Von Schlafstörungen, Normreflexion und Wahrheitsbindung

17. März 2014


Vor einigen Tagen habe ich dem Radiosender King FM ein Interview zu meinem Buch Das Gewissen gegeben. Es wurde in der Sendung „Stunde des Herrn“ (Moderation: Felix Honekamp vom PTB) ausgestrahlt. Hier nun das Gesprächsprotokoll zum Nachlesen.

King FM. Herr Bordat, man sagt: „Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen!“ – wie schlafen Sie denn so?

Josef Bordat. Grundsätzlich ganz gut. Aber ich merke schon, dass der Volksmund Recht hat, vor allem daran, dass einem Gewissensbisse oder Gewissenskonflikte tatsächlich den Schlaf rauben können, weil man mit einer inneren Unruhe zu kämpfen hat, die aus der Unstimmigkeit zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand unserer moralischen Konstitution herrührt. Man weiß: Ich hätte das nicht tun dürfen. Oder man denkt: Ich muss morgen etwas tun, es wird von mir erwartet, mein Chef erwartet es oder meine Frau, das ich eigentlich nicht tun will, und zwar erscheint der Unwille in einer Weise, die sich nicht auflösen lässt. Das ist keine Frage der Bequemlichkeit oder dass da morgen was Unangenehmes auf einen wartet, was dann aber übermorgen schon wieder vorbei ist, sondern das geht tiefer und betrifft uns als Personen. Das kann soweit gehen, dass man ahnt, man werde seines Lebens nicht mehr froh, wenn man denn tut, was man angeblich tun muss. Oder, dass man grübelt, wie man aus einer entstandenen moralischen Schieflage wieder herauskommen kann. All das geschieht im Gewissen und kostet, wenn es denn geschehen muss, den Schlaf.Grundsätzlich ganz gut. Aber ich merke schon, dass der Volksmund Recht hat, vor allem daran, dass einem Gewissensbisse oder Gewissenskonflikte tatsächlich den Schlaf rauben können, weil man mit einer inneren Unruhe zu kämpfen hat, die aus der Unstimmigkeit zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand unserer moralischen Konstitution herrührt. Man weiß: Ich hätte das nicht tun dürfen. Oder man denkt: Ich muss morgen etwas tun, es wird von mir erwartet, mein Chef erwartet es oder meine Frau, das ich eigentlich nicht tun will, und zwar erscheint der Unwille in einer Weise, die sich nicht auflösen lässt. Das ist keine Frage der Bequemlichkeit oder dass da morgen was Unangenehmes auf einen wartet, was dann aber übermorgen schon wieder vorbei ist, sondern das geht tiefer und betrifft uns als Personen. Das kann soweit gehen, dass man ahnt, man werde seines Lebens nicht mehr froh, wenn man denn tut, was man angeblich tun muss. Oder, dass man grübelt, wie man aus einer entstandenen moralischen Schieflage wieder herauskommen kann. All das geschieht im Gewissen und kostet, wenn es denn geschehen muss, den Schlaf.

King FM. Ist das Gewissen also eine Art integrierter Spielverderber?

Josef Bordat. Ja, im negativen Modus schon. Es ist – um es mal positiv zu wenden – eine moralische Überwachungseinrichtung, die Warnsignale aussendet. Und, klar, das uns das stört, daran erinnert zu werden, dass wir gerade falsch lagen mit einem Wort, einer Geste, einer Handlung, das tut weh, bietet aber letztlich immer wieder eine gute Chance, den Weg der Besserung einzuschlagen.

King FM. Kann man denn ganz allgemein das Gewissen irgendwie definieren? Was ist das Gewissen, von dem nicht nur in der Kirche sondern auch in der Politik – Stichwort Gewissensfreiheit – viel geredet wird?

