Philosophie, nicht Mystik. Kurt Flasch über Meister Eckhart (3)

28. April 2013


Kurt Flasch ist einer der bedeutendsten deutschen Mediävisten, ausgewiesen durch zahlreiche Publikationen zur mittelalterlichen Philosophie, die zum Teil den Status von Standardwerken erreicht haben. Im Zusammenhang mit Meister Eckhart verfolgt der Ideenhistoriker seit der Eckharttagung auf Kloster Engelberg (1984) ein Ziel: Meister Eckhart, der vielen als Hauptvertreter der Deutschen Mystik gilt, „aus dem mystischen Strom zu retten“. So in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre mit programmatischen Aufsätzen (Meister Eckhart. Versuch, ihn aus dem mystischen Strom zu retten; Meister Eckhart und die deutsche Mystik. Zur Kritik eines historiographischen Schemas, beide 1988), so zuletzt mit den Monografien Meister Eckhart. Die Geburt der „Deutschen Mystik“ aus dem Geist der arabischen Philosophie (2006) und Meister Eckhart. Philosoph des Christentums (2010); dazwischen immer wieder philologisch aufwändige Projekte voller Einsatz für den anderen Eckhart, den Philosophen. So 2007, als der Verlag C. H. Beck Meister Eckharts Buch der göttlichen Tröstung herausgab: die Übersetzung und das Nachwort besorgte Kurt Flasch.

Das Trostbuch Meister Eckharts war weder das erste, noch das letzte seiner Art, denn: „Der Mensch braucht Trost.“ Es steht vor allem in der Tradition des berühmten Boethius-Werks Trost der Philosophie, so Flasch in dem umfang- und hilfreichen Nachwort. Selbstverständlich gibt es auch hier wieder Seitenhiebe gegen die „Mystik-Freunde“: Nicht nur, dass er Eckharts Trostbuch durch den Verweis auf Boethius bewusst mit einem „poetisch-philosophischen Buch“ in Verbindung bringt, das „Leiden und Tod Christi nicht erwähnt“, statt dessen Trost „in der Philosophie“ zu finden verspricht – nein, schon Eckhart selbst mache deutlich, so Flasch, dass er nicht „im ,mystischen Strom‘ schwimmt“, da er nicht die Vorstellung, sondern den Intellekt anzusprechen beabsichtige.

Das überrascht, angesichts der bildhaften Sprache des Trostbuchs, das mit manchem profanen Beispiel aus dem Alltag – mal geht es um materielle Habe, mal schlicht und einfach um Geld – doch wohl gerade die Vorstellung der Leserschaft anzuregen versucht. Aber es soll im Folgenden weniger um Flaschs eigentümliche Eckhart-Interpretation gehen, sondern um den Wert der Neuübersetzung an sich. Denn einen besonderen Wert sollte das Neue gegenüber dem Alten schon haben, sonst lohnt die Mühe nicht.

Es sei schon jetzt gesagt: Die Mühe hat sich durchaus gelohnt. Nicht nur sprachliche Eleganz (man merkt wieder einmal, warum die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Flasch im Jahr 2000 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen hat), sondern insbesondere philologischer Mehrwert zeichnen die Neuedition aus. Flasch stellt den Originaltext und seine Übersetzung nebeneinander und sorgt so für Transparenz. Der Vergleich mit dem wissenschaftlichen Standard, Josef Quints Werkausgabe; hier: Deutsche Werke (Band V), offenbart zahlreiche stilistische und inhaltliche Abweichungen. Dies soll an der zentralen Stelle des Eckhart’schen Trostbuchs verdeutlicht werden. Eckhart spricht in Anlehnung an die stoische Schicksalserduldung beim „heidnischen Meister“ Seneca über den Grund des Trostes in Unglück und Leid. Eckhart sagt, der Trost liege in der Willenseinheit mit Gott, also in der Aufgabe des eigenen Willens, der Willensarmut, und in der Anerkenntnis, dass alles, was geschieht, aus, mit und in göttlichem Willen geschieht – auch Dinge, die wir, so wir an unserem Willen festhalten, als Unglück und Leid betrachten.

Flaschs freie Übertragung weicht hier signifikant von der sehr textnahen Übersetzung Quints ab. Flasch sorgt mit seiner Interpretation dafür, dass der Text leichter lesbar und damit verständlicher wird, doch um den hohen Preis, den metaphorischen Duktus Eckharts gegen den begrenzten Charme der Alltagssprache einzutauschen: Aus einwillic mit gote macht er „willeneins mit Gott“ (Quint übersetzt „einwillig mit Gott“), aus alles, daz geschaffen oder geschepfelich ist (Quint: „alles, was geschaffen oder erschaffbar ist“) wird „irgend etwas Geschaffenen oder Erschaffbaren“, tûsent werlte êwiclîche möhten wesen (Quint: „in Ewigkeit tausend Welten geben könnte“) wird zu „tausend Welten, die ewig bestünden“ (was ein Unterschied ist) und aus wunderlîches und wünniglîches lebens – bei Quint: „wundersames und wonnigliches Leben“ – wird in Flaschs neuer Sachlichkeit ein „außergewöhnliches und freudiges Leben“. Damit bleibt der Übersetzer Flasch dem Philosophen Flasch treu: Der sachliche Stil seiner Übersetzung leistet einen formalen Beitrag zu seinem Entmystifizierungsprogramm.

Schließlich sei noch auf einige drucktechnische Besonderheiten hingewiesen. Eckharts Thesen standen teilweise auf dem Index. Flasch markiert die inkriminierenden Stellen kursiv. Das ist einerseits originell und hilfreich, andererseits lenkt er damit die Aufmerksamkeit gezielt auf die „Häresien“. Auch markiert Flasch einzelne Begriffe zur Aufmerksamkeitslenkung, wenn auch sparsamer als Quint, der nach Gutdünken Kursivierungen vornimmt, wo er meint, im Originaltext sei etwas undeutlich geblieben.

Auch wer dem Feldzug Flaschs gegen den Mystiker Eckhart skeptisch gegenübersteht, kann von der Neuausgabe des Buch der göttlichen Tröstung profitierten, denn in ihr wird ein bedeutender Text des Meisters philologisch hochinteressant aufbereitet, was jedem Eckhart-Freund, unabhängig von der je eigenen Deutung, neue Perspektiven bietet. Zudem wurde mit der sprachlichen Entschärfung ein niederschwelliges Einsteigerangebot geschaffen, das auch bei Eckhart-Skeptikern auf Interesse stoßen sollte.

(Josef Bordat)

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