Willkommen zuhause!

3. Mai 2013


Stefan Rochow schreibt über seinen Weg vom Neonazi zum Christen. Eindrucksvoll.

Vor fünf Jahren ist Stefan Rochow aus der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) ausgetreten. Zuvor hatte er bei den Rechtsextremen binnen eines Jahrzehnts eine steile Karriere gemacht: Bundesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten (JN), Mitglied des Parteivorstands, Fraktionsassistent in Dresden, Pressesprecher in Schwerin. Warum also der Austritt? Unzufrieden mit der Bezahlung? Nein, die Antwort lautet: Weil Stefan Rochow durch den Menschen Joseph Ratzinger Gott gefunden hat und Christ wurde. Und die Nachfolge Christi lässt sich mit Ausländerfeindlichkeit, übersteigertem Nationalbewusstsein und völkischer Herrenmoral nicht vereinbaren, denn Jesus kam und sprach zu allen, Seine Botschaft erreichte über die Apostel alle Völker und Nationen. Bei Gott gibt es keine Weißen und keine Schwarzen, keine Deutschen und keine Ausländer. Vor Gott sind alle Menschen gleich.

Wer Stefan Rochows Weg nachvollziehen will, muss sein jüngst erschienenes biographisches Bekenntnis Gesucht – Geirrt – Gefunden lesen. Darin analysiert er schonungslos seinen Werdegang, beschreibt ausführlich die Bedingungen, unter denen er Ende der 1990er Jahre die NPD so attraktiv fand, dass er in die Partei eintrat und in ihr aufstieg. Dem Aufstieg folgte jedoch bald der Einstieg in den Ausstieg, den seine Partei ihm höchstselbst geradezu aufdrängte. Die wachsende Unzufriedenheit mit dem geringen intellektuellen Anspruch, mit dem in der NPD komplexe Fragen von Wirtschaft und Politik verhandelt wurden (und wohl nach wie vor werden), die Abneigung gegen das völkische Gehabe in Teilen der Partei, die das Volk unterdessen völlig vergisst („Tagtäglich bemerke ich, dass die NPD keine Antworten auf die Fragen der Menschen geben kann.“) und die alles andere als kameradschaftlichen Umgangsformen innerhalb der Führungsriege bereiten Rochow allmählich vor, die eigentlichen Grundlagen des „braunen Selbstversorgungswerks“ zu identifizieren und sich von der Partei zu lösen.

Doch um sich zum finalen „Es reicht!“ durchringen zu können, bedarf es mehr, es braucht eine Gegenidee als Kontrastmittel, aus der eine neue Position entsteht, die nicht bei der Negation des bisherigen Weges stehenbleibt. Zumal dieser Weg ja keine kurze Episode im Leben Stefan Rochows war – er ging ihn eine weite Strecke, einen großen Teil seines bisherigen Lebens. „Jahrelang“, so schreibt der Autor rückblickend, „gehörte ich zu den Strippenziehern des Rechtsextremismus in Deutschland. Ich schrieb, ich organisierte, ich redete, ich reiste durch die Lande, immer bereit, Menschen gegen das System aufzuwiegeln, dem ich Todfeindschaft geschworen hatte.“ Kurzum: „Ich war Neonazi.“ Dass hier nun die Vergangenheitsform steht, verdankt Stefan Rochow nicht nur der wachsenden Abneigung gegen die NPD, sondern der Zuwendung zu etwas völlig Neuem, das dem „Neonazi“ stets „völlig egal“ gewesen ist: Gott, Glaube, Kirche. Nach eigenem Bekunden ist es Joseph Ratzinger, der diesen entscheidenden Schritt motiviert. Als dieser im April 2005 Papst Benedikt XVI. wird, stellt er Stefan Rochows Weltbild in Frage, mit seiner „Einfachheit“, der „Schüchternheit“ und der „Demut“, die den damaligen NPD-Funktionär „beeindrucken“. Er forscht nach, liest Das Salz der Erde, geht zu Weihnachten in die Christmette, lässt sich intellektuell ansprechen und sinnlich berühren. Hinzu treten biographische Ereignisse, die Rochow in seiner Suche nach Orientierung bestärken. In der Rückschau ergibt sich jener rote Faden göttlicher Fügung, den so viele Bekehrte im Nachhinein zu erkennen vermögen.

