Christliche Ethik IV. Freiheit

4. Dezember 2014


Ohne Würde keine Liebe, ohne Liebe keine Würde. Doch welchen Einfluss haben die Annahme, der Mensch sei mit absoluter Würde begnadet und möge sich in universaler Liebe begegnen auf die politische Ethik des Christentums? Das Moment der Wertschätzung und ideellen Befreiung des Menschen durch die christliche Anthropologie und Ethik spielt insbesondere für die Entstehung und Entwicklung der Menschenrechte eine wichtige Rolle, wie zuletzt Hans Joas herausstellte (Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Berlin 2011). Die Freiheit des Menschen zu betonen, ist ein Anliegen der christlichen Ethik, das sich aus ihren Grundfesten Würde und Liebe unmittelbar ergibt.

Paulus schreibt den Galatern: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht nun fest, damit ihr nicht wieder festgehalten werdet unter dem Joch der Sklaverei“ (Gal 5, 1) Freiheit kommt im Christentum also „von außen“, von Gott. Es ist keine Freiheit, die sich in Unabhängigkeit erschöpft, sondern eine Freiheit in bejahter Abhängigkeit, es ist weniger eine „Freiheit von“, sondern eine „Freiheit zu“. Freiheit ist in diesem Sinne keine Optionenvielfalt, sondern eine bewusste Bindung des Menschen an Gott.

Warum aber ist dieser Verweis auf Gott Ausdruck von Freiheit? Der Trierer Bischof Stephan Ackermann meinte dazu einmal: „Um uns wirklich zu befreien, braucht es den, der wirklich frei ist, nicht gefesselt an sich selbst, sondern ganz frei aus der Freiheit Gottes selbst heraus: der Sohn Gottes. Er ist den Weg der Freiheit gegangen – doch nicht auf Kosten anderer. Er ist nicht der Sieger, der „am Strand“ seines Wirkens Opfer und Verlierer zurücklässt. Im Gegenteil: Er war frei und bereit, selbst Opfer zu werden. So und nur so ist er am Ende Sieger geworden.“ Und dieser Sieg der Freiheit ist unser Sieg, wenn wir dem Sieger folgen.

Die These von der Freiheit als vornehmlich protestantischer Leitkategorie, die schon Hegel vertrat, indem er darauf verwies, dass in der Reformation das moderne „Prinzip der Subjektivität“ entstanden sei (Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, in: Vorlesungen, Bd. 9. Hamburg 1986, S. 63), ist oft und breit rezipiert worden. Beispielhaft sei der Sammelband Freiheit und Menschenwürde. Studien zum Beitrag des Protestantismus (Tübingen 2005) genannt, herausgegeben von Jörg Dierken und Arnulf von Scheliha. Für Dierken ist Freiheit als „religiöse Leitkategorie“ ein Korrektiv unserer Zeit, das angesichts der „scheinbaren Eigengesetzlichkeit medialer Kommunikationskultur, der Selbstzwecklichkeit kapitalistischer Erwerbsökonomie und der szientifischen Naturalisierung des Menschen einschließlich seines Innenlebens“ (S. 142 f.) zur Geltung kommen müsse, um „freiheitsgefährdenden Entwicklungen der Moderne […] auch kontrafaktisch“ (S. 144) entgegenzuwirken.

Der Ort dieses Widerstands ist dabei der Protestantismus, der mit Blick auf den Freiheitsbegriff zum Teil auch in bewusster Abgrenzung zum Katholizismus eingeführt wird. So etwa bei Hermann Fischer: „Der Protestantismus hat eine für ihn charakteristische Freiheits-, Individualitäts- und Wissenschaftskultur ausgebildet, dem die institutionalitäts- und religiöse Gehorsamskultur des Katholizismus entgegensteht“ (Protestantische Theologie im 20. Jahrhundert. Stuttgart 2002, S. 304). Man kann darüber diskutieren, gerade auch über den Beitrag von Katholiken und katholischem Denken zur Geschichte von Freiheit, Individualität und Wissenschaft. Ich will das nicht tun, sondern die konfessionellen Differenzen zurückstellen, um vielmehr auf den christlichen Kern des Freiheitsbegriffs zu kommen – und auf dessen konkrete politische Konsequenzen in der Geschichte.

Die Früchte der christlichen Vorstellung, Würde und Liebe mündeten in die Freiheit ein, zeigt sich nämlich deutlich bei der Überwindung der Sklaverei, die allein durch christliche Prinzipien möglich wurde. Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt kommt zu dem Schluss, nur im Christentum sei die Sklaverei überhaupt ein moralisches Problem gewesen (i. Ggs. dazu habe in Islam, Judentum und weiten Teilen des Humanismus bestenfalls Indifferenz geherrscht); „einzig im Christentum“ sei folglich die „Abschaffung der Sklaverei [eingeleitet]“ worden (Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert. Münster 2009, S. 226). Angenendt zitiert den Philosophiehistoriker Rodney Stark: „Das Christentum war einzigartig in der Entwicklung einer moralischen Opposition zur Sklaverei“ (S. 228). Die in Sachen Befreiung des Menschen oft und viel gerühmte Aufklärung entwickelte in dieser Frage hingegen „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (so Egon Flaig, zit. nach Arnold Angenendt: A. a. O., S. 222 f.). Gut zu wissen.

(Josef Bordat)

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