Eine Ethik, die über Leichen geht

5. Juni 2014


Die katholische Jugend ist immer für eine Überraschung gut. Manchmal allerdings auch schlecht. So steht in dem 100-Seiten-Dokument der „Katholischen Jungen Gemeinde“ zur Europawahl (pdf-Dokument, 3,9 MB) eine Menge Gutes, aber auch einiges Schlechte.

So wird gefordert, „die eigene Entscheidung für Sexualpraktiken und die Wahl, welche Art von sexueller Beziehung jemand führen möchte“ ins Gutdünken des Subjekts zu stellen. Die Würde des Menschen ist demnach eine konventionalistische Angelegenheit autonomer Individuen, ohne Rücksicht auf die menschliche Natur oder das Wesen des Menschen oder das Menschsein an sich. Was zwei (oder) mehrere empirische Subjekte vereinbaren, das wird – „Freiheit“ der Entscheidung vorausgesetzt – moralisch gut geheißen.

Zugleich wird gefordert, dass Jugendliche kostenfreien und sicheren Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung haben müssen, was konkret bedeutet, Jugendlichen „die Möglichkeit zu geben, eine Schwangerschaft abzubrechen und kostenlos Verhütungsmittel zu erhalten, denn nur so kann die beschriebene Freiheit auch gelebt werden (Hervorhebung von mir)“.

Für diesen unfreiwillig entlarvenden Hinweis kann man den jungen Schwestern und Brüdern im Glauben wohl nur dankbar sein. Das heißt nämlich nichts anders als: Wenn man Freiheit auch dort gewährt, wo es keine Freiheit gibt, muss man Rechte einräumen, auf die es kein Recht gibt. Wer für (fast) alle Formen der Sexualität offen ist (einige werden zumindest nicht explizit genannt – warum eigentlich nicht?), muss die Konsequenzen von vorne herein normativ abfedern. Koste es, was es wolle. In diesem Fall menschliches Leben in einer Lebensform, die ihr Recht (noch) nicht einfordern kann, ja, der im Namen der Freiheit Einiger dieses Recht abgesprochen wird.

Das ist die Logik einer Ethik, die zunächst alles für gleich gültig und daher für moralisch möglich erklärt und vor den unausweichlichen Folgen ihrer Forderungen nicht ratlos kapituliert, sondern bereit ist, Opfer zu bringen. Natürlich nicht selbst. Gesucht und gefunden wird eine Gruppe, die sich nicht wehren kann. Im Ergebnis steht hier eine Ethik, die buchstäblich über Leichen geht, nur um ihre Prämissen halten zu können. Schon das müsste hellhörig machen. Tut es aber offenbar nicht.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich es mal erleben würde, wie nonchalant katholische Christen ein Recht auf die Tötung ungeborener Menschen einfordern, um ein Maximum an sexuellen Vollzugsoptionen für geborene Menschen, insbesondere für sich selbst, sicherzustellen. Ich schäme mich.

(Josef Bordat)

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