Widerspruch aus Loyalität

31. Januar 2014


Wie die Logik katholischen Lagerdenkens „Renegaten“ produziert, die gar keine sind. Ein Selbstzeugnis.

Jobo72 veröffentlicht nachfolgend einen Gastbeitrag von Dr. Andreas Püttmann. Püttmann ist Politologe und einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden durch seine vielfältige publizistische Arbeit zu den Themen Religion, Ethik und Kirche. Der gläubige Katholik hat mit religionssoziologischen Studien wie „Leben Christen anders? Befunde der empirischen Sozialforschung“ (2008) und Gesellschaft ohne Gott. Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands“ (2010) wichtige ordnende Beiträge zu einer immer diffuseren Debatte über die Rolle des Christentums in der säkularen Gesellschaft geleistet. Zuletzt erschien von ihm Führt Säkularisierung zum Moralverfall? Eine Antwort auf Hans Joas (2013). Als katholischer Publizist steht Püttmann gleichfalls in den innerkirchlichen Flügelkämpfen. Er bezeichnet sich selbst als konservativ , musste jedoch erfahren, dass ihm diese Haltung in letzter Zeit abgesprochen wird. Püttmann überführt sein Unverständnis eingedenk des veränderten Fremdbilds zu seiner Person in kritische Gedanken zur Verhältnisbestimmung innerhalb der katholischen Publizistik. Für alle, die sich in diesem Arbeitsfeld bewegen, ein Anlass, trügerische Sicherheiten und fragwürdige Zuschreibungen zu prüfen. (Josef Bordat)

In den Leserkommentaren unter einem kath.net-Artikel zum mutmaßlich „entlastenden“ Limburg-Prüfbericht erfährt man, dass ein katholischer Chefredakteur und ein Mitglied des „Forums Deutscher Katholiken“ sich öffentlich „sehr interessieren, was Andreas Püttmann auf seinem neuen Kurs dazu sagt, wenn sich denn diese Meldung genauso bestätigen sollte“. Wieso sind sie so erpicht auf meine künftige potentielle Reaktion, dass sie dies schon vorab in die Öffentlichkeit posaunen müssen? Wieso können sie die vom Heiligen Vater verordnete Auszeit bei dem Thema nicht einhalten?

Offensichtlich ist ihre Wut über meine Position so groß, dass sie es kaum erwarten können, mich widerlegt zu sehen. Allerdings: Das wird nicht passieren. Einen Teil der Begründung gibt schon ein anderer Leserkommentar:

Die Jubelrufe wegen der Entlastung des Bischofs sind leider unbegründet. Weder das Domkapitel noch sonst jemand aus dem Bistum hat dem Bischof vorgeworfen, illegal gehandelt zu haben.(…). Das Problem an der Causa Bischofshaus ist nicht ein illegales Verhalten des Bischofs, sondern die Höhe der Bausumme und die Falschaussagen über die Bausumme gegenüber Klerus und Öffentlichkeit.
Diese Kritikpunkte werden auch nicht verschwinden, wenn der Prüfausschuss Tebartz endgültig „entlastet“. Deswegen hat ja auch der Generalvikar schon letzte Woche gesagt, dass das Ergebnis dieses Ausschusses die Zukunft des Bischofs nicht klären wird.“

Man sollte wirklich nicht studiert haben müssen, um den Unterschied zwischen Recht und Moral zu beachten. Dann würde man nicht so einfältig wie ein weiterer Leser fragen: „Wenn der Bischof weder gegen Kirchenrecht noch weltliches Recht verstoßen hat, was bleibt dann noch von den Vorwürfen?“. Recht kann stets nur ein „ethisches Minimum“ (G. Jellinek) gewährleisten. Von einem Bischof erwartet man mehr als das ethische Minimum.

Vorauseilende Widerlegungshäme gegenüber Tebartz-Kritikern ist schon deshalb verfehlt, weil diese ihre Haltung auch mit der unehrlichen Äußerung des Bischofs über seinen Flug nach Indien in der First Class begründet haben. Dieser Vorgang ist gar nicht Gegenstand des Prüfberichts. Er wurde bei Gericht geprüft, mit peinlichem Ausgang für den Bischof, der sogar die Chuzpe besessen hatte, in dieser Sache juristisch gegen den „Spiegel“ vorzugehen. Schließlich beugte er durch Zahlung von 20.000 Euro seiner drohenden Verurteilung wegen eidesstattlicher Falschaussage vor. Das Erstaunen über konservative, sonst so sittenstrenge Katholiken, die angesichts von Täuschungsmanövern und Falschaussagen eines Bischofs plötzlich in moralischen Relativismus verfallen, wird auch nach Veröffentlichung des Berichts bestehen bleiben. Auch ich habe keinen Satz meiner Limburg-Kommentare im „European“, bei „katholisch.de“ und im „Domradio“ zurückzunehmen.

