Benedikt über Benedikt

11. Juli 2014


Benedikt XVI. über den Tagesheiligen Benedikt von Nursia. Aus der Ansprache während der Generalaudienz am 12. April 2008.

Die Geburt des heiligen Benedikt wird um das Jahr 480 datiert. Er stammte, wie der heilige Gregor sagt, „ex provincia Nursiae“ – aus dem Gebiet um Nursia [Norcia in Umbrien A.d.Ü.]. Seine wohlhabenden Eltern schickten ihn zur Ausbildung nach Rom. Er blieb jedoch nicht lange in der Ewigen Stadt. Als völlig glaubwürdige Erklärung weist Gregor auf die Tatsache hin, dass sich der junge Benedikt von der ausschweifenden Lebensweise zahlreicher seiner Studienkollegen abgestoßen fühlte und nicht denselben Fehlern verfallen wollte. Gott allein wollte er gefallen; „soli Deo placere desiderans“ (II Dial., Prol 1). So hat Benedikt noch vor Abschluss seiner Studien Rom verlassen und sich in die Einsamkeit der Berge östlich von Rom zurückgezogen. Nach einem ersten Aufenthalt in der Ortschaft Effide (heute: Affile), wo er sich eine Zeitlang einer „religiösen Gemeinschaft“ von Mönchen anschloss, lebte er als Einsiedler im nicht weit entfernten Subiaco. Dort lebte er drei Jahre lang vollkommen allein in einer Höhle, die vom Beginn des frühen Mittelalters an das „Herz“ eines Benediktinerklosters mit dem Namen „Sacro Speco“ bildete. Die Zeit in Subiaco, eine Zeit der Einsamkeit mit Gott, war für Benedikt eine Zeit des Reifens. Hier musste er die drei grundlegenden Versuchungen jedes Menschen ertragen und überwinden: die Versuchung der Selbstbestätigung und des Wunsches, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, die Versuchung der Sinne und schließlich die Versuchung von Zorn und Rache. Benedikt war in der Tat davon überzeugt, dass er erst nach der Überwindung dieser drei Versuchungen den anderen ein hilfreiches Wort in ihrer notvollen Lage geben könne. So war er, nachdem er Ruhe in seiner Seele gestiftet hatte, in der Lage, die Impulse seines „Ich“ vollkommen zu kontrollieren und auf diese Weise um sich herum Frieden zu schaffen. Erst dann beschloss er, in der Nähe von Subiaco im Tal des Flusses Aniene seine ersten Klöster zu gründen.

Im Jahr 529 verließ Benedikt Subiaco, um sich in Montecassino niederzulassen. Von einigen wurde dieser Umzug als Flucht vor den Intrigen eines neidischen örtlichen Geistlichen gedeutet. Doch dieser Erklärungsversuch hat sich als wenig überzeugend erwiesen, da der plötzliche Tod dieses Geistlichen Benedikt nicht zur Rückkehr bewegt hat (Dial. 8). In Wirklichkeit hatte diese Entscheidung sich ihm aufgedrängt, da eine neue Phase der inneren Reifung und der monastischen Erfahrung für ihn begonnen hatte. Nach Gregor dem Großen kommt dem Aufbruch aus dem abseits gelegenen Tal des Aniene nach Montecassino – eine Anhöhe, welche die weite Ebene, in der sie liegt, beherrscht und von weitem sichtbar ist – eine symbolische Bedeutung zu: das Mönchsleben in der Verborgenheit hat seine Berechtigung, doch ein Kloster hat auch einen öffentlichen Zweck im Leben der Kirche und der Gesellschaft und muss den Glauben als Kraft des Lebens sichtbar machen. Als Benedikt am 21. März 547 sein irdisches Lebens beendete, hat er mit seiner „Regel“ und mit der von ihm gegründeten benediktinischen Familie ein Gut hinterlassen, das in den vergangenen Jahrhunderten Frucht in aller Welt getragen hat und auch heute noch trägt.

Im gesamten zweiten Buch der „Dialoge“ zeigt Gregor uns, dass das Leben des heiligen Benedikt in eine Atmosphäre des Betens eingetaucht war, des tragenden Fundaments seines Daseins. Ohne das Gebet gibt es keine Gotteserfahrung. Doch die Spiritualität Benedikts war keine wirklichkeitsfremde Innerlichkeit. In der Unruhe und Verwirrung seines Zeitalters lebte er unter dem Blick Gottes, und gerade so hat er nie die Pflichten des täglichen Lebens und den Menschen mit seinen konkreten Bedürfnissen aus den Augen verloren. Indem er Gott sah, hat er die Realität des Menschen und seinen Auftrag verstanden. In seiner „Regel“ bezeichnet er das Klosterleben als „eine Schule für den Dienst des Herrn“ (Prol. 45) und fordert von seinen Mönchen: „Dem Gottesdienst [dem Stundengebet] soll nichts vorgezogen werden“ (43, 3). Er unterstreicht jedoch, dass das Gebet in erster Linie ein Akt des Hörens ist (Prol. 9–11), der dann in konkretes Handeln umgesetzt werden muss. „Der Herr erwartet, dass wir jeden Tag auf seine göttlichen Mahnungen mit unserem Tun antworten“ (Prol. 35), erklärt er. So wird das Leben des Mönchs eine fruchtbare Symbiose von Aktion und Kontemplation, „damit in allem Gott verherrlicht werde“ (57, 9). Im Gegensatz zu einer heutzutage häufig gepriesenen, bequemen und egozentrischen Selbstverwirklichung, ist es die vorrangige und unverzichtbare Aufgabe eines Schülers des heiligen Benedikt, wirklich Gott zu suchen (58, 7), auf dem Weg, den Christus in seiner Demut und in seinem Gehorsam vorgezeichnet hat (5, 13). Der Liebe zu Christus soll er nichts vorziehen (4, 21; 72, 11) und gerade so, im Dienst für den anderen, wird er zu einem Mann des Dienens und des Friedens. In der Übung des Gehorsams, der mit einem von der Liebe beseelten Glauben verwirklicht wird (5, 2), erwirbt der Mönch die Demut (5, 1), der die „Regel“ ein ganzes Kapitel (7) widmet. Auf diese Weise wird der Mensch Christus immer ähnlicher und gelangt zur wahren Selbstverwirklichung als Geschöpf nach dem Bild und Gleichnis Gottes.

Benedikt XVI.

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