Claudia Sperlich stellt Hildegard von Bingen vor

16. April 2014


Oder: Philosophische Anthropologie statt Dinkelkissen und Kräutertee

Zu einem Abend über die heilige Hildegard von Bingen hatte die Bloggerin Claudia Sperlich in den Carl Sonnenschein-Saal der Pfarrei Heilig Kreuz in Berlin-Wilmersdorf eingeladen. Die heilige Hildegard werde, so Claudia Sperlich, „heute fast nur mit mittelalterlicher Heilkunde in Verbindung gebracht“, dabei sei sie „eine mit großer Phantasie begabte Visionärin, Philosophin, Dichterin und fleißige Briefeschreiberin“ gewesen. Das sei „irgendwo zwischen Dinkelkissen und Kräutertee untergegangen“. Die ebenso vielsagende wie witzige Formulierung im Veranstaltungshinweis machte Appetit auf die „Non Food-Hildegard“. Claudia Sperlich stellt genau diese Hildegard vor: eine Intellektuelle, deren Beziehungen zu geistlichen und weltlichen Machthabern (u. a. zu Kaiser Barbarossa) und deren theologische Tiefenschärfe es verdienen, philologisch ausgeleuchtet zu werden. Die Referentin liest dann auch vornehmlich aus anspruchsvollen Texten, aus Briefen und Gedichten, aus den Visionen. An die Sprache des 11. Jahrhunderts, zumal in der blumigen Hildegard-Variante, muss sich das Gehör tausend Jahre später erst gewöhnen. Dass Claudia Sperlich eine ausgezeichnete Rezitatorin ist, hilft, den nicht gerade einfachen Gedanken der Hildegard zu folgen.

Claudia Sperlich während ihrer Lesung. Foto: JoBo, 4-2014.

Claudia Sperlich während ihrer Lesung. Foto: JoBo, 4-2014.

Insbesondere die Anthropologie der Hildegard von Bingen hat es in sich. Sie erinnert mit dem Hinweis auf das Zusammenspiel von Seele und Körper durch die Wirkmacht des Willens und das Regulativ der Vernunft an Thomas von Aquins Vorstellung der natura humana, die etwa ein Jahrhundert später aktenkundig wird. Man könnte durchaus die ideenhistorischen Linien noch weiter ziehen: Hildegards Sicht auf die Rolle des Empfindungsvermögens (Sinne gelten ihr als „Edelsteine“, die sinnliche Wahrnehmung ihrer Einordnung durch die Seelenkräfte entwicklungspsychologisch vorgelagert) scheint den Empirismus, ihre Betonung der Vernunft, die den Willen (eine Kraft, die den Körper in Bewegung versetzt) und das Gemüt (ein „Gezelt“, welches moralische Dispositionen wie Zorn, Trauer und Freude birgt) umklammert, scheint nicht nur auf Thomas hinzudeuten, sondern auch den Rationalismus vorzubereiten. Das psychophysische Problem, das uns in der Theoretischen Philosophie bis heute beschäftigt, wird bei Hildegard zugunsten der Seele aufgelöst: sie ist die „Meisterin“, welche die leibliche „Magd“ steuert.

Hildegard, soviel wird schnell klar, ist mehr als die Kräuterfee, die uns eine esoterisch grundierte Bio-Bewegung verkaufen will. Sie ist eine Intellektuelle, eine Philosophin, eine Theologin, die sich (kirchen-)politisch klar positionierte und dabei durchaus Respekt seitens mächtiger Männer erfuhr. Claudia Sperlich revidiert mit ihrer Darbietung also nicht nur jedes engrahmige Hildegard-Bild, das landläufig gezeichnet wird, sondern verwirft mit dieser Revision ganz nebenbei zugleich das von der Vulgärmoderne imaginierte angebliche Frauenbild des Mittelalters. Hildegard von Bingen bleibt, das gehört ebenfalls zur Botschaft des Abends, auch in der philosophisch-theologischen Perspektive spannend und aktuell bzw. aktualisierbar – spirituell und sozialpolitisch, intellektuell und kirchenbezogen. Diese Botschaft sollte diejenigen nicht überraschen, die wissen, dass Hildegard von einem Professoren auf dem Stuhl Petri, nämlich von Papst Benedikt XVI. (der heute übrigens Geburtstag hat), 2012 zur Kirchenlehrerin erhoben wurde. Claudia Sperlich hat diese Botschaft auf ihre Art als virtuose Vorleserin unterhaltsam und spannend belegt.

(Josef Bordat)

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