Mein voller Elst

15. September 2013


Es war also doch das, was einige Beobachter des „Luxuswahns von Limburg“ schon vermuteten: Viel Lärm um (fast) nichts. Die gemeinsame Erklärung von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elsts und dem Domkapitel zum Besuch von Kardinal Lajolo klingt jedenfalls weit weniger aufregend als das, was in den Medien während der letzten Wochen zu lesen war. Eigentlich keine Überraschung. Denn was steckt hinter den Anklagepunkten? Eben: Nicht allzu viel.

Nur ein Beispiel: die neue „Dienstvilla“. Sie soll zu teuer geworden sein. 10 Millionen Euro ist eine Menge Geld. Richtig. Aber der Bischof hat sie nicht verjubelt, sondern investiert, in einen soliden, werthaltigen und funktionalen, aber keineswegs luxuriösen Neubau eines Diözesanzentrums mit Amtssitz für den Bischof – eine Drei-Zimmer-Wohnung für sich und seine Nachfolger. Das ganze unter Beteiligung des lokalen Mittelstandes, der von jedem tatsächlichen oder vermeintlichen Änderungswunsch profitierte. 10 Millionen, das sind für jeden Katholiken des Bistums 15 Euro. Eine Last, die sicher zu tragen ist, für ein neues Diözesanzentrum.

Freilich ist gerade die Kirche zu Sparsamkeit aufgerufen (und als Berliner Katholik sage ich das nicht aus akademischer Ferne), aber man sollte mit Verschwendungsvorwürfen, gerade, wenn sie sich ausschließlich an die Adresse einer einzigen Person richten, doch etwas vorsichtiger sein. Das Empörungsgehabe verschleißt sich nämlich auch irgendwann einmal. Und es ist schlecht, wenn man für die echten Skandale den Vorrat an Schmäh-Superlativen schon verbraucht hat. Was sollen die Medien denn noch schreiben, sollte Profifußballern irgendwann einmal eben diese 10 Millionen Euro an Gehalt gezahlt werden – pro Saison? Was, wenn sich herausstellt, dass sich die Eröffnung des Berliner Flughafens auf unbestimmte Zeit verschiebt und das Projekt mit jeder Woche Verzögerung 10 Millionen Euro Mehrkosten auslöst?

Und nicht auszudenken, gäbe es ein Bauprojekt, zum Beispiel (um mal was zu sagen) ein Industriegeschichtemuseum in Tübingen, das einst mit 3 Millionen Euro Kosten veranschlagt worden wäre und am Ende wohl doch – Na, wieviel? – fast 10 Millionen Euro teuer sein würde! Wie gesagt: Nicht auszudenken! Der Wutbürger liefe Amok! „Empörung!“, wallt des Bürgers Brust! Obwohl: Unter einem Bericht vom Mai 2011 über einen ähnlichen Fall (ein Industriegeschichtemuseum in Troisdorf), in dem lapidar feststellt wird: „Die Kosten steigen um weitere 830 000 Euro auf neun Millionen Euro. Das geht aus einer Kalkulation hervor, die die Stadtverwaltung dem Hauptausschuss vorlegt. Zu Beginn der Planungen im Jahr 2008 war noch von drei Millionen die Rede gewesen.“, finden sich wie viele Kommentare geprellter Steuerzahler, die sich darüber beschweren, dass jeder Troisdorfer nun 83 Euro mehr berappen muss als ursprünglich geplant? Hunderte? Oder wenigstens 17? Genau: Null. Kein einziger.

Auch interessant: In den einschlägigen Wikipedia-Artikeln zu den Troisdorfer Museen und zur Burg Wissem findet sich auch nicht bloß die Spur eines Hinweises, während es in Franz-Peter Tebartz-van Elsts Wikipedia-Biographie ein Hauptkapitel „Umstrittene Amtsführung“ mit dem Unterpunkt „Bischofshaus“ gibt, in dem ausführlich (über fünf Absätze) die Kostenfrage erörtert wird, wobei Spiegel-Vermutungen („Verkauf eines Anteils am Gemeinnützigen Siedlungswerk in Frankfurt vom Bischöflichen Stuhl an das Bistum Limburg im Jahre 2009 stehe in Zusammenhang mit dem Neubau des Bischofshauses“), Spiegel-Diktion („monströser Luxuskomplex“) und Spiegel-Mutmaßungen („Kosten […] auf 15 bis 20 Millionen Euro gestiegen“) Eingang in die objektive Betrachtung der vor Neutralität immer mehr zu platzen drohenden Online-Enzyklopädie fanden. Allerdings steht dort auch, dass das Domkapitel die Restaurierungs- und Neubauarbeiten bereits vor dem Amtsantritt Tebartz-van Elsts beschloss und es wird tatsächlich auch auf Dokumente des Bistums verwiesen, etwas widerwillig, wie es scheint, denn ansonsten wird alles getan, die Situation so ungünstig wie irgend möglich aussehen zu lassen – für den enzyklopädisch vorgestellten Bischof, der sich nicht nur Luxus-Villen bauen, sondern auch noch von einer ominösen Stiftung alimentieren lässt („Zusammensetzung ist geheim“). Aus der Editoren-Diskussion des Artikels geht dann aber wieder hervor, dass die (möglicherweise ja entlastenden) Verlautbarungen aus Limburg erst nach den medialen Vermutungen, Verdächtigungen und Verurteilungen „verlinkt“ wurden. Erhellend auch, wie sonst so gearbeitet wird im Hause Wikipedia: Auf den Hinweis, dass ein gegen Tebartz-van Elst erhobener „Plagiatsvorwurf“ wohl eine „Luftnummer“ sei (schade eigentlich), folgt die unwidersprochene Bemerkung: „Finde schon, dass das aufgeführt werden sollte. Dafür wurde TvE ebenso kritisiert, wie für den Bau – den er nicht zu verantworten hat“. Doppelt verräterisch: Wie war das mit der Verantwortung für den „Bau“? Wie ist das in der Wikipedia mit dem Verhältnis von Kritik und Darstellung? Die lexikale Logik hinter dem trotzigen Dennoch! ist doch wohl folgende: Man äußere einen haltlosen Vorwurf und finde ihn, so haltlos er auch sei, am nächsten Tag als Teil des kollektiven Wissensbestands in der Wikipedia wieder, wo er das bescheidene Informationsbedürfnis des Zeitgeists befriedigt, der nicht groß zwischen den Genres „Meinung“ und „Tatsache“ unterscheidet, wenn, ja, wenn es bei Wikipedia steht. Und wenn es passt.

Entschuldigung: Ich bin etwas vom Thema abgekommen. Worum ging’s? Ach so, ja: Viel Lärm um (fast) nichts. Aber das auf jeden Fall.

(Josef Bordat)

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