikt „ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Zuvor hatte Benedikt bei seiner ersten Rede die Notwendigkeit der Rückbindung menschlicher Freiheit an Gott noch deutlicher betont: „Wie die Religion der Freiheit bedarf, so bedarf auch die Freiheit der Religion.“ Denn: „Dass es Werte gibt, die durch nichts und niemand manipulierbar sind, ist die eigentliche Gewähr unserer Freiheit.“ Mit anderen Worten: Ohne Gott gerät die Freiheit in Gefahr und der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat ins Wanken. Deswegen ist es gut, wenn hierzulande  Recht aus dem Bewusstsein der Verantwortung „vor Gott und den Menschen“ entsteht.

Also: Der naturalistische Schluss vom Sein auf das Sollen geht nur fehl, wenn er auf einer positivistischen Naturauffassung basiert. Umgekehrt lässt sich die Dichotomie von Sein und Sollen aufheben, indem die Natur des Menschen nicht nur funktionalistisch, sondern als Ausdruck des göttlichen Willens verstanden wird. Darin wiederum mag man sogar einen Hinweis entnehmen auf das fundamentale Unrecht, das Menschen (auch innerhalb der Kirche!) begehen, wenn sie die menschliche Natur und den göttlichen Willen missachten – stehe in Normen und Regeln, was auch immer dort stehe, fordere die Welt, was auch immer sie fordere. Wir landen am Ende wieder beim Gewissen – bei Salomons „hörendem Herz“.

4. Wer „Natur“ hört, denkt nicht unbedingt zuerst an den Menschen, dessen Moralität und die Begründung von Recht, sondern an grüne Wiesen, dichte Wälder und plätschernde Bäche. Doch auch diese uns umgebende Natur, die „Umwelt“, darf nicht funktionalistisch betrachtet, nicht instrumentalisiert werden. Das aber – und hier besteht der Zusammenhang zum Begriff der menschlichen Natur – ist gerade Zweck und Ziel der wissenschaftlich organisierten Naturverfügung, wie sie als Mega-Projekt der Moderne nicht von ungefähr ebenfalls erstmals bei Francis Bacon in Erscheinung tritt, im Verein mit dem Empirismus als neuer Methode der Naturforschung, die zugleich das wichtigste Werkzeug des Positivismus ist. Das aber ist ein Programm der Vergangenheit. Verantwortung für die Schöpfung (säkular: Umweltschutz) gebietet ein Umdenken, damit wir als Menschen in der Natur und gemäß unserer Natur Zukunft haben.

Benedikt skizziert diese Notwendigkeit: „Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“ Auf dem Weg in diese gelüftete Zukunft lohnt ein Blick in die jüngste Vergangenheit: „Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.“

Dieser Blick auf „Natur“ darf jedoch nicht die „Ökologie des Menschen“ übersehen, denn – noch einmal: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann.“ Lebensschutz im umfänglichsten Sinne – für die Zukunft der Menschheit. Der rechtphilosophische Diskurs mündet bei Benedikt dort, wo er mit Blick auf die Naturrechtstradition begann: in einem holistischen Konzept von Natur, dass über die biologische Bedingtheit, die Körperlichkeit, die Umwelt hinaus auf das Wesen des Menschen erweist, auf das christliche Menschenbild.

(Josef Bordat)

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