Interessant ist die Nebenbemerkung des „Forums“-Vertreters, ich befände mich „auf einem neuen Kurs“. Dies nehme ich gern einmal zum Anlass, auch der Nachrede anderer Konservativer, ich sei wohl „jetzt auch gekippt“ und ein „Renegat“, auf den Zahn zu fühlen. Denn solche „Kurs“-Diagnosen sind symptomatisch für die Denkungsart einer Spezies, die ihre eigene Existenz als solche gerne bestreitet: den „Lagerkatholiken“.

Die 25 Jahre meiner publizistischen Tätigkeit weisen eine hohe inhaltliche Kontinuität auf. Meine geistige Ausrichtung war immer römisch-katholisch und liberal-konservativ und ist es weiterhin. So werde ich meistens auch von Lesern und Zuhörern wahrgenommen. Erst kürzlich hatte ich in einem Seminar für 40 engagierte Katholiken in einer Bischöflichen Akademie mit einer Brandung von Einwänden gegen mein „konservatives“ Kirchen- und Gesellschaftsbild zu kämpfen. Kurios, wenn einen gleichzeitig Konservative des liberalen Abweichlertums bezichtigen oder nicht mehr „stubenrein“ genug für ihre Versammlungen finden, nur weil man ihresgleichen ein paar Mal darauf hingewiesen hat, dass „Christlich-Konservative“ vor lauter Splittersuche im Auge liberaler oder säkularer Zeitgenossen den Balken im eigenen Auge übersehen könnten.

Etwa für die eigene Art Verweltlichung, wie Papst Franziskus sie kürzlich kritisierte:

Diese bedrohliche Weltlichkeit zeigt sich in vielen Verhaltensweisen… Bei einigen ist eine ostentative Pflege der Liturgie, der Lehre und des Ansehens der Kirche festzustellen, doch ohne dass ihnen die wirkliche Einsenkung des Evangeliums in das Gottesvolk und die konkreten Erfordernisse der Geschichte Sorgen bereiten. Auf diese Weise verwandelt sich das Leben der Kirche in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger. (…) Die andere ist der selbstbezogene und prometheische Neu-Pelagianismus derer, die sich letztlich einzig auf die eigenen Kräfte verlassen und sich den anderen überlegen fühlen, weil sie bestimmte Normen einhalten oder weil sie einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind. Es ist eine vermeintliche doktrinelle oder disziplinarische Sicherheit, die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein, wo man, anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und, anstatt den Zugang zur Gnade zu erleichtern, die Energien im Kontrollieren verbraucht“ (Evangelii gaudium, 95).

Ich habe mir als katholischer Journalist schon immer 1 Thess 5,21 zum Leitwort genommen und meine Meinung folglich nicht von der „Lager“-Stange gekauft, sondern in Anstrengung meines Wissens und Gewissens jeweils eigenständig gebildet. Mit manchmal überraschenden Ergebnissen: Als vor einigen Jahren zum Glaubenskongress versammelte „romtreue“ Katholiken den Lebensweisheiten einer Fernsehprominenten zujubelten, jubelte ich nicht mit – und fand heraus, dass die Starreferentin breite Zitate aus der „Gralsbotschaft“ („Im Lichte der Wahrheit“) zum Besten gegeben hatte. Publizieren wollte eine Zeitung des Milieus diese interessante Entdeckung nicht. Lieber unter den Teppich kehren, was so ziemlich das Gegenteil von Journalismus ist. Jedenfalls brauche ich von den Glaubenswächtern, die sonst jede Häresie drei Kilometer gegen den Wind wittern, eben „die Energien im Kontrollieren verbrauchen“, keine Belehrungen über „Kurs“-Abweichungen entgegenzunehmen.

Wer mir einen „neuen Kurs“ zuschreibt, muss auch viel übersehen haben, allein 2013 drei Würdigungen Benedikts XVI., eine Kritik der Sinusstudie, die Auseinandersetzung mit Hans Joas über Säkularisierung und Moralverfall, eine Anfrage an das Sentire cum ecclesia katholischer Journalisten und Absolventen des katholischen „Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses“, eine freundliche Bilanz des Eucharistischen Kongresses, den Offenen Brief an eine Preisträgerin des Katholischen Medienpreises, die ihr Preisgeld demonstrativ an eine abtreibungsfreundliche Initiative durchreichte, zwei Verrisse der Kölner „Prominenten-Denkschrift“ und „Kircheninitiative“ zur kommenden Bischofswahl und eine Kritik des kategorischen Overbeck-Imperativs: „Ein Bischof muss so handeln, dass die meisten der Gläubigen mitgehen können“.

