Das Lesen der Anderen

5. Dezember 2013


Was Sie schon immer über Christentum und Islam wissen wollten, erfahren Sie im zweibändigen Lexikon des Dialogs, das kürzlich bei Herder erschienen ist.

Der Dialog zwischen den drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – gehört zu den Kernaufgaben der europäischen Gegenwartskultur; das gebietet die Vergangenheit und das erfordert die Zukunft. Insbesondere dort, wo ein verunsichertes und immer zurückgezogeneres Christentum nur noch schwach zur Identifikation mit Grundwerten und Lebensentwürfen beiträgt und wo zeitgleich der Islam quantitativ und qualitativ erstarkt, ist das Gespräch zwischen Christen und Moslems über die normativen Grundlagen der Gesellschaft unerlässlich. Dabei kann es nur darum gehen, den Anderen kennenzulernen und besser zu verstehen, indem man die von ihm vorgetragenen Vorstellungen aus seiner Sicht und anhand seiner Voraussetzungen rekonstruiert. Das ist nicht wenig, angesichts der menschlichen Eigenschaft, lieber schnell zu urteilen als langsam zu lernen.

Zum Dialog gehört eine gute Vorbereitung, die dafür sorgt, dass das Gespräch – das institutionalisierte wie das persönliche – nicht „bei Null“ beginnt. Um sich Glaubensinformationen aus erster Hand zu verschaffen, kann man freilich auf die kanonischen Texte und ihre theologische Deutung zurückgreifen. Das aber ist mühsam. Ein leichterer Zugang wird über Grundbegriffe möglich, die den Glauben systematisch erschließen lassen. Es ist daher ein besonderes Verdienst des Herder-Verlags, in Zusammenarbeit mit der Eugen-Biser-Stiftung ein Lexikon des Dialogs herausgegeben zu haben, in dem „Grundbegriffe aus Christentum und Islam“ vorgestellt werden. Das Nachschlagewerk führt disparate Wissensbestände zusammengeführt und stellt kompakte Basisinformationen bereit. Ziel ist es „Brücken zwischen den Religionen Christentum und Islam zu bauen“. Das Originelle daran ist die methodische Umsetzung: Es geht bei den Definitionen nicht um abstrakte Kurzfassungen religionswissenschaftlicher Analysen, die die Glaubensinhalte „von außen“ betrachten und alles über den gleichen Kamm scheren (bzw. dies aus methodischen Gründen tun müssen), sondern um eine theologische Darstellung „von innen heraus“, mit der die Begriffe so vermittelt werden, „wie es gläubige Vertreter der jeweiligen Religionen aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz jeweils sehen“. Genau das macht das Lexikon zu einem Lexikon des Dialogs, denn spätestens dort trifft man ja auf die authentische, ungefilterte Perspektive des Anderen.

Eine Vorbereitung auf den Dialog kann also darin bestehen, zu den strittigen Begriffen die jeweilige Position des Anderen zu lesen, um die Differenzen zu erkennen und im Gespräch an ihrer – so möglich – Überwindung zu arbeiten. Spannend ist es, die unterschiedliche Auffassung zur Interpretationskultur – ein Schlüssel in der theologischen Begleitung jeder Religion – vor Augen geführt zu bekommen (Stichwörter: „Kommentar“, „Exegese“): Steht in Christentum und Islam gleichermaßen die Erläuterung der Heiligen Schrift im Zentrum der Auslegungsarbeit, so betont der Islam vor allem die Schaffung erhöhter Verständlichkeit für theologisch Ungebildete, während es im Christentum auch um die kritische Einordnung und Bewertung der Texte geht. Interessant ist auch, die unterschiedliche Auffassung zu Phänomenen der Gegenwartsgesellschaft in Erfahrung zu bringen, beispielsweise in den Artikeln zu „Säkularismus“, wo der Christ Martin Thurner vor allem auf historische, politische und gesellschaftliche Aspekte eingeht, der Moslem Mehmet Sait Reçber hingegen die individuelle Glaubens-, Erkenntnis- und Heilsdimension in den Mittelpunkt rückt. Damit ist mehr über das Verhältnis von Christ und Moslem gesagt als auf mancher Islamkonferenz.

Bisweilen hält das Lexikon die Überraschung bereit, dass man (als Christ) eher geneigt ist, der islamischen Version zuzustimmen als der christlichen, manchmal zeigt sich jedoch auch eine so große Differenz, dass man meinen könnte, es ginge in einer der beiden Versionen um ein anderes Stichwort, so sehr weichen die jeweiligen Begriffe voneinander ab. In seiner benutzerfreundlichen Aufmachung ermöglicht das Nachschlagewerk den für diese Aha-Erlebnisse nötigen direkten Vergleich der Positionen und fördert so den Erkenntnisprozess. Am Ende lässt sich gut feststellen, was ähnlich und was verschieden ist – und was davon nebeneinander stehen kann und wo sich ein problematisches Gegeneinander ergibt. Ein umfangreicher philologischer Anhang mit Vokabellisten und Transkriptionstabellen sorgt für sprachliche Korrektheit – im Bewusstsein der bekannten Tatsache, dass sprachliche Missverständnisse zu denen zählen, die am häufigsten vorkommen und zugleich am leichtesten auszuräumen sind. Anders als begriffliche Differenzen. Hier liegt noch viel Verständigungsarbeit vor allen Beteiligten. Dass diese nun zunächst die Möglichkeit haben, sich zielgerichtet, sachgerecht und mit vertretbarem Aufwand über den Anderen zu informieren, ist ein echter Fortschritt.

Bibliographische Daten:

Richard Heinzmann (Hg.): Lexikon des Dialogs. Grundbegriffe aus Christentum und Islam. Herausgegeben im Auftrag der Eugen-Biser-Stiftung, in Zusammenarbeit mit Peter Antes, Martin Thurner, Mualla Selçuk und Halis Albayrak. Gebunden mit Schutzumschlag im Schuber.
Freiburg i. Br.: Herder (2013).
856 Seiten (2 Bände), € 38,00.
ISBN 978-3-451-30684-6.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.