Business Class sind wir geflogen!

24. Oktober 2013


Der junge Angestellte der türkischen Fluggesellschaft blickt gebannt auf den Monitor, runzelt die Stirn, blättert ein wenig in unseren Reisepässen, starrt für Minuten auf das Flugticket, dann wieder auf den Monitor. Kopfschütteln. Schließlich sieht er uns an, stirnrunzelnd. „Samsing frong wiss aua dockjumentz?“ – „One moment, Sir. Please wait!“ Sprach es, griff zum Telefon, wählte jedoch keine Nummer, sondern drückte nur einen Knopf. Irgendwo würde jetzt ein Alarm losgehen. Ich hatte es immer befürchtet: Irgendwann würde es soweit sein, irgendwann würde die Sache von 1976 rauskommen, die geklauten Lakritze (eigentlich waren es „Salinos“, aber ich will keine Werbung machen), das hinterzogene Wassereis, die gefälschten Esspapiere (ja, so was gab es – Schoko, Erdbeer und E 234). Irgendwann würde Interpol erbarmungslos zuschlagen. Ich war einfach in den letzten 30 Jahren zu unvorsichtig gewesen. Ich musste ja unbedingt in der Nähe von Twisteden groß werden, habe Leute wie Hoeneß und Overbeck verteidigt und halte Beschneidungen nicht in jedem Fall für menschenrechtswidrige Gräueltaten. All das sollte für einen Haftbefehl reichen.

Nervös scharre ich mit den Hufen, während der Angestellte dem diensthabenden Kommissar geheime, seit langem zwischen den Behörden vereinbarte Codes ins Ohr flüstert und dann unvermittelt auflegt. Vermutlich würde der Kommissar am anderen Ende der Leitung jetzt zu seinem Kollegen, der mit zwei Kaffeebechern zur Tür reinkommt, sagen: „Du brauchst die Jacke gar nicht auszuziehen. Wir haben Arbeit.“ Auf türkisch. – Der Angestellte lächelt. Er erklärt uns, dass der Flug überbucht sei und wir daher nicht in der von uns bestellten Economy Class mitfliegen können. „I upgrade you. Business Class. OK?“ Bevor ich „Oh, Kai!“ sagen kann, feuern die Neuronen: Noch mal gutgegangen. +++ VIP-Lounge. +++ Alles umsonst. +++ Besser gesagt: kostenlos. +++ „Business Class sind wir geflogen!“ +++ Beinfreiheit. +++ Beinfreiheit, die ich meine. +++ „Business Class sind wir geflogen!“ +++ Kann es überhaupt Beinfreiheit geben? +++ „Business Class sind wir geflogen!“ +++ Beinfreiheit war sonst immer die Freiheit der Anderen. +++ Hoffentlich ist Beinfreiheit keine Illusion. +++ Vielleicht gibt es ja auch Salinos? +++ „Business Class sind wir geflogen!“ +++ Business Class sind wir. +++ Business Class. +++ Business +++ Bussi. +++ Er könnte ein Bruder von Sami Khedira sein. +++ Wo ist denn eigentlich die VIP-Lounge? – „You go out, turn left, on the right side you see it. Viel Spaß!“

Bis zur Einstiegszeit hatten wir noch 52 Minuten. Wir rasten durch die Sicherheitskontrolle in Richtung der right side of life, vorbei am wartenden Elend der Economy Class-Menschen. In der VIP-Lounge angelangt, begrüßten uns 17 Bedienstete, alle darum bemüht, uns zu erklären, wie wir über die Bordkarten Zutritt erhalten zum Paradies der Großbildschirme und der kostenlosen Häppchen. „Please, Sir, put the Code on this screen, Sir!“ – „Jetzt mach schon, wir haben keine Zeit zu verlieren!“

In der Lounge war alles mit Leder bezogen, großzügig in Gold gefasst und/oder mit lackiertem Tropenholz verkleidet. Der Gratis-Irrsinn kristallener Sektkübel glitzerte mit den Brillanten der Hostessen um die Wette. Auf 36 riesigen Fernsehern wurden 35 Programme ausgestrahlt, auf einem lief ein Werbespot mit Lionel Messi und Kobe Bryant. „Und man kann jetzt wirklich einfach alles…?“ – Meine Frau stand bereits an der Essensausgabe, eine Flasche Champagner in der Hand. Ich ging zur Weintheke, an der man sich aus einem Angebot von 20 Sorten unlimitiert einschenken durfte. Auf der gegenüberliegenden Seite die 78 Rotweine, von einem modernen Steuerungssystem permanent auf 18 bis 18,5 Grad temperiert. Mein Blick fällt auf den Whiskey gleich nebenan. Uns bleiben 38 Minuten. Mich überkommt ein Gefühl wie ich es zuletzt in einer Mathematikklausur im zweiten Semester hatte, als ich zehn Minuten vor Abgabe merkte, dass auf der Rückseite des Auftragszettels auch noch sieben Aufgaben stehen.

