Schlechter Scherz. Was darf Satire?

21. Januar 2014


Wenn es um Humor und Satire geht, liegt die Frage nach den Grenzen des Erlaubten immer nah. Einen sehr guten, wichtigen Debattenbeitrag liefert nun der Religionswissenschaftler Michael Blume im Weblog Theopop. Er setzt sich schwerpunktmäßig mit dem verletzenden „Witz“ über Menschengruppen, insbesondere über Religionsgemeinschaften auseinander und fordert zur Wachsamkeit auf.

Das gilt auch und gerade im dieser Tage beginnenden Karneval, in dem das katholische Bewusstsein kurz vor der Fastenzeit mit dem menschlichen Bedürfnis nach Freude (und Bier) eine ganz eigentümliche Symbiose eingeht. Denn es bietet sich im Karneval nicht nur die vorerst letzte Möglichkeit zum Genussmittelkonsum, sondern vor allem auch die Gelegenheit zur Abrechnung mit weltlicher und kirchlicher Obrigkeit. Zwischen „Helau!“ und „Alaaf“, zwischen Alt und Kölsch wird dabei mal mehr und mal weniger geschmackvoll über „Gott und die Welt“ gewitzelt. Geht das? Sicher! Doch auch hier die Frage: Wie weit darf das gehen?

Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof im Erzbistum Köln, der Karnevalshochburg schlechthin, hat dazu vor zwei Jahren (damals noch als Generalvikar) in der Zeitschrift Christ und Welt eine Formel geprägt, die den Humor auf Respekt verpflichtet, Respekt vor der Würde des Menschen und Respekt vor Gott und dem Glauben: „Der Respekt, den ich jedem Menschen auf dieser Erde schulde aufgrund seiner unverlierbaren Würde, gilt in ungleich höherem Maße für Gott. Wo Gott nicht mehr respektiert wird, kommt am Ende der Mensch unter die Räder. Das zeigt die Geschichte. Wer dies nicht sieht und das Heilige selbst nicht anerkennt, sollte wenigstens gläubige Menschen respektieren und das, was ihnen am heiligsten ist, ihre Freundschaft mit Gott.“

Was bedeutet das nun für den karnevalistischen Humor? Dass es, so Schwaderlapp, eine „rote Linie“ gebe, die auch der Büttenredner und die Gestalterin von Umzugswagen nicht überschreiten dürfen: „Gott selbst“ sollte nicht „zum Gegenstand von Spott und Hohn“ werden. Das sei gleichsam eine neue „Qualität“, auch gegenüber der Darstellung kirchlicher Würdenträger „in verletzender oder auch ehrabschneidender Weise“. Letzteres, so deute ich Schwaderlapp, müsse man gerade noch tolerieren (also: erleiden) können. Werde jedoch Gott verlacht, verletze dies viele Menschen, die Gott lieben und die ihre eigene Würde als Menschen, ja, ihr Menschsein von Gott herleiten. Damit, so muss man es wohl im Dialog mit einer säkularen Welt weiterdenken, um das Problem der Gläubigen begreiflich zu machen, werden diese Menschen selbst in ihrer Würde verletzt.

Es geht, um wieder Schwaderlapp zu zitieren, also nicht darum, die „Respektlosigkeit des Narren vor der Obrigkeit“ in Frage zu stellen, sondern die Respektlosigkeit vor Gott und den Menschen, denen Gott soviel bedeutet, dass sie ihr Dasein untrennbar an das Sein Gottes binden und nur dann in Würde leben können, wenn dieser würdestiftende Gott nicht selbst zur Zielscheibe von „Geschmacklosigkeit und Angriffen“ wird.

Das gilt konfessionsübergreifend. Eine gute Kenntnis der Bedeutung von Symbolen, Riten und Glaubenssätzen ist daher als Karnevalist nötig, um nicht schon fahrlässig Menschen in ihrem Glauben so tief zu verletzen, dass eben nicht nur vermeintlich diffuse „Gefühle“ angegriffen werden, sondern die Würde des Menschen. Die wenig glaubwürdige „Ausrede“, man wisse ja nicht, was religiöse Menschen beleidige, da man selbst nicht religiös sei (die deswegen nicht glaubwürdig ist, weil zu oft zu genau und zu zielsicher ins „Schwarze“, also: ins Herz des Glaubenden, getroffen wird), kann also bei einem so wichtigen Thema wie der Menschenwürde nicht verfangen. Hier gibt es für die- oder denjenigen eine Pflicht zur Information, die oder der den Witz macht. Sie oder er muss nach besten Kräften zuvor in Erfahrung zu bringen versuchen, welche Wirkung ein Witz hat, bei dem religiöse Überzeugungen thematisiert werden.

Also: Wenn man also schon den Glauben nicht ernst nehmen kann, sollte man – um der Menschenwürde willen – zumindest ernst nehmen, dass es vielen Menschen ernst ist mit ihrem Glauben. Die Grenze von Humor und Satire liegt mithin dort, wo man ein Gebiet betritt, das man so gar nicht versteht, so dass man überhaupt nicht weiß, worüber man sich eigentlich lustig macht. Satire hat somit auch etwas mit Wissen zu tun. Michael Blume spricht in diesem Sinne gar von der „Weisheit“, die in einem Witz liegt – oder eben nicht. Mir genügte schon ein gewisses Grundgespür für das, was ein Witz anrichten kann. Anspruchsreduktion 2.0.

(Josef Bordat)

Werbeanzeigen

Kommentare sind geschlossen.