Und so wie ich heute konservativer bin als Ultrakonservative es wahrzunehmen in der Lage sind, war ich früher weniger konservativ als sie es voraussetzen. Zum Beispiel kritisierte ich 1986 im „AlfA-Rundbrief“ eine grobe Predigt des sonst geschätzten Werenfried van Straaten über Weltkommunismus und Sexualkunde, 1996 in „Mut“ rechte Larmoyanz gegenüber „Political Correctness“, obwohl man doch selbst Denk- und Sprachverbote pflegt, in der „Tagespost“ 2001 nach dem Terroranschlag „9/11“ Gabriele Kubys unsägliche Ninive-Assoziation und 2003 Martin Hohmanns missratene „Tätervolk“-Rede. Schon 2010 in „Gesellschaft ohne Gott“ kritisierte ich den sexuallastigen Moraldiskurs und überdrehten Familismus unter Christlich-Konservativen. Kürzlich haben Papst Franziskus und der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener, dieselbe Kritik geübt. Ich bin also so römisch-katholisch, dass ich Ermahnungen des Papstes Monate oder Stunden zuvor in Artikeln antizipierte – während andere sie sich nachträglich zurechtbiegen müssen, um auch unter Franziskus noch als „papsttreu“ zu gelten.

Meine wesentlichen Überzeugungen sind unverändert, allenfalls habe ich zuletzt manches deutlicher als früher zum Ausdruck gebracht – weil eben leider auch die Anlässe für solche nötigen Abgrenzungen des Christentums von Eiferertum und Ideologie sich vermehrt haben. Wenn Exponenten des Milieus einen wachsenden Dissens zu mir empfinden, können auch sie gedriftet sein mit ihren Themenprioritäten und -akzentuierungen, ihrer Diktion, ihrem Habitus. Nicht nur meiner Beobachtung nach greift eine sektiererische Wagenburgmentalität in christlich-konservativen Kreisen um sich, weil man sich nur noch gegenseitig bestätigt, statt im Dialog mit der säkularen Öffentlichkeit und den Humanwissenschaften stets lernbereit zu überprüfen, ob man vielleicht doch noch nicht alle Impulse des Evangeliums richtig verstanden und zeitgerecht angewandt hat. Päpstliche Polemiken gegen die Menschenrechte sollten Mahnung genug sein, dass nicht alle kirchlichen Lehren schon der Weisheit letzter Schluss sein müssen.

Ja, ich fremdele mit der im Schrumpfungsprozess zunehmenden Selbstreferentialität und Selbstgerechtigkeit eines Milieus, in dem einfältige, dafür umso demagogischer eingehämmerte Argumente mehr Resonanz finden als differenzierende Sachlichkeit, und in dem ein antiliberaler, manchmal gar ins Nationalapologetische diffundierender Rechtsdrall fragwürdige Allianzen mit der Zeitung „Junge Freiheit“ und der Protestpartei „AfD“ hervorbringt. Mit „Glaubenstreue“ haben diese Tendenzen weniger zu tun als mit einem ideologischen Konservativismus.

Seine Kämpfer, die mir als solche ja durchaus sympathisch sind, können mit interner Kritik meist nicht konstruktiv umgehen, verlangen strikte Lagerdisziplin und unbedingte Apologetik, selbst wenn es nicht um den Glauben, sondern um ein bischöfliches 48qm-Schlafzimmer und einen Designergarten für 700.000 Euro geht. Vorausgesetzt, der Bischof ist kirchenpolitisch von der „richtigen“ Seite, natürlich. Diesen totalapologetischen Weg kann ich in der Tat nicht mitgehen, denn er gäbe die Kirche der Unglaubwürdigkeit preis. Wer mich deshalb öffentlich als „Brandstifter, Spalter und Verdunkler der Kirche Christi“ beschimpft, wie jüngst eine katholische Bloggerin und ein Kollege, der sich twitternd befleißigte, dieser Einlassung viel Publicity zu verschaffen, der offenbart mehr über sich selbst als über den, den er verschreit.

