Evangelii Gaudium. Zur Zukunft der Kirche

29. November 2013


Papst Franziskus schreibt von der Freude des Evangeliums – und wie die Kirche diese nach innen und außen leben kann

I. Einführung

Franziskus geht in der Standortbestimmung und bei der Entwicklung des Zukunftsprogramms der Kirche vom Evangelium aus, dem Grund ihrer Existenz. Die Würde, die uns die Liebe Gottes schenkt, und die Freude, die uns in Christus zuteil wird, sind die Basis kirchlichen Lebens. Das steht fest. Nun wendet sich der Papst an die Gläubigen, um aus der Freude des Evangeliums („Evangelii Gaudium“) der Kirche neue Impulse zu geben, damit die, die in ihr wirken, die anstehenden Aufgaben besser bewältigen können: „In diesem Schreiben möchte ich mich an die Christgläubigen wenden, um sie zu einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen, die von dieser Freude geprägt ist, und um Wege für dem Lauf der Kirche in den kommenden Jahren aufzeigen“ (Nr. 1).

Franziskus macht deutlich, was innerkirchlich und gesellschaftlich zu fordern und was abzulehnen ist und wo dabei die besonderen Herausforderungen liegen. Die Kirche der Zukunft ist jedoch vor allem eines: differenziert und facettenreich. Allein die Attribute, die sich aus einer oberflächlichen Lektüre herauslesen lassen, machen deutlich, das einseitige Sichtweisen den Sinngehalt des Schreibens unzulässig verkürzen. Weder eine Reduktion auf die Kritik am Wirtschaftssystem, wie sie von progressiven Kreisen vorgenommen wird, noch eine Fokussierung der Macht- und Strukturfrage im Vatikan des 21. Jahrhunderts (und darüber hinaus), die in konservativen Kreisen vorherrscht, kann am Ende dem beachtlichen Versuch des Papstes gerecht werden, die Kirche im Geist der Freude des Evangeliums in die Zukunft zu führen. Und dazu gehören zwar auch Armutsbekämpfung und Kirchenreform, aber eben in erster Linie Mission und Verkündigung. Die Liebe und die Freude wollen sich mitteilen: „Wenn nämlich jemand diese Liebe angenommen hat, die ihm den Sinn des Lebens zurückgibt, wie kann er dann den Wunsch zurückhalten, sie den anderen mitzuteilen?“ (Nr. 8).

II. Drei zentrale Themenbereiche

Im wesentlichen sehe ich drei Felder, die Papst Franziskus bestellt: die Mission, gewissermaßen die Klammer der kirchlichen Tätigkeit (Kapitel 1 und 5), die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, also das soziale und karitative Tun der Kirche nach außen und innen (Kapitel 2 und 4) und schließlich – im Zentrum des Schreibens – die Verkündigung im Geist des Evangeliums (Kapitel 3). Man könnte dies als eine Art Schalenmodell deuten: außen die diakonische Durchdringung der Gesellschaft, innen die liturgische Selbstvergewisserung, mit der Predigt im Kern. Ich will einige Gedanken des Papstes zu diesen drei Bereichen anführen.