Josef Bordat. Eine allgemeine Definition ist immer schwierig bei solchen großen Begriffen der Ethik – denken Sie an Freiheit, Gerechtigkeit oder eben auch Gewissen. Das hängt dann schon stark von der Perspektive ab, wie ein solcher Begriff bestimmt wird. Aus christlicher Sicht kommt „Stimme Gottes im Menschen“ schon der Wirkungsweise des Gewissens recht nahe, denn das Gewissen bleibt ja dem Menschen entzogen (weil es sich eben auch dann meldet, wenn wir es eigentlich nicht wollen), zugleich ist es sehr stark, wenn wir es wahrnehmen, so dass unser Leben nur in Bindung an das Gewissen gelingt. Außerdem kommt hier die besondere Position des Gewissen zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Menschen und Norm, zwischen dem Einzelnen und der Allgemeinheit zum tragen. Das Gewissen als „Stimme Gottes“ ist ja gerade die Verlautbarung des Absoluten im Relativen, des Objektiven im Subjekt.

Wenn wir gedanklich noch einmal einen Schritt zurück machen, dann können wir aus der Analyse des Wortes „Gewissen“ schon einiges dazu ableiten: Das Wort „Gewissen“ kommt vom althochdeutschen „giwizzani“. Der Stamm „wizzani“ kommt von „wizzan“ („wissen“), die Vorsilbe „gi-“, die später zu „ge-“ wird, deutet einerseits darauf hin, dass es um die Gesamtheit des Wissens gehen soll (so wie „Gebirge“ die Gesamtheit der Berge meint), also ein allumfassendes Wissen im Sinne des „Bewusstseins“ gemeint ist, andererseits scheint das Präfix auf eine Intensivierung des Wissens hinzudeuten, also darauf anzuspielen, dass das Wissen des Gewissens ein besonders sicheres, klares Wissen ist, ein im Grade gesteigertes, potenziertes Wissen, ein sehr genau gewusstes Wissen (so wie „Gewitter“ eine starke Form von Wetter ist). Schon vom Wort her lässt sich der Grundkonflikt um das Gewissen als „Mit-Wissen“ erkennen. Womit genau teilt man sein Wissen – mit einem autonomen Selbst (Subjektivismus) oder mit einer heteronomen Ordnung, die dem Selbst als Bestimmungsgröße vorgegeben ist (Objektivismus)? Gewissen als die Gesamtheit des Wissens deutet eher auf dieses, Gewissen als Intensivierung des Wissens eher auf jenes. Bereits im Wort „Gewissen“ zeigt sich also die Brisanz der Auseinandersetzung um die Bedeutung des Begriffs.

King FM. Ist die Forderung nach einem guten Gewissen nicht eine Art Freibrief zu tun, was man will?

Josef Bordat. Das ist in der Tat die Gefahr, wenn man das Gewissen subjektivistisch versteht. Im Objektivismus hingegen wird das Gewissen vom absoluten Vorrang der Normativität im Keim erstickt. Polemisch gesagt: Das subjektivistisch formierte Gewissen ist zu allem fähig, das objektivistisch eingefasste Gewissen zu nichts zu gebrauchen. Gesucht ist also ein Rückbindungsmodus des Gewissens (auch „Information“, „Formung“ oder „Bildung“ genannt), der den Einzelnen befähigt, gegebene Normen kritisch zu reflektieren, der ihn jedoch soweit binden, dass er sich nicht gleich selbst zur einzig gültigen Norm macht. Dabei muss neben der Anerkennung der Bedingungen Freiheit und Verantwortung weiterhin sichergestellt sein, dass sich der Vernunftgebrauch der Wahrheitssuche verpflichtet weiß. Denn wer die Wahrheit als Zielgröße der praktischen Rationalität ablehnt, nimmt letztlich auch das Gewissen nicht ernst. Der Schlüssel für den Rückbindungsmodus liegt folglich in der Beziehung des Gewissens zur Wahrheit.

King FM. Auch in der Kirche wird das Thema Gewissen immer wieder mal strapaziert, zum Beispiel in der Forderung, das Gewissen als menschliche Instanz eines jeden Gläubigen zu respektieren, es beispielsweise auch über Glaubenswahrheiten oder Moralaussagen zu setzen. Was ist davon zu halten?

