Beschneidung. Theologische und medizinische Aspekte

8. Oktober 2013


Vielleicht doch noch einige Bemerkungen zum theologischen (1) und medizinischen (2) Charakter der Beschneidung, weil es dazu immer wieder Missverständnisse gibt.

(1) Bei der Beschneidung geht es (zumindest für das Judentum) um mehr als alte „Tradition“ oder archaischer „Kult“ oder überflüssiges „Ritual“. Die Reduktion der Beschneidung darauf greift zu kurz. Für Juden ist die Beschneidung der biblisch beschriebene Initiationsritus (vergleichbar der Taufe im Christentum), für Moslems eine eher sekundäre Vorschrift, von Bedeutung zwar, doch nicht von dieser zentralen Bedeutung. Hier müsste man also schon mal differenzieren. Mir geht es nachfolgend vor allem ums Judentum.

Die einschlägige Stelle in der Genesis macht deutlich, welche Brisanz die Sache für Juden hat: „Und Gott sprach zu Abraham: Du aber halte meinen Bund, du und deine Nachkommen, Generation um Generation. Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch. Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden in jeder eurer Generationen, seien sie im Haus geboren oder um Geld von irgendeinem Fremden erworben, der nicht von dir abstammt. Beschnitten muss sein der in deinem Haus Geborene und der um Geld Erworbene. So soll mein Bund, dessen Zeichen ihr an eurem Fleisch tragt, ein ewiger Bund sein. Ein Unbeschnittener, eine männliche Person, die am Fleisch ihrer Vorhaut nicht beschnitten ist, soll aus ihrem Stammesverband ausgemerzt werden. Er hat meinen Bund gebrochen.“ (Gen 17, 9-14) Wer sich nicht beschneiden lässt bzw. wer nicht dafür sorgt, dass seine männlichen Nachkommen nach Gen 17, 12 ordnungsgemäß beschnitten werden, hat – nach jüdischem Verständnis – den Bund mit Gott gebrochen und wird für andere Juden untragbar. Damit käme ein Beschneidungsverbot für Juden einem vollständigen Religionsausübungsverbot gleich, denn die jüdische Religion ist ohne „Bund mit Gott“ und ohne die Identifikation mit dem „Stammesverband“ nicht denkbar. Dass ein solches Verbot auch nicht im Interesse des Kindes läge, also gegen das Kindeswohl gerichtet wäre, habe ich in ausführlich an anderer Stelle dargelegt.

Sollte es hier im Judentum theologisch andere Ansichten geben, so ist das zu beachten, aber die Frage bleibt eine innerjüdische Angelegenheit, so wie das unterschiedliche Abendmahlsverständnis eine innerchristliche Debatte erfordert – und keine Meinungsumfragen. Was mich erschreckt ist die Haltung einiger Mitchristen, die ihr Verständnis vom Bund Gottes mit dem Menschen, der sich im Christentum anders konstituiert als im Judentum, absolut setzen. Religionsfreiheit gilt in Deutschland aber nicht nur für katholische Christen, sondern zum Beispiel auch für Juden. Und das unabhängig davon, was ich als Christ vom Judentum halte. Das muss man trennen – die eigene Präferenz und die Frage, inwieweit andere Menschen andere Präferenzen haben dürfen. Festzustellen, dass einige Schwestern und Brüder im Glauben zu dieser Differenzierung nicht bereit oder in der Lage sind, hat mich in den letzten Tagen sehr verstört.

Für mich hat Christus (und dann vor allem Paulus) die Notwendigkeit der Beschneidung aufgehoben. Aber ich bin ja nicht alleine auf der Welt. Und ich habe mir – das mag man mir ankreiden bzw. als Grundlage dafür hernehmen, mir meine christliche Identität katholischer Prägung abzusprechen – die Bereitschaft erhalten, die Position des Anderen anzunehmen, ohne sie zu übernehmen. Und wenn ich mich nun in die Lage des Juden versetze, hat die Beschneidung eine ganz andere Bedeutung – für ihn ist sie gottgewollt. Ich denke, er irrt an dieser Stelle, aber das spielt keine Rolle, wenn ich ihm ermöglichen möchte, seinen jüdischen Glauben nach seinen Vorstellungen zu leben, auch wenn diese von meinen Vorstellungen abweichen. Und genau das möchte ich. Wenn ich deswegen ein schlechter Christ bin, dann sei es so.

(2) Die Beschneidung ist – fachgerecht durchgeführt – ein medizinisch harmloser und in aller Regel unproblematischer Vorgang. Mehr noch: Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Beschneidung sogar gesundheitsförderlich. Bestätigt wurde der Charakter der Beschneidung als gesundheitsförderliche Maßnahme auf der Welt-AIDS-Konferenz in Washington D. C. im Juli 2012. Die Beschneidung gilt den Experten zufolge als Beitrag zum Schutz vor einer HIV-Infektion. Man sollte daher die Beschneidung von Jungen und die Beschneidung von Mädchen, die auch von der WHO völlig anders beurteilt wird, nicht vermengen, wie das immer wieder geschieht, auch, wenn es in beiden Fällen um das gleiche Verfahren geht. In der Auswirkung auf die Gesundheit ist es etwas völlig anderes.

Ebenfalls liest man immer wieder, die Beschneidung sei eine „Verstümmelung“ des Jungen. Aber offenbar nur bei Juden in Deutschland. In Deutschland gibt es 250.000 von ihnen. Ausgehend davon, dass die Geburtenrate in Deutschland bei etwa 8 pro 1000 Einwohnern und die bei deutschen Juden auch nicht signifikant höher liegt, werden jedes Jahr 2000 jüdische Kinder geboren, davon 1000 Jungen, die beschnitten (vulgo: „verstümmelt“) werden.

Seit Jahrzehnten werden in den USA männliche Säuglinge nach der Geburt rountinemäßig beschnitten (vulgo: „verstümmelt“), unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit (99 Prozent von ihnen dürften im Alter von wenigen Stunden ohnehin bekenntnislos gewesen sein) und auch ohne ihre Zustimmung. Das werden also bei einer durchschnittlichen Geburtenrate von 15 pro 1000 Einwohnern und einer durchschnittlichen Einwohnerzahl von 250 Millionen und einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent sowohl für das Geschlecht „männlich“ als dann noch einmal für den Vorgang „Beschneidung“ in den letzten 50 Jahren über 46 Millionen beschnittene (vulgo: „verstümmelte“) Jungen gewesen sein. Jedes Jahr kommt etwa 1 Million Fälle hinzu – allein in den USA.

Es ist höchst aufschlussreich zu sehen, wie viele Menschen sich in Deutschland um die 1000 Juden-Jungen sorgen, während ihnen die 1 Million US-Boys vergleichsweise egal sind. Ich lebe jetzt seit über 41 Jahren, seit 35 Jahren kann ich lesen. Ich habe vor dem 26. Juni 2012 noch nie auch nur eine einzige kritische Stellungnahme zur Beschneidung als „Verstümmelung“ gelesen, in Bezug auf die derzeit rund 1 Milliarde beschnittener („verstümmelter“) Männer. Aber sobald es um religiös motivierte Beschneidungen geht, noch dazu bei Juden, entdeckt die Volksseele über Nacht den Begriff der „körperlichen Unversehrtheit“. Sehr interessant.

(Josef Bordat)

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