Maximilian Kolbe – ein Antisemit?

15. August 2014


Es ist etwas befremdlich, ausgerechnet in der Biographie des „Ökumenischen Heiligenlexikons“ zu lesen, dass Pater Maximilian Kolbe, dessen Martyrium die Kirche gestern gedachte, ein Antisemit gewesen sei. Diese Einschätzung wird mit einer antisemitischen Ausrichtung einiger Artikel in einer Publikation begründet, die von dem katholischen Journalisten Kolbe herausgegeben worden war.

In dem Lexikonartikel heißt es:

Die Wahrheit gebietet den Hinweis, dass auch Kolbe nicht frei war vom Antisemitismus, der damals nicht nur in Nazi-Kreisen zuhause war. In von ihm herausgegebenen katholischen Massenblättern konnte man lesen, dass Polen das biologische Hauptreservoir des Weltjudentums sei, das sich wie ein Krebsgeschwür in den Volkskörper fresse, deshalb gebe es nur eine Lösung: Die Juden müssen emigrieren.

Es ist generell problematisch, von der Herausgeberschaft einer Schrift auf die Affirmation von Aussagen in Texten dieser Schrift zu schließen. Nicht der Herausgeber ist verantwortlich für die Aussagen in den Texten, sondern die Autoren der Texte. Es ist zudem problematisch, den Antisemitismus der Autoren mit zwei Zitaten zu belegen, die damals zum Standardrepertoire von Abhandlungen gehörten. So wie man keine Doktorarbeit aus der DDR findet, auf der nicht in der Einleitung der große Beitrag Lenins zu eben dem behandelten Thema hervorgehoben wird, so findet man kaum einen Text aus der Nazi-Zeit, der nicht bemerkt, dass ohne Juden alles besser wäre. Da es sich um katholische Massenblätter handelt, ist allenfalls zu schließen, dass es auch im Katholizismus eine antisemitische Strömung gab – und das wird kein Historiker bestreiten. Aber Kolbe einen persönlichen Strick daraus zu drehen, ist sehr abwegig. Ganz abgesehen davon: Antisemitismus gehörte über Jahrhunderte in der europäischen Kultur zum guten Ton. Es gibt wohl keinen Denker und Dichter der letzten 500 Jahre, von dem man nicht zwei, drei Hetzsprüche gegen Juden finden könnte. Es ist also äußerst abwegig, über eine Generalkritik hinaus einen Menschen mit zwei antisemitischen Aussagen persönlich zu belasten, vor allem dann, wenn diese nicht mal von ihm selbst stammen.

Weiter im Text:

Auch nach der Befreiung des KZs und dem Kriegsende wurde in Polen weder von der kommunistischen Regierung noch von der katholischen Kirche der Holocaust wahrgenommen; für die Regierung war Oświęcim – nur – Ort des Mordens an Polen, für die katholische Kirche Stätte des Martyriums von Katholiken.

Die kausale Brücke von „Gesinnung eines Bewohners von Land X“ zu „Situation im Land X nach dem Tod des Bewohners“ zu ist ebenfalls sehr schwankend, wenn der Bewohner nicht maßgeblich die Politik des Landes mitbestimmt hat. Pater Maximilian Kolbe war jedoch kein Staatsmann, der die Weichen für Polens Zukunft gestellt hätte. Die dem zitierten Abschnitt folgende Darstellung handelt aber von eben jener Zukunft Polens, auf die Pater Maximilian Kolbe keinen Einfluss hatte.

Man liest dort etwa:

Noch 1946 – P. Maximilian Kolbe war schon seit fünf Jahren tot – wurden in Kielce 42 überlebende Juden von empörten Polen ermordet.

Das ist tragisch und traurig zugleich, nur: Was hat das mit Pater Maximilian Kolbe zu tun? Was hat das überhaupt in einer biographischen Abhandlung zu suchen, wenn die beschriebene Persönlichkeit a) zum Zeitpunkt des Ereignisses nicht mehr lebte und b) zuvor kaum politischen Einfluss auf die Bedingungen hatte, die zu dem Ereignis führten? In einem Artikel über die Neuere Geschichte Polens oder den Antisemitismus in Polen hätte diese Bemerkung eine Berechtigung. Warum sie in einen Artikel über Pater Maximilian Kolbe hineingehört, erschließt sich mir nicht.

Es ist bedauerlich, dass man nicht nur in der deutschen Fassung der Wikipedia versucht, Pater Maximilian Kolbe Antisemitismus anzudichten (dort offenbar erfolglos, vgl. den Artikel und die dazu geführte Diskussion), sondern im „Ökumenischen Heiligenlexikon“ Kontexte behauptet werden, die bestenfalls aus der Luft gegriffen wurden.

(Josef Bordat)

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