Uta Ranke-Heinemann gibt Auskunft

17. Februar 2014


Über Matthias Matussek, die Bibel und die Ermordung der Homosexuellen.

Weil „Homophobie“ noch nicht ausreicht, um einen Menschen zu charakterisieren, der öffentlich zu behaupten wagt, zwei Männer könnten keine Kinder kriegen, greift ein Portal namens Vice zu schwererem Geschütz und nennt Matthias Matusseks Einlassungen in der Welt kurz eine – „Hasspredigt“. Ich denke, dass Hasspredigt demnächst schlicht als „unverstandene Meinungsäußerung eines Kirchenmitglieds“ zu definieren sein wird, so inflationär wie die Zuschreibung stattfindet, aber für den Moment ist das starker Tobak. Sei es drum. Matussek hatte zwar weder zum Heiligen Krieg noch zu anderen Unannehmlichkeiten aufgerufen, doch wenn der „unangenehme alte Mann“ öffentlich „sein hässliches Haupt“ hebt, liegt es eben nahe, dass diese Hebung in einer „Hasspredigt“ endet, so „unangenehm“ und „alt“ dieser „Mann“ nun mal ist. Punkt.

Die angenehme junge Dame, die über Hässlichkeit und Hass befragt wird, ist Frau Uta Ranke-Heinemann, deren Kompetenz zur Charakterisierung des Journalisten gleich in den ersten beiden der fünf Fragen des Interviews aufblitzt: „Herr Matussek geht mir auf die Nerven.“ und „Er ist überhaupt nicht gebildet, was die Bibel und die alten Griechen angeht.“ Was die Bibel und die alten Griechen angeht, weiß Frau Uta Ranke-Heinemann Bescheid. So eröffnet sie den etwas sachlicheren Teil des Gesprächs (wir sind bereits bei Frage drei) wie folgt: „Bei den Griechen waren die Homosexuellen hochgeschätzt.“ Mag sein. Bei den Griechen waren in vor-christlichen Zeit auch noch ganz andere Dinge „hochgeschätzt“, unter anderem der Umstand, dass es für die homosexuellen Handlungen keine Altersbegrenzung gab. So lässt sich Uta Ranke-Heinemanns Urteil („Der größte Unterschied zwischen antikem Griechentum und Christentum betrifft die Einschätzung der Homosexualität.“) wie folgt korrigieren: „Der größte Unterschied zwischen antikem Griechentum und Christentum betrifft die Einschätzung homosexueller Handlungen, die Erwachsene an Kindern vornehmen.“

Weiter im Interview, in dem es nun noch um „Bibel“ (Frage vier) und „Papst“ (Frage fünf) geht. Die Bibel ist beiden wichtig, dem „unangenehmen alten Mann“ wie auch ihr („Er zitiert die Bibel, ich zitiere sie aber auch.“). Dann kommt als entscheidendes Zitat 3. Mose (Lev) 20, 13 (im Interview „3. Mose 20“ – ohne Versangabe): „Wenn ein Mann bei einem Mann liegt wie man bei einer Frau liegt, sollen sie getötet werden.“ (EÜ: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft.“) Ich will jetzt das Fass nicht aufmachen, dass zwischen dem eindeutig aktivischen „getötet werden“ und dem deutungsoffenen „mit dem Tod bestraft werden“ durchaus ein Unterschied liegt (Jemandem, der zu viel raucht, kann man ermahnend durchaus mitgeben, er werde „mit dem Tod bestraft werden“, so dass auch hier die Interpretation denkbar ist, es ginge um das Aussterben der eigenen Sippe als Konsequenz für beide homosexuellen Partner). Wichtig ist allein, dass hier eine Vorschrift der mosaischen Satzung der Israeliten, die für Christen nicht in dieser Weise verbindlich ist, wie sie verfasst wurde und nun dort geschrieben steht (Stichwort: Lex nova Jesu) und die auch nicht mit dem immer noch verbindlichen Dekalog auf einer normativen Ebene liegt, aus dem Kontext gerissen und als Leitlinie des Umgang der Christenheit mir Homosexuellen präsentiert wird. Das ist hoch unseriös. Wenn darüber nun Gewalt gegen Homosexuelle „den Christen“ in die Schuhe geschoben werden soll, nimmt das geradewegs bizarre Züge an. Und wenn als Gewährsmann für diesen Konnex ein „christlicher Kaiser“ aus dem 4. Jahrhundert dient, der – mehr als Kaiser denn als Christ – Homosexuelle verfolgen ließ, dann weiß man, dass heute wohl keine Schamgrenzen mehr existieren, wenn es darum geht, den Graben zwischen Kirche und Welt breiter zu machen.

