Soll man Menschen töten sollen?

21. August 2014


Also: Unter bestimmten Umständen?

Ich hatte gestern bereits gesagt, dass es wohl eine Sollbruchstelle im ethischen Diskurs ist, ob man die Tötung von Menschen unter bestimmten Umständen erlaubt oder nicht (Punkt 7). Heute erreicht mich ein Beispiel dafür, wie eine Definition jener „bestimmten Umstände“ aussehen kann: ein dreifach vorhandenes Chromosom. Der, welcher die Ausschlussdefinition vornimmt, ist kein Unbekannter: Richard Dawkins. Der Papst der Atheisten meint, einem Beitrag des Telegraph zufolge, es sei unmoralisch, Babys mit Trisomie 21 (Down Syndrom) leben zu lassen. Es sei vielmehr moralisch geboten, sie rechtzeitig zu töten, solange dies rechtlich erlaubt ist, also: vor der Geburt.

Damit geht er einen (bloß formalen) Schritt hinter die Forderung Peter Singers zurück, „behinderte“ Menschen auch noch nach der Geburt töten zu dürfen. Und damit geht er einen (entscheidenden) Schritt weiter, nämlich von der Erlaubnis zum Gebot: Dawkins spricht ausdrücklich davon, dass Eltern, die erfahren, ihr Kind habe Trisomie 21, die moralische Verantwortung haben, ihr Kind abtreiben zu lassen. Tun sie es nicht, lassen sie es also leben, handeln sie moralisch verwerflich.

Ich will einfach noch mal festhalten, was das bedeutet.

1. Zunächst ist damit gesagt, dass es Menschen gibt, die grundsätzlich nicht leben sollen, weil sie so sind, wie sie sind. Dass man sich also im moralischen Sinne schuldig macht, wenn man sie trotzdem leben lässt. Der Weg der Schiefen Ebene vom Verbot über die Erlaubnis zum Gebot ist damit gegangen, der Schritt vom Töten dürfen zum Töten sollen ist vollzogen. Was noch aussteht, das ist der Schritt vom moralischen Gebot zum rechtlichen Gesetz: Töten müssen.

2. Dann ist ein Beispiel gewählt, das einigermaßen erstaunlich ist, wissen wir doch, dass Menschen mit Trisomie 21 ein gelungenes Leben führen können, so wie Menschen ohne Trisomie 21 auch. Das sollte jedoch nicht dazu verführen, dass man nun lediglich andere Grenzen setzt, indem man andere Umstände definiert. Grundsatz ist, das wir an der Würde des Menschen Maß nehmen, nicht an seinen Eigenschaften.

Es gilt wohl tatsächlich: „Entweder man akzeptiert, dass menschliches Leben unter bestimmten Umständen straffrei getötet werden darf und definiert dann diese Umstände, oder, man akzeptiert dies grundsätzlich nicht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Marsch für das Leben akzeptieren dies grundsätzlich nicht.“ Vielleicht kommt nach der Einlassung Richard Dawkins‘ jetzt noch die eine oder der andere dazu. Vielleicht ja auch beide.

(Josef Bordat)

 

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