Martyrium

18. August 2014


Anmerkungen zu einer wichtigen Differenz

Offenbar ist durch die langjährige Berichterstattung über Selbstmordattentäter der Begriff des Martyriums völlig falsch konnotiert worden. Märtyrer, das sind junge Männer (oder Frauen), die mit einem Sprengstoffgürtel in Einkaufszentren rennen – und sich dabei auf Gott berufen. Wenn dann mal nicht nur ein unbedeutendes Blog, sondern das Nachrichtenmagazin eines breit rezipierten Mediums über eine Seligsprechung von Märtyrern berichtet, klicken die Synapsen zielsicher zusammen: Wie kann er nur, der Papst! Denn diese Seligsprechung sei angesichts der Lage im Nahen und Mittleren Osten ein „Zeichen […] zur falschen Zeit“, da es „ein Steinchen auf dem Weg zur Radikalisierung“ sei, wenn Menschen, die für ihren Glauben leiden, derart „geadelt“ werden (so in einem Kommentar). Nun, man kann „radikal“ im christlichen Sinne auslegen, gemeint ist jedoch wohl: Hier wird Öl ins Feuer gegossen, weil Christen mit den Verlockungen kirchlicher „Adelung“ gleichsam aufgefordert werden, im Sinne eines Selbstmordattentäters das Martyrium zu erlangen. Zwischen „für den Glauben sterben“ und „für den Glauben töten“ besteht zwar ein Unterschied, aber der wird hier galant unterschlagen.

Mit beigetragen zur Differenzierungsunfähigkeit haben sicherlich auch biologistische „Erklärungen“ des aus Sicht einer nutzenzentrierten evolutionistischen Anthropologie Unerklärbaren. Der Biologe und Wissenschaftshistoriker Thomas Junker und die Biologin und Wissenschaftsautorin Sabine Paul unternahmen in ihrem Buch Der Darwin-Code (2009), mit dem ambitionierten Untertitel „Die Evolution erklärt unser Leben“, den Versuch, das Martyrium als (sozio-)biologischen Urinstinkt aufzufassen, der ehemals sinnvoll gewesen sei, weil er Gemeinschaften stabilisierte, in modernen Gesellschaften freilich als „Fehlanpassung“ ins Leere läuft, weil der „Vorteil“ – worin und in welcher Hinsicht dieser auch immer genau bestanden haben mag – heute nicht mehr existiere. Mit dieser abenteuerlichen These sollen christliches Blutzeugnis und islamistischer Terror durch Selbstmordattentate auf eine gemeinsame Basis zurückgeführt werden. Zwischen Sterben zum Zeugnisgeben und als Akt der Hingabe (christliches Martyrium) und dem Töten als Gewaltakt (islamistisches Selbstmordattentat) wird nicht unterschieden, so dass am Ende das Konterfei Mohammed Attas und das Maximilian Kolbes die beiden Seiten der einen evolutionistischen Medaille zieren (schwer zu glauben, wenn man Mohammed Atta und Maximilian Kolbe kennt), aus deren Strahlkraft man das komplexe Phänomen „altruistische Aufopferung seiner Selbst“ ergründet zu haben glaubt: Die Aufopferung geschieht nicht für Gott, für den Glauben, für ein höheres Ideal, sondern für die Gemeinschaft. Das ist die „evolutionäre Logik“, die christliches Martyrium und islamistisches Selbstmordattentat umklammert. Nach dieser Logik macht es dann auch keinen Unterschied für das Verständnis des Vorgangs, ob man nur sich selbst oder auch Andere opfert. Opfer und Täter stehen motivational auf einer Stufe.

Man muss aber wissen: Der Begriff des Martyriums im Christentum ist ein grundlegend anderer als der im Islam. Martyrium bedeutet Zeugnis. Der christliche Märtyrer gibt Zeugnis für den Glauben – mit dem eigenen Leben, nicht mit dem Leben anderer. Das macht ihn in den Augen der Kirche zu einem Vorbild. Gott und Mensch verweisen im Martyrium aufeinander: Gott stiftet dem Märtyrer seine übermenschliche Liebe ein, der Märtyrer deutet durch sein Opfer auf Gott. Ein christlicher Märtyrer ist also ein Mensch, der zum Zeugnis für seine Idee diese über das eigene Leben stellt, weil ihm ein Leben ohne die Verwirklichung der Idee nicht lebenswert erscheint. Er stellt sie über das eigene Leben, nicht über das Leben anderer Menschen. Das ist die entscheidende Differenz. Nicht Gewalt ausüben, sondern Gewalt erleiden. Nicht suchen, sondern finden lassen. Nicht anstreben, sondern annehmen.