Jetzt hieß es handeln. Ich trinke erst mal drei Gläser Rotwein und stopfe mir zwischendurch gebratene Pelikanbrust in den Mund. Weiter im Text. In der Kinderabteilung stehen Körbe mit Schokoladenriegeln, die nach einem naheliegenden Planeten benannten sind und deren Genuss angeblich mobil macht. Nicht nötig. Die spielenden Sprösslinge des jordanischen Prinzen zur Seite drängelnd, verschaffe ich mir einen Kakaovorrat für drei lange Kriegswinter. An der Kuchenabteilung vorbei (sechs Honig-Pistazien-Blätterteigplätzchen, eine handvoll Nougat-Pralinen und eine Bonbonniere mit kandierten Früchten für die andere Hand) geht es zur Popcorn-Maschine, von dort zurück zum Wein. „Wo warst Du?“ Meine Frau hat inzwischen das fünfgängige Menü verschlungen und leert gerade die Flasche mit dem französischen Schaumgetränk. „In 23 Minuten müssen wir gehen.“

Als ob ich das nicht einkalkuliert hätte! Denn jetzt ist die Schlange an der Essensausgabe auf zwei Herren zusammengeschrumpft, die offenbar nur Suppe wollen. Während ich auf mein Menü warte, schweift mein Blick durch die Hallen. Was sind das bloß für Menschen, die mit einem Glas Wasser völlig entspannt im Sessel sitzen und lesen? 17 Minuten. Ich drehe mich zu meiner Frau um, die sich gerade eine Flasche Coltan-Sherry öffnen lässt. Ihre Augen strahlen. Zuerst denke ich, da ich ein schlechter Mensch bin, an Schadenfreude ihrerseits, angesichts der Tatsache, dass ich hier wertvolle Sekunden verliere. Doch sie deutet zur Anzeigetafel, auf der die nächsten „Departures“ gelistet sind – unter anderem auch der Flug nach Tegel, hinter dem – „Ja!“ – der Vermerk „15 minutes delayed“ aufleuchtet. So schnell erhört Gott Gebete.

Irgendwann ist jedoch auch die Nachtrinkzeit abgelaufen und es geht zum Einstieg, den eine freundliche Frauenstimme mehrsprachig annonciert. Gespannt warte ich auf den entscheidenden Zusatz: „Zuerst nur Business Class sowie Reisende mit Kleinkindern!“ Ich gehe scheinbar ungerührt durch die Absperrung, den in der Boarding-Zone kauernden Pöbel aus dem Augenwinkel musternd. Leider stehlen mir zwei krähende Kleinkinder die Show, doch die geht im Flieger ja erst richtig los. In Reihe zwei platziert – ganze vorne sitzen ein russischer Rohstoffmagnat und eine Familie aus Königs Wusterhausen („Da ham wer aba Glick jehabt, det hinten keen Platz mar wa!“) – muss der ganze Economy Class-Abschaum an mir vorüberziehen. Ich genieße ihre neidischen Blicke und strecke mich extra-entspannt aus. Demonstrativ stelle ich das Begrüßungsgetränk galant auf die meterbreite Armlehne, richte den persönlichen Bildschirm auf meine Bedürfnisse ein und breite drei der zwölf Gratiszeitungen aus aller Welt vor mich aus. Bald darauf beginnt der Bord-Service mit Aperitif, Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise und einer kostenlosen Zahnreinigung.

Leider vergeht der Flug im selbigen und bald landen wir wieder in der harten Wirklichkeit. Während auf den Oligarchen aus der ersten Reihe eine Limousine wartet, schleppen sich die Familie aus KaWe und wir zur Bushaltestelle. „Fährt der über Beusselstraße?“ – „Wat steht’n dranne?!“ – Wir waren wieder zu Hause.

(Josef Bordat)

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