1. Kirche der Mission

Die Kirche ist Franziskus zufolge insoweit missionarisch, als sie sich durch die „Freude aus dem Evangelium“ (Nr. 21), einer „missionarischen Freude“ (ebd.), in eine Aufbruchstimmung versetzt sieht: „Die Kirche ‚im Aufbruch‘ ist die Gemeinschaft der missionarischen Jünger, die die Initiative ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern“ (Nr. 24). Durch eine „Umgestaltung“ will Franziskus die Kirche in den „Zustand permanenter Mission“ zurückführen (Nr. 25). Dazu soll die Seelsorge erneuert werden. Nicht nur die Territorialpfarrei trägt die Kirche („Obwohl sie sicherlich nicht die einzige evangelisierende Einrichtung ist, wird sie, wenn sie fähig ist, sich ständig zu erneuern und anzupassen, weiterhin ‚die Kirche [sein], die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt’“, Nr. 28), sondern auch die „anderen kirchlichen Einrichtungen“ (Nr. 29), also etwa die Neuen Geistlichen Bewegungen, spielen eine tragende Rolle: „Oftmals bringen sie einen neuen Evangelisierungs-Eifer und eine Fähigkeit zum Dialog mit der Welt ein, die zur Erneuerung der Kirche beitragen“ (Nr. 29). Die Hirten, also die Bischöfe und der Papst, sollen den Missionseifer fördern, nicht immer nur von oben, sondern durchaus auch an der Basis: „Darum wird er [der Bischof, J.B.] sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und – vor allem – weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden“ (Nr. 31). Mitspracherechte und Dialogprozesse sind dabei inbegriffen, aber nicht, um „vornehmlich die kirchliche Organisation“ zu gestalten, sondern um den „missionarische[n] Traum“ zu realisieren, „alle zu erreichen“ (ebd.). Der Papst selbst nimmt sich bei der „Mission Mission“ nicht aus: „Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Umkehr zu folgen“ (Nr. 32), denn: „Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen“ (ebd.).

Die Mission selbst muss aus dem Geist des Evangeliums kommen und die zentralen Botschaften in den Vordergrund stellen: „Eine Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt steht nicht unter dem Zwang der zusammenhanglosen Vermittlung einer Vielzahl von Lehren, die man durch unnachgiebige Beharrlichkeit aufzudrängen sucht. Wenn man ein pastorales Ziel und einen missionarischen Stil übernimmt, der wirklich alle ohne Ausnahmen und Ausschließung erreichen soll, konzentriert sich die Verkündigung auf das Wesentliche, auf das, was schöner, größer, anziehender und zugleich notwendiger ist. Die Aussage vereinfacht sich, ohne dadurch Tiefe und Wahrheit einzubüßen, und wird so überzeugender und strahlender“ (Nr. 35). Sie muss sich an die richten, an die sich auch Jesus vorzugsweise gerichtet hat: „Wenn die gesamte Kirche diese missionarische Dynamik annimmt, muss sie alle erreichen, ohne Ausnahmen. Doch wen müsste sie bevorzugen? Wenn einer das Evangelium liest, findet er eine ganz klare Ausrichtung: nicht so sehr die reichen Freunde und Nachbarn, sondern vor allem die Armen und die Kranken, diejenigen, die häufig verachtet und vergessen werden“ (Nr. 48).

Letztlich kommt es neben all diesen strukturellen und theologischen Überlegungen ganz entscheidend auf den einzelnen „Missionar“ an. Diese sollen „eine Spiritualität“ leben, „die das Herz verwandelt“ (Nr. 262). Zugleich brauchen sie den Halt der Kirche in ihrer historischen Entwicklung und sollen „sich an die ersten Christen und die vielen Brüder und Schwestern im Laufe der Geschichte erinnern, die von Freude erfüllt und voller Mut waren, unermüdlich in der Verkündigung und fähig zu großer tätiger Ausdauer“ (Nr. 263). Vor allem aber sollen sie selbst eine feste Glaubensüberzeugung haben: „Man kann eine hingebungsvolle Evangelisierung nicht mit Ausdauer betreiben, wenn man nicht aus eigener Erfahrung davon überzeugt ist, dass es nicht das Gleiche ist, Jesus kennen gelernt zu haben oder ihn nicht zu kennen, dass es nicht das Gleiche ist, mit ihm zu gehen oder im Dunkeln zu tappen, dass es nicht das Gleiche ist, auf ihn hören zu können oder sein Wort nicht zu kennen, dass es nicht das Gleiche ist, ihn betrachten, anbeten und in ihm ruhen zu können oder es nicht tun zu können.“ (Nr. 266) Schließlich können sie in Maria die „Mutter der missionarischen Kirche“ (Nr. 284) erblicken, was ihnen Kraft und Mut verleiht, „[d]enn jedes Mal, wenn wir auf Maria schauen, glauben wir wieder an das Revolutionäre der Zärtlichkeit und der Liebe“ (Nr. 288), an die Umwälzung durch die Mission.