Das christliche Martyrium bleibt unverstanden, wenn es nicht theologisch, sondern biologisch, psychologisch oder soziologisch interpretiert wird. Das Martyrium aus Überzeugung, von dem niemand etwas erfährt, passt nicht ins Denken unserer Zeit, ein Denken, das den Glauben kategorisch ausklammert, ebenso wenig, wie das Opfer aus Liebe, einer Liebe, die nicht auf Gegenleistung seitens der Gemeinschaft als „Nutzen“ ausgerichtet ist. Was bleibt, ist Verzweiflung angesichts der eigenen Ratlosigkeit: „Warum werden Märtyrer gefeiert? Das ist absolut menschenverachtend“ (ein anderer Kommentar). Das Martyrium ist menschenverachtend, nicht, weil es Täter gibt, sondern, weil es Opfer gibt. Also: Der Märtyrer macht das Martyrium zu einem „menschenverachtenden“ Akt!

Es scheint völlig fern jeder Möglichkeit, dass es Ideale gibt, für die sich zu sterben lohnt. Statt dessen wird Opportunismus als Tugend verkündet: „[E]in einfaches nicht ernstgemeintes Leugnen hätte niemandem geschadet“, so dass für die seliggesprochenen Märtyrer gilt: „Man sollte solch Verhalten nicht auch noch feiern, sondern als Beihilfe zum Mord verurteilen“ (ein besonders erhellender Kommentar). Soweit es doch noch Menschen gibt, denen Egoismus und Hedonismus nicht ein und alles bedeuten, dann wünscht man sich von den Medien, dass dieser Umstand tunlichst ausgeblendet wird: „Und warum ist dieses Ereignis einen Artikel in der Tagesschau wert?“ (noch ein Kommentar). Ansonsten geht es in den Kommentaren um die Kirchensteuer.

Dabei ist der Gedanke, das Leben sei nicht über alles zu stellen, die Wertschätzung bestimmter Ideale mithin wichtiger als der Erhalt der eigenen biologischen Existenz, kein exklusiv katholischer, ja, nicht einmal einer, den nur Christen haben. Fidel Castros Losung „Sozialismus oder Tod!“ deutet an, dass für einen Kubaner ein Leben in einer anderen Gesellschaftsform undenkbar sein sollte, umgekehrt geisterte der Spruch „Besser tot als rot!“ im Kalten Krieg durch die westliche Welt. In diesem Sinne könnte man das Martyrium doch verstehen: Für den Christen ist dann eben ein Leben, das nicht im Einklang mit den Geboten Gottes steht, nicht lebenswert. Keine Anpassung, keine Kompromisse, kein Arrangement mit den Verhältnissen, wenn diese nicht den Geboten Gottes entsprechen. Man muss diese Haltung ja nicht teilen, aber man könnte sie doch verstehen. Am ehesten, wenn man sie nicht zu erklären versucht. Mag die Auffassung, Märtyrer seien schlicht „psychisch krank“ (ein Kommentar), das eigene Menschen- und Weltbild stabilisieren (einschließlich der Meinung, man selbst sei „psychisch gesund“), so wird es doch denen nicht gerecht, die noch Ideale gelten lassen und nicht nur raffinierte Strategien, möglichst billig durchs Leben zu kommen. Und möglichst viel Steuern zu sparen.

Nicht jeder Christ hat die Kraft zum Martyrium – auch das muss klar sein. Selbstverständlich sind es heute die gleichen Menschen, die Märtyrer für „psychisch krank“ halten und in die Ecke von „Mördern“ stellen, die den Christen, die sich in der Bedrängnis äußerlich anpassen und allenfalls im Verborgenen wirken, einen Mangel an Bekennermut vorwerfen. Damit muss man wohl leben. Auch damit, dass die Frage von Papst Franziskus, wofür „wir selbst – wenn überhaupt – zu sterben bereit wären“, heute nur eine gesellschaftsfähige Antwort kennt: „Für nichts!“

(Josef Bordat)

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