Menschenwürde und Gottesbezug

20. Juni 2014


Noch einmal zum Problem der Moderne, noch einmal zur Universalitätsskepsis.

1. Ich bin im Zusammenhang mit der Problematisierung des Relativismus (angeregt durch ein Spaemann-Interview im Spiegel) gebeten worden, noch einmal zu verdeutlichen, warum wir überhaupt Universalität in der Ethik brauchen. Dass wir eine moralische Basis für unser Handeln brauchen und dass diese ethisch nachvollziehbar begründet werden muss, ist dabei unstrittig. Doch: Könnte nicht jeder auf seine Weise eine Begründung suchen, mit der er leben kann? De facto läuft es so. Aber es läuft eben nicht gut.

Daher möchte ich die These wagen: Wir brauchen die Möglichkeit einer gemeinsam geteilten Rückbindungspraxis an elementare Metaprinzipien, allgemein anerkannte Grundsätze darüber, wie man zu moralischem Verhalten kommt. Man könnte auch sagen: Wir brauchen die Einsicht in die Wahrheit universaler Annahmen, aus denen sich die unbedingte Geltung von Werten und Normen ableiten lässt. Es braucht also eine Basis, die uns universalistische Prinzipien, wie sie etwa im Begriff der Menschwürde grundlegend sind, anerkennen lässt. Einfach die Bedeutung der Menschenwürde zu betonen, ohne zu sagen, aus welchem Grund sie bedeutet ist, reicht dagegen im Zweifel nicht aus.

2. Hier tritt uns zunächst das Problem der Genesis moralischer Normen entgegen. Auch wenn ihre Geltung nicht bestritten wird, sucht doch jeder Splitter des zerbrochenen Kristalls Gemeinschaft für Werte und Normen, die ein Minimum an Zusammenhalt in der Gesellschaft garantieren, nach einer Anbindung in der eigenen Tradition. Wird diese nicht gefunden, bleibt der fragliche Wert suspekt. Wer den Universalismus, der den Menschenrechten eignet, nur negativ belegt, weil er mit dem Christentum und der westlichen Lebensform in Verbindung zu bringen ist, muss sich nach Alternativen fragen lassen. Anything goes, ist eine sehr schlechte. Wer andererseits, wie Bundeskanzlerin Merkel in einem Interview, behauptet: „Es ist keine kulturelle, westliche, europäische, christliche Anmaßung, dass wir unsere Werte und Freiheitsrechte für universal gültig halten.“, muss das genauer begründen. Wenn wir wieder nach Wahrheit fragen wollen, auch im Kontext ethischer und rechtlicher Debatten, dann muss die Argumentation auf mehr verweisen als auf Macht und Mehrheit.

Das führt uns zu Überlegungen transzendentaler bzw. transzendenter Art und bringt uns auf die Absolutheit und Ewigkeit von Werten, die jedoch ihrerseits gerade bestritten werden. Kontext- und situationssensitiv werden alle diese Werte mit kulturellen Indizes oder gar mit Anführungszeichen versehen, um zu bedeuten, dass es eigentlich gar nicht um die Werte an sich gehen kann, um Freiheit etwa, oder um Gerechtigkeit, so wie es schon lange nicht mehr um Wahrheit geht. Den Wert an sich brauchen wir aber, wenn wir über zeitlich befristete, als menschliche Konventionen jederzeit kündbare Gesellschaftsverträge hinaus eine Basis für das Zusammenleben schaffen wollen, die das Böckenförde-Dilemma vom modernen Staat, der seine Grundlagen selbst nicht schaffen kann, auch angesichts einer pluralen Gesellschaft löst, die in ethischer Hinsicht stark fragmentiert ist. Was kann die Gesellschaft, die keine Gemeinschaft mehr ist, verbinden?