Josef Bordat. Also, es geht nicht darum, den Respekt vor dem Gewissen dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass man die Gläubigen einfach so machen lässt. Das wäre ja kein Respekt vor dem Gläubigen. Es geht darum, dass man als Kirche dem Gläubigen die nötige Kompetenz vermittelt, die Normen, die Wahrheiten, die Aussagen der Lehre in das eigene Leben umzusetzen, eingedenk der Reflexion dieser Normen im Gewissen, das ja als „Stimme Gottes“ zugleich einen vorreflexiven Kern hat, der die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung verbürgt. Hier geht es nicht so sehr um das Vertrauen der Kirche in den Gläubigen, sondern in Gott, es geht um ein Vertrauen darauf, dass Gott den Gläubigen zur richtigen Entscheidung kommen lässt. Umgekehrt geht es um das Vertrauen des Gläubigen in die Kirche, ein Vertrauen darauf, dass diese ihn mit ihrer Lehre richtig informiert. Gewissen hat viel mit Vertrauen, also mit Glauben zu tun. Und das ist wie gesagt keine Einbahnstraße, sondern wechselseitig: die Kirche muss den Gläubigen, die Gläubigen müssen der Kirche vertrauen. Und es geht dann im Verhältnis von Gewissen des Subjekts und objektiver Lehre auch nicht um ein Über oder ein Unter, sondern um ein In die Mitte hinein. Im Gewissensgebrauch entdeckt der Gläubige die Mitte der Norm, ihr Wesen, das es in der Handlung zu realisieren gilt. Und auch, wenn das Gewissen irren kann und die Gewissensentscheidung im Ergebnis zu Handlungen führt, die aus Sicht der Kirche nicht gut sind, sollte die Kirche die Gläubigen ermutigen, diese Durchdringung ihrer Lehre im Gewissen vorzunehmen. Denn die Qualität der Umsetzung von Regeln steigt ja beträchtlich, wenn ich sie einsehe und verinnerliche. Letztlich sollte die Kirche doch auch so viel Vertrauen in ihre Normen haben, dass sie meint, dafür keinen blinden Gehorsam einfordern zu müssen. Was sie allerdings fordern darf, dass ist zum einen, dass ihre Normen das Gewissen bilden und zweitens, dass es ihre Normen sind, die das informierte Gewissen im Gegenzug reflektiert, dass der Mensch also am Ideal der objektiven Ordnung Maß nimmt.

King FM. Herr Bordat, Ihr Buch behandelt die Thematik des Gewissens eingehend von allen Seiten. Was waren denn für Sie die schwierigsten Aspekte der Arbeit, kann man das in einfachen Worten sagen?

Josef Bordat. Schwierig war es, eine gewisse Struktur zu entwickeln und dann auch beizubehalten, einen roten Faden, der stringent zum katholischen Gewissensbegriff hinführt. Das Gewissen ist ja doch ein Begriff, der wie viele andere philosophische Konzepte sehr weit gefasst werden kann und dann landet man eben schnell bei 500 statt bei 250 Seiten. Da ist dann auch die Schwierigkeit, zu entscheiden, was nicht so ausführlich behandelt werden soll. Ich habe zum Beispiel recht wenig zum psychoanalytischen Verständnis des Gewissens geschrieben, obwohl man sicher allein zu Freud, Jung, Adler und Frankl ein eigenes Buch schreiben könnte. Das ist dann immer schade, wenn man Probleme nur aufreißen kann, aber es ging mir schon um den christlich-katholischen Umgang mit diesem Begriff und da muss man eben biblische, kirchenhistorische, theologische Aspekte übergewichten.

King FM. Und gibt es Aspekte, die Ihnen besonders wichtig sind, bei denen Sie darauf Wert legen, wirklich verstanden zu werden?

