Fasten

5. März 2014


Am heutigen Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, die Vorbereitung auf das Osterfest. Was ist Fasten und was bringt Fasten? Ich möchte das Fasten unter drei Aspekten betrachten: Heiligung, Solidarität und Freiheit.

Fasten und Heiligung

Zum „heilig“ werden bzw. „heilig“ sein gehört neben einer Gesinnung, die dem entspricht, was als „heilig“ angesehen wird, auch eine sichtbare Manifestation der Gesinnung in konkreten Lebensformen und Verhaltensweisen, denn wie sonst würde die edle Gesinnung erkennbar und die Person zur „Heiligen“ werden. Zu diesen Verhaltensweisen zählt auch das Fasten als Ausdruck der Buße und der willentlichen Weltabkehr, des Verzichts auf Annehmlichkeiten und der bewussten Orientierung auf Gott. Das Fasten ist als Technik Voraussetzung für Heiligkeit und zugleich deren Konsequenz, gelangt also selbst in die Sphäre des Heiligen.[1] Im Folgenden soll es aber um die durchaus auch heute noch praktisch nachvollziehbare Technik des Fastens gehen, die den Menschen heiligt.

Fasten spielt als Technik der Besinnung auf das Wesentliche nicht nur im Christentum, sondern in allen großen Religionen eine rituelle Rolle. Bekannt sind der islamische Ramadhan (Fasten als eine der fünf Säulen des Glaubens), das jüdische Fest Jom Kippur (Fasten als dankbare Erinnerung an den Versöhnungstag, an dem der Priester im Heiligtum für die Sünden des ganzen Volkes sühnte, Lev 16, 29-31) oder auch die Rede vom Nutzen des Fastens im Buddhismus (Fasten als Beitrag zu einem ungetrübten Geist). Doch insbesondere die Bibel steckt voller Passagen, die den Wert des Fastens ausdrücken. Dabei geht es insbesondere um Buße und Befreiung von Schuld und Sünde.[2] So versuchen die Einwohner der Stadt Ninive ihrem Untergangsschicksal durch „Fasten und Buße“ zu entgehen: „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, groß und klein, den Sack zur Buße an.“ (Jon 3, 5). Ferner ist das Fasten damit auf die Beschwichtigung Gottes gerichtet – als Alternative zum Opfer. An anderer Stelle wird diese Intention noch deutlicher: „Dann rief ich dort am Fluss bei Ahawa ein Fasten aus; so wollten wir uns vor unserem Gott beugen und von ihm eine glückliche Reise erbitten für uns, unsere Familien und die ganze Habe.“ (Esr 8, 21). Auch auf die Gefahren und Unannehmlichkeiten des Fastens wird verwiesen. In den Psalmen heißt es einmal „Ich nahm mich durch Fasten in Zucht, doch es brachte mir Schmach und Schande.“ (Ps 69, 11) und an anderer Stelle: „Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Leib nimmt ab und wird mager.“ (Ps 109, 24). Entscheidend für die Tradition des Fastens in der christlichen Kirche ist jedoch, dass Jesus Christus selbst 40 Tage in die Wüste ging, um sich fastend auf seine Mission vorzubereiten (Mt 4, 1-11).[3] Viele Heilige, die sich in die Nachfolge Christi begeben haben, stellten das Fasten demnach in den Mittelpunkt ihrer Berufung, etwa Hildegard von Bingen[4] oder Franz von Assisi[5].

Doch ist das Fasten heute längst nicht mehr an religiöse Intentionen gebunden, sondern steht als populäre Alltagsauszeit zwischen Gesundheitstrend, Schlankheitswahn und dem Befreiungsakt, den man sich für Körper und Seele erhofft. Als Losung „Simplify your Life“ erreicht die Verzichtskultur den Status einer Modeerscheinung. Und nicht zuletzt angesichts der jüngsten Forschungsergebnisse zum Klimawandel fordern immer mehr Menschen – auch solche, von denen man es kaum erwartet – einen weitreichenden Verzicht auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Fasten, um die Welt zu retten. In der Tat darf man die These wagen: Verzicht kann heute noch als individueller Befreiungsakt initiiert werden, in 50 Jahren wird er aufgrund der sich verschärfenden Umweltproblematik kollektive Notwendigkeit sein.

