Fokolarbewegung. Aus meiner Sicht

4. Mai 2013


Zugleich ein Stück Wikipedia-Geschichte

Vorab: Ich möchte keine Replik schreiben, die sich Punkt für Punkt mit den eher negativen Eindrücken einer Veranstaltung auseinandersetzt, Eindrücke, die ein geschätzter Kollege in Nachtarbeit niederschrieb, den ich zu eben dieser Veranstaltung eingeladen hatte, zumal ich sie, die Einwände, zum Teil sehr gut nachvollziehen kann – mehr noch: Ich stimme ihm weitgehend zu, formal wie inhaltlich. Mit den polemischen Zuspitzungen kann ich schon deshalb gut leben, weil sie meinen Wortschatz bereichern (ich freue mich darauf, demnächst selbst mal die „pinkfarbene Fluffigkeit“ zielgerichtet einzusetzen!). Auf Details möchte ich hier also nicht weiter eingehen.

Ich bitte allerdings um fortgesetztes Wohlwollen der Fokolarbewegung gegenüber, um sich selbst ein besseres Kennenlernen zu ermöglichen und um in der Konkretisierung einzelner Aspekte der Spiritualität (etwa auf der Fazenda Gut Neuhof oder im konkreten Austausch mit anderen Konfessionen) vielleicht ein anderes Verständnis dessen erlangen zu können, was in der Tat auf der Veranstaltung gestern wenig überzeugend war. Diese Chance sollte man sich nicht voreilig verbauen. Lieber Kollege, rechne auch weiterhin mit meinen Einladungen!

Aus meiner Erfahrung darf ich sagen: Hinter den Worten darf man getrost auch Taten erwarten. Egal, wo ich hinkam, ob nach Lateinamerika, nach Afrika oder nach Asien – es waren Menschen aus der Fokolarbewegung, die mich mit großer Selbstverständlichkeit unterstützten, mich begleiteten und meine Zeit bereicherten. Und das sind dann in Thailand eben Buddhisten und in Ägypten mögen es Kopten sein (oder ihre muslimischen Freunde) und in Peru halt Katholiken. Ich kann nicht sagen, dass ich hier einen Unterschied gespürt hätte, den ich konfessionell festmachen könnte. Das ist eine konkrete Frucht der grenzenlosen Liebe, die ich in den letzten zwölf Jahren immer wieder erfahren darf und die dazu beiträgt, dass ich im Grunde ein glücklicher Mensch bin.

Dass dies nicht über alle Probleme hinwegtäuschen soll, die es ebenfalls gibt – in Thailand, in Ägypten, in Peru –, das muss ich wohl extra erwähnen, nach gestern Abend. Nota bene: Meine Hauptkritik an der Fokolarbewegung ist denn auch die, dass ich unterstelle, es sei manchmal besser, Konflikte deutlich hervortreten zu lassen, um sie dann sehr pragmatisch lösen zu können, statt sie mit einem überfrachteten Einheitsbegriff zu überdecken und unter der Oberfläche vor sich hin schwelen zu lassen. Beziehung geht aufs Ganze und die Liebe ohnehin. Manchmal ist mit kontaktarmer Koexistenz den Menschen in einem Land oder einer Region aber erst mal viel mehr geholfen. Das heißt: Die Spiritualität der Liebe und Einheit kann im zwischenmenschlichen „Kontakt“ zur Beziehungsqualität hinführen, trägt aber nur bedingt zur Überwindung systemischer Konflikte bei, wenn nicht zugleich eine politische und juristische Aufarbeitung der Konfliktursachen stattfindet (Stichwort: Frieden braucht Gerechtigkeit). Ich sehe auch den „Fünften Dialog“ kritisch, weil und soweit gegenüber den methodologischen und epistemologischen Eigenarten der Gegenstandsbereiche (gesellschaftliche Systeme im Sinne Luhmanns oder wissenschaftliche Disziplinen) nicht immer die nötige Sensibilität aufgebracht wird. Gleichzeitig sehe ich aber auch den konkreten Erfolg der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ in Brasilien, in Argentinien und anderswo. – Zur „Wirtschaft in Gemeinschaft“ werde ich ein anders Mal Stellung nehmen.

Jetzt nur noch zu einer Sache, und das ist eine philologische. Der Kollege schreibt: „und so fällt es ins Auge, dass in dem oben zitierten Wikipedia-Artikel der Abschnitt ,Kritik‘, der in Artikeln zu religiösen bzw. kirchlichen Themen sonst einen großen Teil des Gesamtumfangs auszumachen pflegt, gänzlich fehlt“. Er suggeriert damit, dass die zuvor genannte „religionsübergreifende“ Spiritualität (die durchaus gegeben ist) Ursache dafür sei, dass man sich bei Wikipedia mit Kritik zurückhalte. Dem ist aber nicht so, wie ich jetzt im einem kleinen Ausflug zur Geschichte des Wikipedia-Artikel Fokolarbewegung nachzuweisen versuche.