Josef Bordat. Ja, das es gibt es in der Tat. Mir ist wichtig, dass die Abwägungsarbeit des von der Norm informierten, die Norm aber gleichzeitigen reflektierenden Gewissens deutlich wird. Dass deutlich wird, dass dies keine einfache Arbeit ist, sondern eine, die Zeit braucht und die Kraft kostet. Ich möchte nicht den einzelnen Gläubigen gegen die Kirchenlehre ausspielen oder umgekehrt – das wäre schade, wenn man das herauslesen würde. Ich positioniere mich ja zwischen dem Objektivismus und dem Subjektivismus. Dort sehe ich den Raum für ein sinnvolles Gewissenskonzept.

King FM. Was für Rückmeldungen bekommen Sie denn zu diesem Werk? Werden Sie verstanden, werden Sie mit Ihren An- und Einsichten kritisiert?

Josef Bordat. Ich setze mich mit der Positionierung zwischen Objekt und Subjekt zwischen die Stühle, das ist mir schon klar, und die ersten Reaktionen zeigen auch, dass ich vielen Konservativen zu liberal und vielen Liberalen zu konservativ bin, aber ich sehe im Gewissen eben auch eine Chance zur Harmonisierung der Lager innerhalb der Kirche. Die einen kommen dann eher vom Objekt her, die anderen vom Subjekt. Verantworten müssen sich alle vor einem Gewissen und durch ein Gewissen, das die Kraft hat, ins Wesen der Norm vorzudringen und das Formale zu überwinden, das aber zugleich auf die Norm bezogen bleibt. Und dass man mir abnimmt, mich ernsthaft bemühen zu wollen, um eine solche Harmonisierung, das kommt als Rückmeldung auch erfreulich oft, auch wenn dann je nach Standpunkt meine Thesen zum Gewissen entweder zu weit oder nicht weit genug in Richtung des einzelnen Gläubigen gehen. Der Text scheint auch in der Diktion sehr verständlich zu sein. Im Bekanntenkreis habe ich einige sehr kritische Leserinnen und Leser, die große Vorbehalte hatten, ob sie denn wohl durch den Text durchkommen werden, die es dann doch gewagt haben, nachdem sie das Buch von mir zu Weihnachten geschenkt bekamen. Und da habe ich bisher nur Positives gehört. Damit wäre das Buch meinem wichtigsten Anspruch gerecht geworden, nämlich ein Buch für alle zu sein, sachlich fundiert, das ist klar, aber eben kein Fachbuch für den akademischen Bereich.

King FM. Werfen wir einen kurzen Blick in die Zukunft: gibt es ein Thema, an dem Sie zur Zeit arbeiten, dürfen wir uns auf weitere Veröffentlichungen freuen?

Josef Bordat. Ja, derzeit arbeite ich an einem kirchenhistorischen Buch, das so eine Art Ratgeber für Diskussionen am Stammtisch oder im Internet werden soll, in dem also typische Vorhaltungen, mit denen man sich da konfrontiert sieht, einmal genauer unter die Lupe genommen werden. Was hat es eigentlich mit den Kreuzzügen, den Hexen und der Inquisition auf sich, wieso bekommt die Kirche in Deutschland Geld vom Staat, ist es wirklich so, dass die Mission nur Unheil gebracht hat in Amerika und Afrika usw. Also, all das, was einem als Katholiken gerne und regelmäßig an den Kopf geknallt wird, soll man näher betrachtet werden, nicht um die Kirche rein zu waschen, sondern um ihre Geschichte einfach besser zu verstehen, um sie einordnen zu können. Das scheint mir doch dringend nötig zu sein. Und das Buch soll die Leserin, den Leser am Ende befähigen, sachlich, aber dennoch deutlich zu widersprechen, wenn die Kirche mit historischen Hypotheken belastet werden soll, die ihr einfach nicht zugerechnet werden können.

King FM. Lieber Herr Bordat, ich danke Ihnen für das Gespräch.

(Josef Bordat)

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