Aufklärung

20. Juli 2014


Zu meinem letzten Eintrag eine kurze Erläuterung: Das arabische Schriftzeichen ن (nūn) ist Anfangsbuchstabe von نصراني (naṣrānīj, „Nazarener“), der Bezeichnung für „Christ“ im Koran.* Mit diesem Schriftzeichen lässt die islamistische Terrorgruppe ISIS derzeit die Häuser von Christen im Irak und in Syrien kennzeichnen. Sie sollen ermordet werden, wenn sie nicht bereit sind, entweder zum Islam zu konvertieren, eine besondere Abgabe zu zahlen oder ihren Wohnort dauerhaft zu verlassen. Der ideologisch (insbesondere religionspolitisch) motivierten Vertreibung sind seit dem Jahr 2000 bereits 1,2 Millionen Christen zum Opfer gefallen.

Im Kommentarbereich der Tagesschau, die davon am Beispiel der Stadt Mossul berichtet, wird man darüber aufgeklärt, dass den Christen im Grunde kein Unrecht geschieht. Wer austeilt, muss eben auch einstecken. Oder: Wer im Mittelalter ausgeteilt hat, muss im 21. Jahrhundert einstecken. Und der Papst möge sich doch bitte heraushalten, bei der ganzen Schuld der Kirche in den letzten fünftausend Jahren. Und überhaupt: Was soll’s?!

Einige erhellende Zeugnisse von Zeitgenossen, mit denen ich – und dieser Gedanke verstört mich zutiefst – offenbar in einem Gemeinwesen zusammenlebe, vielleicht ja Tür an Tür:

„Die ISIS mag ja sehr rabiat vorgehen gegen die Christen, aber sie gibt ihnen wenigstens eine Chance zu fliehen. Dies ist sehr human.“

„Wer hier für[sic!] Gewalt gegen die ISIS aufruft das sind wohl einige wenige völlig rücksichtslose Christen, die das Leben von Zivilisten aufs Spiel setzen – Frauen, Kindern und Greisen.“

„Er [der Papst, J.B.] sollte doch lieber schweigen. Denn die ISIS tut das gleiche, was die Christen im Mittelalter mit Ungläubigen und in jüngster Geschichte mit den Juden gemacht hat[sic!]. Ist es der ISIS also zu verdenken, wenn sie die Christen kopiert?“

„Wäre die Region aufgrund der Ölvorkommen nicht so wichtig, würde ich sagen es geht uns nichts an.“

Noch Fragen? Ja, eine: Wo waren eigentlich all diese Menschen, bevor es das Internet gab?

(Josef Bordat)

* Ich bin leider des Arabischen nicht mächtig (gar nicht) und daher dankbar für die eingegangenen philologischen Hinweise!

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