2. Kirche der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Die Welt steht heute vor besonderen Herausforderungen, die es nötig machen, dass sich die Kirche verstärkt dafür einsetzt, nach Lösungen zu suchen und an deren Realisierung mitzuwirken. Hier listet Franziskus zunächst in aller Klarheit Dinge auf, die problematisch sind, um zugleich wünschenswerte Korrekturen anzuregen. Ein Grundproblem sieht der Papst in einer Wirtschaftsweise, die dem Markt die alleinige Macht überträgt (zur Gewährleistung der „vergötterten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems“, Nr. 54), die das Geld vergötzt („Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs […] hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes“, Nr. 55), die soziale Ungleichheiten erzeugt und damit Gewalt hervorbringt („Auf diese Weise erzeugt die soziale Ungleichheit früher oder später eine Gewalt, die der Rüstungswettlauf nicht löst, noch jemals lösen wird, Nr. 60). Das ist fraglos eine Kapitalismuskritik, die in so deutlicher Form selten zuvor von einem Papst ausgesprochen wurde, eine schonungslose Diagnose, die auch außerhalb der Kirche eine breite Zustimmung finden wird.

Doch auch Franziskus knüpft bei der Therapie an die katholische Soziallehre an, die den Markt, das Geld und selbst die Ungleichheit nicht per se ächtet, sondern ihre Auswirkungen in soziale, karitative und gerechte Rahmenbedingungen einzufrieden versucht. Dazu gehört für Franziskus insbesondere die „gesellschaftliche Eingliederung der Armen“ (Nr. 185), die man nicht dem Markt überlassen dürfe und für die auch der Staat mehr bieten müsse als finanzielle Hilfe: „Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen. Das Wachstum in Gerechtigkeit erfordert etwas, das mehr ist als Wirtschaftswachstum, auch wenn es dieses voraussetzt; es verlangt Entscheidungen, Programme, Mechanismen und Prozesse, die ganz spezifisch ausgerichtet sind auf eine bessere Verteilung der Einkünfte, auf die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten und auf eine ganzheitliche Förderung der Armen, die mehr ist als das bloße Sozialhilfesystem“ (Nr. 202).

Von allen engagierten Christen verlangt er im Rahmen des oben bereits erwähnten Missionsprojekts die Hinwendung zu den Menschen am Rand der Gesellschaft: „Es ist unerlässlich, neuen Formen von Armut und Hinfälligkeit – den Obdachlosen, den Drogenabhängigen, den Flüchtlingen, den eingeborenen Bevölkerungen, den immer mehr vereinsamten und verlassenen alten Menschen usw. – unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Wir sind berufen, in ihnen den leidenden Christus zu erkennen und ihm nahe zu sein, auch wenn uns das augenscheinlich keine greifbaren und unmittelbaren Vorteile bringt“ (Nr. 210). Mit der Inklusion der bisher Ausgeschlossenen wird der soziale Friede möglich – nur so, denn: „Der soziale Frieden kann nicht als Irenismus oder als eine bloße Abwesenheit von Gewalt verstanden werden, die durch die Herrschaft eines Teils der Gesellschaft über die anderen erreicht wird. Auch wäre es ein falscher Frieden, wenn er als Vorwand diente, um eine Gesellschaftsstruktur zu rechtfertigen, welche die Armen zum Schweigen bringt oder ruhig stellt“ (Nr. 218). Schließlich trägt der Dialog auf verschiedenen Ebenen zum Frieden bei und ist zugleich Ausdruck „evangelisierenden Handelns“ (Nr. 242).