Ich bin immer noch derselbe, aber wenn sich das Koordinatensystem verschiebt, wandere ich nicht automatisch mit, um weiterhin wie gewohnt schubladisiert werden zu können und eine Lager-Nestwärme zu genießen. Ich bleibe einfach da stehen, wo meine Überzeugungen mich schon immer hingestellt haben: Bei einem intellektuell reflektierten, nach allen Seiten kritischen, gerne fröhlichen und der Kirche selbstverständlich loyalen Katholischsein, das christlichen Glauben und Humanismus nicht als Gegensatz zu denken vermag, sondern wie einen Humus und seine Frucht versteht. Der die Spannung von Freiheit und Ordnung in dubio pro libertate auflöst. Der die Geistesfreiheit gegen kleinkarierte, spießige, ängstliche und verdruckst unehrliche Zensoren verteidigt, die ihr Glaubens-Kartenhaus offenbar permanent vom Einsturz bedroht fühlen – und deshalb umso verbissener verteidigen. Dabei gibt es keine Wahrheit ohne Freiheit. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17). Wo ich Unfreiheit spüre, werde ich Heiligen Geist nie vermuten. Gleiches gilt für Unbarmherzigkeit, in der manche Paradechristen am Stammtisch geübt sind, auch wenn sie nach außen hin Lippenbekenntnisse zu Achtung und Toleranz abgeben.

Die rechten Gesinnungswächter mögen über meinen „neuen Kurs“ lamentieren oder feixen. Ich ziehe weiter geradeaus meine Furche im Acker. Mit Adenauer: „Ich verstehe die Leute nicht: Mal sind sie für mich, mal gegen mich, dabei mache doch immer die gleiche Politik.“ Oder mit Kardinal Höffner: „Nicht die Kirche bestimmt ihre Nähe zu den Parteien, sondern diese bestimmen ihre Nähe zu uns.“ Das gilt mir auch für die Kirchenparteien. Nie werde ich gefällig einem Lager dienen, weder eines Lobes wegen, noch aus Furcht vor irgendwelcher Nachrede.

Den gutmeinenden Verteidigern ihrer Kirche gegen harsche, nicht immer gerechte Kritik von außen und innen aber sei angeraten, sich nicht von jenen aufhetzen zu lassen, die im Namen der Einheit notorisch auf der Suche nach Abweichlern und Gegnern sind – und nichts als Zersplitterung hervorbringen, die sie dann wieder beklagen. „Es gibt Verteidigungsstrategien, die dem Verteidigten mehr schaden als nutzen. Der böse Geist ist wirklich schlau (Gen 3,1)“, warnt Klaus Mertes im Band 39 der „Ignatianischen Impulse“ unter dem Titel: „Widerspruch aus Loyalität“. Jesus lehre uns, die Grenzen der Clan- und Gruppensolidarität zu überschreiten, hin zu einer „größeren Solidarität“ mit Fremden, Gegnern, Ausgestoßenen, Abgestempelten. Diesem Schritt hafte leicht der Geruch des Verrats an, selbst wenn er für einen Kritiker der eigenen Gruppe letztlich Ausdruck der Treue zu seiner Herkunft und ein Dienst an der Einheit ist. Einheit steht nämlich nicht gegen Freiheit und heißt nicht Verschmelzung.

Christen bilden Gemeinde, nicht Rudel. Im Rudel herrscht das Gesetz der Unterwerfung. Die Gemeinde aber gewinnt durch Menschen, die loyal Widerspruch einlegen und damit ihre religiöse Gemeinschaft, wie in der Geschichte oft genug geschehen, einen Erkenntnisschritt voranbringen – von den Sabbatbrüchen Jesu über den Einsatz Bartolomé de Las Casas für die Menschenrechte der Indios und den Einspruch Friedrich Spees gegen die Hexenprozesse bis hin zu Martin Luther Kings Kampf gegen die Apartheid, ganz zu schweigen von den Kritikern dekadenter Kirchenfürsten. „Die Kirche und der Papst brauchen ebenso wie Familien, Gemeinschaften und Völker diesen Dienst an der Einheit, den der ‚böse Feind’ gern als Spaltung denunziert“, meint Pater Mertes; in Wirklichkeit sei „der Typ des loyalen Kritikers konservativ – obwohl er anders erlebt wird. Um den Vorwurf der Illoyalität nicht zu internalisieren, hält er innerlich Kontakt mit der Tradition, aus der er kommt“; in ihr findet er „die Kriterien, die es ihm möglich machen zu erkennen, dass sein Widerspruch nicht illoyal ist, sondern loyal. So bleibt er in einer inneren Einheit verbunden mit denen, die ihn abstrafen“. Und so werde ich es auch in Zukunft halten.

Andreas Püttmann

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