Beobachtungen im Zusammenhang mit einem Immobilienprojekt

21. Februar 2014


Was hat ein Mensch getan, dem man den Tod wünscht, den man gefoltert und ermordet wissen will? Für Zeitgenossen im Facebook reicht es, dass dieser Mensch Geld in eine Immobilie investiert hat.

Ich bin offenbar ein ganz besonders kluger Mensch. Ich gehöre zu der seltenen Spezies einer intellektuellen Elite, die wohl zudem langsam, aber sicher ausstirbt. Ich kann nämlich zwei Dinge, und zwar gleichzeitig: Ich kann einerseits einen Sachverhalt kritisieren und andererseits den übertrieben kritischen Umgang mit diesem Sachverhalt ebenso kritisieren. Ich kann beides. Und zwar gleichzeitig. Ich bin – um mal ein Beispiel zu nehmen – nicht schon deshalb ein Freund von Fahrraddieben, weil ich sie anders behandelt sehen will als siebenfache Frauenmörder. Und wenn die Todesstrafe für Schwarzfahrer gefordert wird, dann kritisiere ich das – auch, wenn ich Schwarzfahren für unsozial halte. Wenn also die Medien offenkundig lügen, um einen an sich schon problematischen Vorgang noch dramatischer erscheinen zu lassen, dann bin ich in der Lage, die Medien dafür zu kritisieren, ohne gleichzeitig die Problematik des Vorgangs in Abrede zu stellen.

Der Anteil derer an der Bevölkerung im deutschen Sprachraum, die das ebenfalls kann, scheint im unteren Promillebereich zu liegen. In der Debatte über Tebartz-van Elst scheint es nur zwei Lager geben zu dürfen: Freunde und Feinde. Den Freunden ist alles Recht, was Tebartz-van Elst macht und den Feinden ist alles Recht, was man mit Tebartz-van Elst macht. Wer, wie ich, gelegentlich darauf hinweist, dass es nicht gut ist, was man mit Tebartz-van Elst macht, auch wenn es nicht gut war, was Tebartz-van Elst gemacht hat, der muss damit rechnen, mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, ihm sei der Hunger in der Welt wohl egal. Bei Tebartz-van Elst passt kein Blatt Papier zwischen die Bewertung der Person und die Bewertung des Umgangs mit der Person.

Ich will nicht nach Ursachen forschen, warum das gerade bei Tebartz-van Elst so ist. Ich will statt dessen noch einmal ein paar Höhepunkte des Diskurses in den asozialen Medien wie Facebook vorstellen. Ich lese dort von Mordphantasien und detailliert ausgeschmückten Grausamkeiten, die auch im Hinblick auf Despoten kaum mehr zu steigern sein dürfte. Jetzt ist es aber nicht so, dass Tebartz-van Elst einen Völkermord begangen oder einen Weltkrieg begonnen hätte – falls wir uns darauf noch verständigen können. Er hat Geld in eine Immobilie investiert, viel Geld, zu viel Geld, und hat dabei vermutlich – doch noch nicht einmal das ist sicher – die Regeln ordentlicher Buchhaltung willentlich und wissentlich verletzt.

TvE-3

„Heuschrecke von Limburg“ ist da ja noch ganz schmeichelhaft, doch muss man angesichts dieser Sachlage unbedingt fordern, „dieses Ekelpaket in die Wüste [zu] schick[en]“? Muss man anregen, den Bischof „in seiner freistehenden Badewanne sitzen [zu] lassen bis er verschimmelt ist“? Muss man sich wirklich wie folgt äußern: „Ich möchte einmal für eine Stunde mit dem Kerl eingesperrt sein. Danach wäre er froh, wenn er den Geist aufgegeben hätte.“, „In China wäre so ein Mistkerl schon längst hingerichtet worden.“, „Ab in den Knast, bei Wasser und Brot.“, „20 Jahre Zuchthaus“, „Wann brennt dieser Scharlatan FPTvE auf dem Scheiterhaufen???“, „Ich würde als Strafe sämtliche Zehen abhacken und ihn danach den Jakobsweg zu Fuß gehen lassen, selbst DANN wäre diese Strafe noch als zu gering zu bewerten.“, „gehört in die Klinik wegen Größenwahn“, „Diese Kuttenbrunzer sollten öffentlich gesteinigt oder geteert werden. Denn den Menschen in Afrika ist so ein Lump nicht zuzumuten. Nackt auspeitschen wäre auch nicht schlecht für diesen Lump.“ Wie gesagt: Es geht hier nicht um nordkoreanische Staatschefs.

Ich frage mich: Ist der völlig aus dem Ruder gelaufene Diskurs nun symptomatisch für unsere neue Umgangsform in der Welt 2.0 oder ist er eine singuläre Erscheinung, die mit dem Limburger Diözesanzentrum steht und fällt? Anschlussfrage: Was ist eigentlich los?

(Josef Bordat)

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