Auch die Kirche steht vor Herausforderungen, die es nötig machen, Klartext zu sprechen. Franziskus analysiert diese „Versuchungen“ erfreulich offen und wird damit vielen Seelsorgern aus der Seele sprechen. Die jüngsten Medienkampagnen und die allgemeine gesellschaftliche Skepsis, ja, das tiefe Misstrauen gegenüber der Kirche können zur „Identitätskrise“ und einem „Rückgang des Eifers“ führen (Nr. 78), bis hin zu „Minderwertigkeitskomplexen“ (Nr. 79), die dazu führen, dass Priester (aber auch Laien) damit beginnen, „ihre Überzeugungen zu relativieren oder zu verbergen“ (ebd.). Hier ist die Besinnung auf Christus und der Zusammenhalt untereinander wichtig („Lassen wir uns nicht das Ideal der Bruderliebe nehmen!“, Nr. 101).

3. Kirche der Verkündigung

Starke, selbstbewusste Priester sind wichtig, denn auch auf gute Predigten kommt es an. Franziskus ruft dazu auf, der Predigt im Rahmen der Liturgie eine besondere Bedeutung zu geben, denn: „Die Homilie ist der Prüfstein, um die Nähe und die Kontaktfähigkeit eines Hirten zu seinem Volk zu bewerten“ (Nr. 135). Franziskus fordert auch hier eine Neubewertung: „Erneuern wir unser Vertrauen in die Verkündigung, das sich auf die Überzeugung gründet, dass Gott es ist, der die anderen durch den Prediger erreichen möchte, und dass er seine Macht durch das menschliche Wort entfaltet“ (Nr. 136).

Ziemlich ausführlich geht es weiterhin darum, wie man denn eine gute Predigt hält. Eine Predigt sollte „keine Unterhaltungs-Show“ sein (Nr. 138), sie sollte „kurz sein und vermeiden, wie ein Vortrag oder eine Vorlesung zu erscheinen“ (ebd.), auf dass „der Herr mehr erstrahlt als der Diener“ (ebd.). Dabei sollte der Priester sich inhaltlich und methodisch auch an den Zuhörern orientieren: „Die christliche Predigt findet daher im Herzen der Kultur des Volkes eine Quelle lebendigen Wassers, sei es, um zu wissen, was sie sagen soll, sei es, um die angemessene Weise zu finden, es zu sagen“ (Nr. 139) und die Homilie nicht an den Rande der seelsorgerischen Tätigkeit drängen: „Die Vorbereitung auf die Predigt ist eine so wichtige Aufgabe, dass es nötig ist, ihr eine längere Zeit des Studiums, des Gebetes, der Reflexion und der pastoralen Kreativität zu widmen“ (Nr. 145). Konkrete Tipps zur Exegese, zum Stil und zur Sprache runden den zentralen Ratgeberteil zur Verkündigung ab, der fast schon zu detailliert Einzelfragen der Predigtgestaltung behandelt, die im wesentlichen Priester und Bischöfe angehen, das Gros der Gläubigen aber nur wenig interessieren dürfte.

III. Fazit

Papst Franziskus legt ein sehr vielschichtiges Apostolisches Schreiben vor. Es besticht durch die Vielfalt der Themen, die miteinander in Beziehung gebracht werden, um das Oberthema, die Evangelisation, zu befördern. Seien es strukturelle, ethische oder liturgische Aspekte, die Franziskus anspricht, immer fällt die Klarheit der Aussagen auf, die Konkretion des Sachverhalts am Beispiel, zugleich aber auch der Versuch einer Einbettung der Aussagen in Schrift und Tradition. Dabei ist Franziskus auf der Höhe der Zeit, kennt die politischen und ökonomischen Diskurse und den (aus Sicht der Kirche: künstlich erzeugten) Konflikt von Wissenschaft und Religion. Er spricht auch sehr deutlich über die Dinge, die außerhalb und innerhalb der Kirche Anlass zur Sorge geben. Jede katholische Christin, jeder katholische Christ sollte den Text lesen. Und alle anderen auch.

(Josef Bordat)

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