Es gibt verschiedene Formen und Gestalten des Fastens: Heilfasten[6], meist verbunden mit völliger Abstinenz fester Nahrung, der selektive Verzicht auf bestimmte Nahrungs- bzw. Genussmittel (etwa Alkohol, Süßigkeiten, Fleisch), das Einschränken von Lebensgewohnheiten bis hin zur völligen Entsagung bestimmter Dinge. Dann bleiben der Fernseher oder das Mobiltelefon zeitweilig ausgeschaltet. „Warum nur?“, möchte man fragen. Auch wenn man den religiösen Motivationen nicht folgt und insoweit nicht schon im Fasten selbst das Heiligende erkennt, so hat das Fasten dennoch als Verzichtsübung im Hinblick auf die „Heiligung“ zwei entscheidende säkulare Aspekte: Solidarität und Freiheit.

Solidarität und Freiheit

Zum einen ist das Gefühl der Solidarität mit denen, die nicht freiwillig entsagen, sondern einfach nicht genug von dem haben, auf das sie verzichten könnten, ein bestimmendes Moment des Fastens, das zur Heiligung notwendig ist. Armut und Verzicht gelten in vielen von Heiligen gestifteten Gemeinschaften als heils- und heiligungsnotwendig (auch hier ist beispielhaft der Franziskanerorden zu nennen). Aus der Verbundenheit im Verzicht erwächst die tätige Hilfe, nicht nur in der Anteilnahme an der Not des Mitmenschen, sondern im Teilen des Materiellen, so dass die Not gelindert werden kann. Hier wirkt sich das Fasten konkret-materiell aus und bewirkt eine Heiligung der Welt.

Soweit bleibt Solidarität ein Akt des Einzelnen. Aus der individualistischen Fastenlehre hat sich jedoch auch eine christliche Konsumethik entwickelt, die sich nicht nur positiv auf das körperliche Befinden und das Seelenheil dessen auswirkt, der sich ihr verschreibt, sondern die auch systematisch gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen vermag. So ist es nach Max Weber ironischerweise gerade diese innerweltliche Askese, die eine große historische Rolle bei der Schaffung des modernen Wohlstandes gespielt hat. Ein bescheidener Lebenswandel, die Bereitschaft zum Reinvestieren von Gewinn und der Wille zum Lernen prägten eine Ausrichtung auf die diesseitige Welt, in der das verantwortliche Ausüben weltlicher Aufgaben mit Blick auf das Jenseitige und Ewige idealisiert wurde; Gott als letzter Zweck, auch der Wirtschaft.[7] Ein auch heute gültiger Appell an die höhere Verantwortlichkeit jenseits des Systems.

Und dann – zum zweiten – ist da die Freiheit. Was hat Verzicht mit Freiheit zu tun? Eine Antwort lautet: So wie uns der Zwang zum Konsum, dem wir häufig unterliegen, die echte Freiheit raubt und uns nur die Spur einer Scheinfreiheit lässt, so kann uns umgekehrt der Verzicht auf Konsum die Freiheit zurückgeben. Es ist die Freiheit, etwas nicht zu haben, nicht haben zu müssen. Hier liegt also der Heiligungseffekt im abstrakt-spirituellen und wirkt sich wiederum verstärkend auf die Gesinnung und die Bereitschaft zur Solidarität aus. Wer gelernt hat, dass der Konsumzwang einengt und der Verzicht befreit, wird sich weniger schwer tun zu teilen als der, der diese Erfahrung nicht hat machen können. Das Unverständnis gegenüber der Radikalität vieler Heiliger ist ein wenig auch der mangelnden Erfahrung geschuldet, wie viel Freude es macht und wie befreiend es wirkt, auf die äußeren Vergnügungen und Lebensinhalte wie Reichtum, Ruhm und Karriere zu verzichten und sich ganz Gott und dem Mitmenschen zuzuwenden.

Die Komplexität des Fastens schildert eine Stelle aus dem Buch Jesaja, in dem die beiden Aspekte Solidarität und Freiheit eine zentrale Bedeutung haben: Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße und du merkst es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt? Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. Der Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt.“ (Jes 58, 3-11).