Denn natürlich steigt Vice darauf ein und fragt zum Schluss: „Das heißt die Christen sind schuld?“ Jetzt fehlt der angenehmen jungen Dame mit den profunden Kenntnissen etwas, das der ungebildete, alte Mann mit dem hässlichen Haupt hat: Mut. Hätte sie nicht einfach sagen können: „Ja.“ Dann wären ihre Einlassungen wenigstens in sich konsistent. Aber sie antwortet in einer Art, die – gemessen an den Ansprüchen der typischen Vice-Leserschaft – wohl „ausführlich“ genannt werden kann: „Bevor der Papst irgendwas über die Homosexuellen sagt, soll er sich erst mal bei ihnen entschuldigen. Die Ermordung der Homosexuellen ist ein schweres Verbrechen der Weltgeschichte. Sie beruht auf Bibelworten, auf die sich Katholiken, Protestanten, Moslems berufen und findet auch heute noch statt.“ Das ließt sich etwa so: „Bevor X irgendetwas über Y sagt, soll X sich erst mal bei Y entschuldigen. Nur Düsseldorf ist die Hauptstadt von Nordrhein-Westfalen. Im Hafen sind Schuhe grundsätzlich lustiger als vorgestern.“

Satz 1 ist entweder immer wahr oder nie. Fragwürdig allein, ob sich ein Mensch des 21. Jahrhunderts für Dinge „entschuldigen“ (eigentlich: um Entschuldigung bitten) kann, die Vorgänge im 4. Jahrhundert betreffen, oder aber Vorgänge im 21. Jahrhundert, mit denen dieser Mensch nicht das Geringste zu tun hat. Frau Ranke-Heinemann sollte zudem wissen, dass es bei einer „Entschuldigung“ um Einsicht und Reue geht – beides Haltungen, die man nicht anordnen kann („soll“) und die sich nur dann wirksam aufrecht erhalten lassen, wenn es wirklich eine – zumindest innere – Verbindung der eigenen Person oder der von ihr vertretenen Institution zur fraglichen Sache gibt. Ferner hat sich die Kirche – im Bewusstsein einer Mitschuld an den Verbrechen der Menschheit – bereits mehrfach in aller Form entschuldigt. Homosexuelle Opfer dieser Verbrechen waren und sind immer mitgemeint.

Satz 2 ist grundsätzlich wahr: Die Ermordung von Menschen ist „ein schweres Verbrechen“. Dem würde nicht mal der Papst widersprechen. Oder Herr Matussek. Dass mit der Formulierung „Ermordung der Homosexuellen“ suggeriert wird, dies sei der statistische Normalfall im Umgang mit Homosexuellen, ist wohl eher der Flüchtigkeit geschuldet als dahinter eine böse Absicht zu suchen wäre. Diese kommt eher durch die hier erfolgende Kontextualisierung des Selbstverständlichen (Satz 2) mit einer Forderung (Satz 1) in Betracht, wird doch der Eindruck vermittelt, als habe der Papst oder seine Kirche in Hinblick auf die moralische Beurteilung des Sachverhalts „Ermordung der Homosexuellen“ irgendeinen Nachschulungsbedarf, weil sie sich partout (so zumindest die Behauptung) nicht „entschuldigen“ will. Ja, es wird gerade so getan, als sähe die Kirche die „Ermordung der Homosexuellen“ nicht als „ein schweres Verbrechen“ an.

Satz 3 begründet, warum sie das tatsächlich auch nicht tun kann, „beruht“ doch die „Ermordung der Homosexuellen“ („sie“) einzig und allein „auf Bibelworten“, die offenbar eine solche Wirkmacht entfalten, dass sich nicht nur die Nazis sklavisch an sie hielten, sondern sich auch „Moslems“ verpflichtet fühlen, ihnen widerspruchslos Folge zu leisten. Kein Wunder, dass sie, also die „Ermordung der Homosexuellen“ auch „heute noch“ stattfindet. – Es ist erschreckend und traurig zugleich, dass ein so ernstes Thema wie die Gewalt gegen Homosexuelle in einer solchen Weise behandelt wird, denn nichts verharmlost ein Problem mehr als grenzenlose Übertreibungen und eine monokausale Zuschreibung zu Ursächlichkeiten, von denen man merkt, dass sie allein der persönlichen Ansicht dessen entspringt, der sie vornimmt.

Ich weiß nicht, was Ziel und Anspruch dieses „Interviews“ gewesen sein mag, ob es mehr darum ging, Homosexuellen zu nützen oder Herrn Matussek, dem Papst, der Kirche, „den Christen“ und dem Ansehen „christlicher Kaiser“ des 4. Jahrhunderts zu schaden. Ich weiß allerdings eines: Wenn solche „Interviews“ zur Grundlage der Einschätzung von Sachverhalten gemacht werden, können wir alle miteinander einpacken: der Papst, die Kirche, die Vernunft. Und Matthias Matussek auch.

(Josef Bordat)

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