Stefan Rochow bricht nicht abrupt mit der NPD. Er arbeitet noch eine Zeit lang für die Schweriner Fraktion, outet sich dort aber als Christ, erntet Misstrauen und zieht dann im Herbst 2007 die Konsequenzen: dem Ausscheiden aus dem Vorstand der JN folgt bald der Parteiaustritt. Es ist eine Entscheidung gegen die Inhalte, den Politikstil und die persönlichen Machenschaften der NPD, es ist aber vor allem eine Entscheidung für Jesus Christus, für den Glauben, für die Kirche. Und ein bisschen auch für den Papst.

Das Buch ist in Offenheit geschrieben, dass es zudem ehrlich ist, sei unterstellt. Es ist ein Gespräch des Autors mit dem Leser, der sich manches mal wundern muss, bevor er sich am Ende mit Stefan Rochow freuen kann. Dieser schreibt als Insider über die verstörenden Verhältnisse in der Partei und den Fraktionen, beschreibt, wie er sich immer unwohler fühlt in dieser Melange aus Inkompetenz und Dreistigkeit und vollzieht noch einmal gedanklich den Weg hinaus, ohne Larmoyanz, ohne Schuldzuweisungen an Dritte, ohne Wenn und Aber – Voraussetzungen für die Umkehr im Sinne des Evangeliums. Das Buch ist unterhaltsam, teils gar launig geschrieben, insoweit eine sehr angenehme Lektüre. Es bringt jedoch zunächst und vor allem eine wichtig zweiteilige Botschaft. Es zeigt zum einen, dass und wie der Ausstieg aus der rechtsextremen Szene gelingen kann und dass jedem Ausstieg ein Einstieg folgen muss; hier ist die Gesellschaft gefragt und antwortet unzureichend, so Andreas Molau im Nachwort. Der „Kampf gegen Rechts“ muss dringend um die notwendige „Unterstützung für Nicht-Mehr-Rechts“ ergänzt werden, sonst wird er unglaubwürdig. Zum andern erzählt es die Bekehrungsgeschichte einer öffentlichen Person und macht damit deutlich, welche Kraft der Glaube an Christus zu entfalten vermag. Das Buch ist in diesem Zusammenhang aber vor allem wertvoll, weil es Grunderfahrungen vermittelt, die jeder gläubige Mensch wird nachvollziehen können („Ich hatte Christus in den letzten Jahren, nach und nach aus den Augen verloren. Nie hat er mich aber vergessen.“), es ist ein „Glaubenszeugnis ersten Ranges“, wie Michael Hesemann im Geleitwort schreibt.

Stefan Rochow wird nach seinem Lebens-Wandel sicher nicht überall mit offenen Armen empfangen. Umso wichtiger, dass wir als seine Brüder und Schwestern in Christus die Arme ausbreiten und ihn in der Gemeinschaft derer, die so wie er oft suchen, sich manchmal irren und mit Gottes Hilfe finden, willkommen heißen. Denn: Man kann den Weg Stefan Rochows in die Kirche am besten als „Heimkehr“ auffassen. Und so sollten wir ihm zurufen: „Willkommen zuhause!“

Bibliographische Angaben:

Stefan Rochow: Gesucht – Geirrt – Gefunden: Ein NPD-Funktionär findet zu Christus.
Bad Schussenried: Gerhard Hess Verlag 2013.
248 Seiten, 18,90 Euro.
ISBN: 9783873364318.

(Josef Bordat)

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