Der Verzicht führt also nicht nur zur Befreiung des eigenen Körpers und der eigenen Seele („deine Wunden werden schnell vernarben“, in einer anderen Übersetzung heißt es allgemeiner: „deine Heilung wird schnell voranschreiten“), sondern hat auch angenehme Folgen für die gesellschaftliche Wohlfahrt: der Hungrige wird satt, der Nackte bekleidet und der Obdachlose erhält eine Unterkunft. Ein bisschen einfach, oder? Was hat schon mein Verzicht mit der Lage des Anderen zu tun?! Ich denke: Eine ganze Menge. Das erschließt sich heute insbesondere mit dem Blick auf diejenigen, die unsere Konsumartikel unter unmenschlichen Bedingungen herstellen. Die unheilvolle Verbindung von billiger Produktion, teurer Vermarktung und steigendem Konsum betreffen bei weitem nicht allein die Bekleidungs- und Sportartikelindustrie, die häufig im Zentrum von kritischen Kampagnen stehen. Man muss sich bei jedem Einkauf fragen, wer eigentlich für unsere Billigpreise bezahlt – mit Arbeitszeit, Lebensqualität und Würde.

Jeder und jedem sei das Fasten als Technik der Heiligung ans Herz gelegt, aber noch viel mehr das, was Jesus seinen Jüngern sagte: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.“ (Mt 6, 16). Es besteht auch gar kein Grund für die Leidensmiene. Schließlich hat die oder der Fastende am Ende den größten Nutzen: ein Stück Heiligkeit.

Anmerkungen:

[1] So wird an einigen Bibelstellen die Heiligkeit des Fastens als solches betont („heiliges Fasten“, Joe 1, 14 und 2, 15).

[2] „Buße tun“ heißt dabei im Christentum, umzukehren und sich auf die Botschaft Jesu zu besinnen. Dieser Versuch, zur Quelle des Lebens zurückzukehren, geht mit dem äußeren Akt des Fastens einher. Buße und Fasten in seiner komplexer Form, wie sie hier zugrunde gelegt wird, lassen sich kaum voneinander trennen, daher wird die nun beginnende „österliche Bußzeit“ zurecht auch „Fastenzeit“ genannt.

[3] Hier ist der Bezug zum Alten Bund erkennbar, denn die Israeliten zogen nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei auf dem Weg in das verheißene Land 40 Jahre durch die Wüste (vgl. das Buch Exodus).

[4] Hl. Hildegard, Heilfasten. Gesundheit für Körper und Seele, hg. von P. Pukownik, München 1992.

[5] Brief an die heilige Klara über das Fasten. Der Brief ist leider nicht erhalten, doch schreibt die heilige Klara von Assisi an die selige Agnes von Prag über den Brief des Franziskus. Daraus lässt sich ableiten, dass Franziskus den gesunden Schwestern riet, das ganze Jahr hindurch zu fasten – außer Sonntags und an Weihnachten.

[6] Schon Hippokrates soll das Fasten aus gesundheitlichen Gründen empfohlen haben, mit den Worten: „Wer stark, gesund und jung bleiben und seine Lebenszeit verlängern will, der sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung, halte den Kopf kalt, die Füße warm und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arzneien.“.

[7] Kern der Unternehmer-Askese ist bei Max Weber der Gedanke, nicht um des möglichen Genusses, sondern um der Ehre Gottes willen, fleißig zu sein und reich zu werden: „Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuss des Reichtums mit seiner Konsequenz von Müßigkeit und Fleischeslust, vor allem von Ablenkung von dem Streben nach ,heiligem‘ Leben. Und nur weil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringt, ist er bedenklich. […] Der Reichtum ist eben nur als Versuchung zu faulem Ausruhen und sündlichem Lebensgenuss bedenklich und das Streben danach nur dann, wenn es geschieht, um später sorglos und lustig leben zu können. Als Ausübung der Berufspflicht aber ist es sittlich nicht nur gestattet, sondern geradezu geboten.“ (Askese und kapitalistischer Geist, in: M. Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1 [Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus], Tübingen 1978, S. 166 ff.)

(Josef Bordat)

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