Hungertuchbetrachtungen (5)

18. April 2014


Das Kreuz verbindet alles.

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Das Kreuz, das kompositorisch die vier Einzelbilder voneinander trennt, führt sie gleichsam wieder zusammen, hin zu einer geteilten, hellgelb strahlenden Mitte. Nach außen hin wird es hingegen immer dunkler, ganz am Rande ist es fast schwarz.

Als Jesus stirbt schreit er „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34; Mt 27,46), dann: „Es ist vollbracht.“ (Joh 19,30). Verlassenheit und Vollendung berühren sind am Kreuz, Leid und Heil, Tod und Leben. In diesem Moment, als der Herr seinen Geist aufgibt, beginnt das Programm, das später als Christentum bekannt werden sollte: der Vorhang des Tempels zerreißt, der Hauptmann bekennt sich. Juden und Heiden sind betroffen, sakrale und säkulare Systeme. Nichts hält stand, als Gott den Neuen Bund besiegelt.

Verlassenheit und Vollendung – beides fällt im Tod zusammen: Das Verlassen dieser Welt und die Vollendung in Gott. Jesus Christus vollendet mit seinem Tod am Kreuz nicht nur sich, er vollbringt mehr: er vollendet die Welt, die er verlässt. Dies geschieht, indem sich Gott selbst in Christus verlässt, um aus Liebe menschliches Leid bis zur Konsequenz des Todes nachzufühlen, um uns in Sterben und Tod ganz nah zu sein. Und auch in den tiefsten Abgründen des Lebens, in Leid und Not, Krankheiten und Katastrophen.

Gott ist in Jesus Christus bei uns, wenn wir leiden, wenn wir sterben. Das ist gewiss. So gibt es kein sinnloses Leid und keinen sinnlosen Tod, weil alles im Kreuz aufgehoben ist, im Leid der Gottverlassenheit, das größer ist als jedes andere Leid, und in der Vollendung des Lebens, die bedeutender ist als jede andere Vollendung, weil sie vollbringt, dass der Tod zum Tor wird – aufgestoßen zu neuem, ewigem Leben.

(Josef Bordat)

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