3. Eine Klammer, die zugleich die Basis für die Menschenrechte bildet, also über die Gesellschaft hinausweist, ist die Menschenwürde. Diese wiederum findet ihren Rückhalt in ihrer dem Menschen entzogenen Absolutheit, ihrer letzten Gründung in Gott. Freilich kann man Würde auch anders (i. e. nicht-christlich) begründen, etwa über gegenseitige Verleihung (Konventionalismus) oder über die Teilhabe des empirischen Subjekts „Mensch“ an der Transzendentalsubjektivität „Menschheit“ (Kant), oder schlichter: über Zugehörigkeit zur Gattung. All diesen Ansätzen fehlt aber die Verankerung des Würdebegriffs in einer den Menschen übersteigenden Normsphäre, die integer bleibt, auch wenn Menschen sich bewusst oder unbewusst gegen die scheinbare Selbstverständlichkeit wenden, dass ein Mensch Menschenwürde hat, etwa indem sie bestimmte Menschen ausschließen aus der Rechtsgemeinschaft der sich gegenseitig mit Würde ausstattenden Subjekte. Das ist nicht nur ein historisches Problem, sondern zeigt sich aktuell an der Beurteilung des Status‘ menschlichen Lebens an dessen Anfang und an dessen Ende. Man kann konventionalistisch eine ganze Menge Menschen vom Würdeschutz ausschließen, indem man einfach sagt, sie seien noch nicht oder nicht mehr Teil der Rechtsgemeinschaft. Die Grenze kann dabei fast beliebig gezogen werden. Das ist vor dem Gedanken einer Gottebenbildlichkeit aller Menschen und einer Würde, die Geschenk Gottes an alle Menschen ist, nicht möglich, weil die Verfügbarkeit über die Zuschreibung von Würde fehlt.

Nur eine Würde, die von einem Schöpfergott kommt, der zugleich Wahrheit und Liebe ist, ja, der zugleich Mensch wurde und damit das Schöpfungsgeschenk der Würde bestätigte, ist tatsächlich unantastbar. Das ist die christliche Position. Eine Würde, die wir uns als Menschen selbst geben, ist auch von uns Menschen wieder zu nehmen. Das ist die säkulare Position. Noch mal anders: Wenn ich an Gott glaube, kann ich in diesem Glauben nicht anders, als jedem Menschen Würde zuzugestehen – ohne Ausnahme. Im Rahmen einer Konvention lassen sich (etwa präferenzutilitaristisch begründete) Ausnahmen definieren. Im christlichen Glauben hingegen ist der Mensch bereits definiert, so dass es keine Ausnahmen geben kann.

4. Interessant ist, dass dort, wo die Skepsis gegenüber einem ethischen Universalismus besonders groß ist, man auch von Würde nichts (mehr) wissen will. Die empirische Untersuchung von Ethiken zeigt, dass mit der Begründungsoffenheit zugleich auch die Prinzipien selbst in Frage gestellt werden. Gerade im angelsächsischen Raum, dessen Ethiken traditionell eher konsequentialistisch und konventionalistisch begründet sind (was als prinzipienlos kritisiert, zunehmend jedoch als pragmatisch gelobt wird), erscheint die „dignity“ nicht mehr als wertvolle Metanorm, weil sie den Autoren inhaltsleer geworden ist. Das ist duchaus schlüssig, ist sie doch zuvor inhaltlich entleert worden, dadurch, dass ihr die christliche Basis entzogen wurde. Es ist also eine Illusion zu meinen, man könne die Menschenwürde isolieren und – weltanschaulich voraussetzungslos – für eine Gesellschaft ohne Gott verfügbar halten. Denn ihre Absolutheit, von der sie konzeptionell wesentlich zehrt, fällt ja damit aus. Da nur eine absolute Würde überhaupt eine Würde ist, ist Menschenwürde ohne Gottesbezug nicht zu haben.

Nur das christliche Menschenbild, das den Menschen schöpfungstheologisch und christologisch versteht, das die Nähe des Menschen zu Gott und die Identifikation Gottes mit dem Menschen verbürgt, kann verhindern, dass der Mensch dem Menschen die Würde abspricht. Es ist daher gut, dass unser Grundgesetz an unsere Verantwortung (u. a. eben für die Achtung und den Schutz der Menschenwürde) „vor Gott und den Menschen“ erinnert. Und es erstaunt daher auch nicht, dass selbst agnostische Denker wie Jürgen Habermas meinen, dass einzig das Christentum in Fragen der universalistischen Begründung von Werten und Normen konsistente Antworten gibt: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“ Zumindest keine, die trägt.

(Josef Bordat)

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