Dass der Wikipedia-Artikel keine der üblichen Kritikpunkte formuliert, die zum Standardrepertoire gehören, geht es um irgendwas mit Kirche, mag in der Tat wohl daran liegen, dass im Zuge einer multilateralen Auseinandersetzung um den Artikel, der damals noch Kritikpunkte enthielt, dieser sukzessive umgeschrieben und letztlich der Punkt „Kritik“ ganz gestrichen wurde. Die Auseinandersetzung fand im wesentlichen im Jahre 2007 statt.

Die Auseinandersetzung selbst lief zwischen dem Leiter einer Berliner Gesamtschule und mir um die Absage einer Veranstaltung, die am Rande von der Fokolarbewegung mitgetragen werden sollte, mit der Begründung, diese sei eine „Sekte“ (im Zuge der Diskussion, die ausschließlich schriftlich geführt wurde, stellte sich zudem heraus, dass offenbar das Opus Mariae, also die Fokolarbewegung, mit dem Opus Dei verwechselt wurde, aber das nur am Rande). Gegenstand der Auseinandersetzung war der entscheidungsleitende Artikel auf Wikipedia, der – wie an der Versionsgeschichte nachzuprüfen ist – damals noch Kritikpunkte enthielt. Ich bitte dazu, die Versionen des Jahres 2007 zu prüfen, etwa auch die Beiträge eines Wikipedia-Mitwirkenden names „Sektengegner“[sic!], aber auch die anderer Wikipedia-Beiträger. Zur Veranschaulichung habe ich einen Screenshot vom November 2007 (dem Höhepunkt der Auseinandersetzung) anzubieten.

Screen_Wiki_FB_Nov 2007

Dort wird u. a. die Papsttreue, die Trennung der Geschlechter in den Gruppierungen der Bewegung (die angeblich helfen soll, bei den Jugendlichen das katholische Konzept der „Jungfräulichkeit“ praktisch umzusetzen), die mangelnde Wertschätzung der Identität des Einzelnen zugunsten der Gemeinschaft („Einheit“), die besondere Verehrung, welche die 2008 verstorbene Gründerin Chiara Lubich erfuhr („vor allem in Südeuropa“) und das dies alles eben „sektenartig“, nein nicht etwa ist, sondern: „anmutet“.

In einem längeren Schreiben an den Schulleiter, der auch einigen Verantwortlichen der Fokolarbewegung und (wenn ich mich richtig erinnere) auch Wikipedia selbst zur Kenntnis gegeben wurde, habe ich zu diesen Kritikpunkt apologetisch Stellung bezogen. In welcher Weise, kann man sich vielleicht denken, aber ich werde demnächst einige Passagen des editierten (etwa anonymisierten) Schreibens zur Verdeutlichung veröffentlichen. Ob und inwieweit meine Interaktion schließlich auch zur Revidierung des Wikipedia-Artikels geführt hat, weiß ich mit letzter Sicherheit nicht. Fest steht, dass der ehemals lange Abschnitt „Kritik“ im ersten Halbjahr 2008 zusammenschmolz, ehe es am 28. Juni 2008 von den Wikipedia-Editoren hieß: „Kritik: raus, unbelegt, siehe Diskussion“ (vgl. Screenshot).

Screen_Wiki_FB_Juni 2008

Mein Schreiben wurde am 9. April 2008 veröffentlicht und hat wohl zumindest die Diskussion angeregt. Es wurde unter Vertrauten bereits einen Monat zuvor verteilt und könnte das Eröffnungsstatement vom 26. März inspiriert haben (s. Screenshot).

Screen_Wiki_FB-Diskussion

Wie dem auch sei. Die Sache war damit vom Tisch. Der jetzige Wikipedia-Artikel beinhaltet die übliche Kritik also nicht mehr, weil sich – von verschiedenen Seiten – dagegen gewehrt wurde. Das dazu. Und wenn der geschätzte Kollege dann schreibt: „Nun kann ich nicht verhehlen, dass gerade dieses offenkundige Fehlen von Reibungsflächen und Angriffspunkten mich einigermaßen skeptisch stimmte.“, so möchte ich – nachdem das nun geklärt ist – meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass zumindest hinsichtlich dieses Aspekts („Fehlen von Reibungsflächen und Angriffspunkten“) zu der allgemeinen Einsicht gelangt werden kann, dass die Skepsis, Herr Kollege, insoweit als unbegründet bezeichnet werden darf. Oder?

Ich jedenfalls bin und bleibe zum Dialog bereit. Auch mit Dir, lieber Kollege. In Liebe und mit dem Wunsch nach Verständigung – ganz fokolarisch, um im „Feindbild“ zu bleiben. Allerdings nicht grenzenlos. Das gebietet nicht allein die Vernunft, sondern vor allem die Zeit.

(Josef Bordat)

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