Eine Zitronenplantage, oder: Die Angst vor dem Unbekannten

9. Januar 2014


Der Film Lemon Tree des israelischen Autors und Regisseurs Eran Riklis zeigt unaufgeregt und mit einiger Situationskomik das Drama des Misstrauens.

Salma Zidane, eine verwitwete Palästinenserin aus der Westbank, die in der Nähe einer jüdischen Siedlung eine seit Jahrzehnten im Familienbesitz befindliche Zitronenplantage bearbeitet, hat plötzlich neue Nachbarn: den israelischen Verteidigungsminister und seine Frau Mira. Aus Sicherheitsgründen soll der Zitronenhain daher verschwinden. Mit Hilfe des jungen Anwalts Ziad Daud klagt Salma gegen diese Maßnahme – bis zum Obersten Gerichtshof, der verfügt, dass die Zitronenbäume zwar stehen bleiben dürfen, aber bis auf Bodenhöhe gekappt werden müssen, wodurch sie jegliche Funktion einbüßen. Von dem saftigen Grün bleibt ein karges Stoppelfeld übrig, eingezäunt und zur Siedlung hin von einer hohen Mauer umschlossen.

Das ist – ganz grob – die Geschichte, die der Film Lemon Tree erzählt, der auf der Berlinale 2008 mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Er erzählt sie ohne großes Pathos und in einer Draufsicht, die versucht, möglichst objektiv zu sein und die inmitten der Feindschaft den gemeinsamen Feind auf beiden Seiten der Mauer identifizieren hilft: das Misstrauen, das entsteht, wenn man wenig weiß über den Anderen, über den Nächsten, hier: über den Nachbarn.

Freilich werden die Sympathien subtil ungleich verteilt. Es fällt viel leichter, sich mit der Frau vom Zitronenhain zu identifizieren als mit dem Verteidigungsminister. Der Wohlstand der jüdischen Siedler wird mit der Armut der Palästinenser konfrontiert, die oft genug behördlicher Willkür ausgesetzt sind. Doch der Film moralisiert nicht. Zu Recht, denn keiner Seite ist allein der Vorwurf zu machen. Das Sicherheitsinteresse Israels ist ebenso unbestreitbar wie das Interesse der Palästinenser, in menschenwürdigen Verhältnissen zu leben – und dazu gehört die Garantie von Leben, Freiheit und Eigentum. Die zahlreichen terroristischen Angriffe, die eine Maßnahme wie die Vernichtung des Zitronenhains rechtfertigen, heben die Unschuldsvermutung, die auch gegenüber Salma gelten muss, nicht auf.

Doch das Risiko bleibt. Abbauen ließe es sich nur durch den persönlichen Kontakt – etwas, das sich Mira, die Ehefrau des Verteidigungsministers, insgeheim wünscht, aber nicht realisieren kann. Was hindert sie daran, in eine Beziehung zu ihrer Nachbarin zu treten? Antwort: Die Umstände, die sich wiederum nur durch Beziehung ändern ließen. Es wird deutlich: Irgend jemand muss den Bann brechen, muss den nötigen Vertrauensvorschuss liefern, anders lässt sich das Problem nicht lösen, anders lässt sich die Spirale aus Angst und Gewalt nicht stoppen. Es braucht Feindesliebe – zumindest den Wunsch nach einem Ende der Feindschaft.

Dabei sind sich Salma und das Paar von nebenan viel näher als sie denken. Ihre Kinder studieren beide in den USA, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt. Und schließlich sind sie Nachbarn, die aber von einem Stacheldraht (am Ende des Films von einer Mauer) getrennt sind. Die ganze skurrile Situation rund um die Zitronenplantage wird untermalt von den Logik-Lektionen, die sich der diensthabende Soldat auf seinem Wachturm anhört, offenbar, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten. Sie stehen in scharfem Kontrast zur Unlogik des Misstrauens, das nur Verlierer zurücklässt: Salma verliert ihre Zitronenbäume, der Verteidigungsminister, nachdem er sich die Aussicht auf den Zitronenhain verbaut hat, verliert seine Frau, die ihn schweigend verlässt.

Es braucht die Logik der Liebe, die den ersten Schritt tut. Diese Lehre erteilt Lemon Tree – ohne Vorwürfe und ohne erhobenen Zeigefinger. Guter Film.

(Josef Bordat)

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