Christliche Ethik III. Liebe

3. Dezember 2014


Die Transformation der griechischen Kardinaltugenden in der paulinischen Theologie bildet die Brücke zwischen weltlichen und geistlichen Strömungen in der antiken Tugendlehre des jungen Christentums. Das in diesem Kontext zu beachtende Hohelied der Liebe aus dem Ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther gehört wohl zu den bekanntesten Stellen der Bibel. Darin heißt es: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ (1 Kor 13, 13). Die Trias christlicher Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) sowie die Hervorhebung der Liebe sind die Deutung dessen, was Jesus Christus seinen Jüngern offenbarte: den Glauben an Gott als den Vater, die Hoffnung auf das Leben in Fülle und die Liebe als Prinzip des christlichen Lebens. In den so genannten Abschiedsreden hinterlässt er ihnen die lex nova der Liebe: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13, 34).

Es ist in diesem neuen Gebot zugleich eine neue Liebe angesprochen, die agape. Das Wort agape, das im griechischen Text des Neuen Testaments dort steht, wo Luther „Liebe“ schreibt, kommt in der antiken griechischen Literatur sonst nur ganz selten vor – meist steht in den weltlichen Texten eros („Begehren“) oder philia („Freund sein“). Von agape ist in der Bibel an den Stellen die Rede, an denen eine Liebe gemeint ist, die mit dem unbedingten normativen Anspruch verknüpft werden soll, der den Liebesbegriff des Christentums von den Konzepten aller anderen Religionen und Weltanschauungen abhebt.

Die agape ist eine neue Liebe, neu in der Ausrichtung, der Radikalität, der Verbindlichkeit. Sie ist eine Liebe, die man gebieten kann (was beim eros und bei der philia unmöglich ist). Das Gebot ist die Liebe, zu lieben (im Sinne der agape) ist geboten. Man kann Jesu Liebesgebot nicht vom Begriff des Gebotes her verstehen, sondern nur vom Begriff der Liebe, von dieser agape her. Die Logik der Barmherzigkeit ist dem Gebot inhärent, nicht die Logik der Normativität. Liebe ist nach Jesus zugleich Gefäß und Inhalt, Weg und Ziel, materielle Forderung („Liebet einander!“) und formale Durchführungsdirektive („Legt alles in Liebe aus!“). Die Liebe, wird damit klar, zeigt sich gerade in der Beachtung des Liebesgebots, genauer: in der liebevollen Beachtung.

Liebe als christliche Tugend im Sinne der agape ist, so Eberhard Schockenhoff, ein „sittlicher Grundakt, in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“ (Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf. Freiburg i. Br. 2007, S. 211). Sie wird so zum „Strukturprinzip, das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“ (ebd.). Der Christ zehrt von einer dreifachen Liebe: der Liebe zu Gott, der Liebe zum Nächsten und der Liebe zu sich selbst. Diese Liebe fordert Jesus von denen ein, die ihm nachfolgen wollen, mehr noch: Er erhebt sie nicht nur zum Gebot, sondern zur Erfüllung aller Gebote: „Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben“ (Lk 10, 25-28). Die Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, die agape, ist damit die Quintessenz des christlichen Glaubens.

Was bedeutet das konkret? Wie lässt sich diese Liebe leben? Vorbild ist auch hier die Ethik Jesu, welche eine Empathie zum Prinzip erhebt, die sich mit dem Liebesbedürftigen identifiziert und letztlich eint. Die moderne Psychologie würde hier wohl von Perspektivenwechsel und imaginativer Rollenübernahme sprechen. So wie in Jesus Gott und Mensch geeint sind, so wie Gott in Christus den menschlichen Standpunkt einnimmt und uns von dort aus ganz neuartig liebt (bis hin zur Selbstaufgabe), so sollen wir aus dem Blickwinkel des Nächsten schauen, seine Perspektive einnehmen und so erkennen, welcher Unterstützung er bedarf. Einschlägig ist hier das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 30-37), das unmittelbar im Anschluss an das Liebesgebot überliefert ist. Jesus erzählt von einem Überfall und der Hilfeleistung durch einen Nicht-Juden aus Sicht des Opfers und sprengt damit die „legalistische Enge der Gesetzeskasuistik“ (A. a. O., S. 222), auf die die Pharisäer mit der Frage „Wer ist mein Nächster?“ (Lk 10, 29) abzielen. Sie möchten eine Antwort, die als Definition, also Abgrenzung, die Handlungssphäre des Einzelnen prinzipiell bestimmt. Jesus macht durch den Perspektivenwechsel aber deutlich, dass die Grenze sich nur an dem zu Liebenden bemessen lässt. Erst wenn man dessen Sicht eingenommen hat und aus dessen Sicht keinen Handlungsbedarf mehr erkennen kann, ist die Liebe an ein Ende gelangt. Sie bemisst sich also immer am Bedürfnis dessen, der Liebe braucht, nicht an dem, der sie gibt. Der barmherzige Samariter sagt zum Wirt der Herberge, in die er das Opfer gebracht hat: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme“ (Lk 10, 35). Mit dem „wenn du mehr für ihn brauchst“ (quodcumque supererogaveris) übereignet sich der barmherzige Samariter allen Bedürfnissen des Opfers, auch denen, die er noch gar nicht einschätzen kann. Das bedeutet: Die Nächstenliebe verzichtet auf diese Einschätzung. Das ist der Clou der Ethik Jesu, der als supererogatorischer Ansatz bekannt wurde: Es gibt kein Genug aus meiner Sicht, sondern nur aus der des Anderen. So betrachtet gibt es schließlich keine Situation mehr, die und keinen Menschen mehr, der von unserer Liebe prinzipiell ausgenommen ist. „Die Verpflichtung zur Nächstenliebe gilt in den Augen Jesu“, aus denen Gott auf uns Menschen schaut, „ohne Grenze und Einschränkung für jeden (als Subjekt der Liebe) und gegenüber jedem (als Objekt der Liebe)“ (A. a. O., S. 223).

Die Liebe ist damit ein universales ethisches Prinzip des Christentums, das auf die absolute Würde des Menschen eine Antwort gibt. Sie als ein solches zu leben, ist nur im Glauben an Gott möglich, weil nur in Gott das Konzept der absoluten Würde verankert werden, weil nur mit Gott die nötige Entgrenzung zur universalen Liebe stattfinden kann. Der erheblichen Anforderung einer grenzenlosen Liebe, dem ungeheuerlich erscheinenden Anspruch der punktuellen Selbstaufgabe im Interesse des Anderen (nichts anderes findet bei einer Perspektivenübernahme statt) kann nur gerecht werden, wer „alle Wirklichkeit – die der anderen und die des eigenen Selbst – von Gott her“ sieht, denn: „Von ihm als dem Zentrum aller Wirklichkeit aus betrachtet, können wir alle in unserem Eigenwert wahrgenommen werden und so als Personen existieren, durch die das Licht göttlicher Wertschätzung hindurchscheint“, was dazu führt, dass diese Liebe zur unbedingten Annahme des Anderen „in seinem So-Sein und Hier-Sein“ führt (A. a. O., S. 247). Eine solche Liebe kann ohne absoluten Bezugspunkt, der eine bewirkende, zielgebende und einheitsstiftende Funktion erfüllt, nicht gelingen. Nur Gott ist solch ein absoluter Bezugspunkt. Ergo: Nur mit Gott gelingt Liebe als agape. Anders gesagt: Gott ist Garant dieser Liebe.

(Josef Bordat)

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