Segen als Sachbeschädigung

2. Januar 2015


In diesen Tagen gehen in ganz Deutschland die Sternsinger in Häuser und Wohnungen, Altenheime und Krankenstationen. Verkleidet als Caspar, Melchior und Balthasar sammeln sie Spenden für das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“. Das katholische Hilfswerk zählt zu den effizientes in Deutschland; die Verwaltung der Einrichtung verbraucht weniger als 6 Cent pro Spendeneuro. Das Geld kommt also an. In diesem Jahr insbesondere bei Kindern auf den Philippinen.

Die Kinder und Jugendlichen bringen den Segen Christus mansionem benedicat („Christus segne dieses Haus“) zu den Menschen. Dazu schreiben sie mit weißer Kreide 20*C+M+B+15 an die Wand. Eine Immobilieneigentümerin aus Münster hält das für eine „Verunstaltung“ ihres Vermögens und fordert den Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde auf, dafür zu sorgen, dass ihre Häuser und Wohnungen nicht gesegnet werden.

Der Angeschriebene reagiert gelassen – und pfiffig: Er bittet die Frau, sie möge ihren Mietern doch direkt mitteilen, dass sie das Segnen der Wohnung durch die Sternsinger verbiete. Zudem stellt er den Beschwerdebrief in einen größeren Kontext: „Wir müssen uns nicht wundern, wenn wir unsere eigenen Traditionen so ramponieren, dass andere Formen des Glaubens den Menschen Angst machen.“

So sieht es aus. Weil wir als Gesellschaft unsere christlichen Wurzeln längst gekappt haben, haben einige nun Furcht vor denen, die ihre religiösen Wurzeln hegen und pflegen, auf dass der Glaube erblühe. Es ist letztlich unser eigenes Versagen, dass uns missgünstig macht – und misstrauisch. Die Unfähigkeit, positiv zur eigenen Wurzel zu gelangen, im wahren Sinne des Wortes radikal zu werden, wird direkt vom Unwillen abgelöst, dies Anderen zuzugestehen. So ergibt sich eine negative Haltung, die extrem wird, weil man es verlernt hat, radikal zu sein.

So entsteht Neid. Neid auf die, die noch etwas ernst nehmen und sich nicht bloß im Strom der Zeit treiben lassen, der auf Geheiß von Trendsettern die Fließrichtung ändert, so oft es stagnierende Quoten und Verkaufszahlen eben nötig machen. Neid auf die, die etwas kennen, das man nicht kennt (oder nur vom Hörensagen), die etwas haben, das man nicht hat. Dass man im Gefühl des Neides unglücklich ist, sollte nicht erstaunen. Allein der Umgang mit der Leere erstaunt: Wenn es allen gleich schlecht geht, geht es uns gut.

Nie zuvor hat eine Zeit so sehr den Stolz auf den Mangel kultiviert wie unsere, den Mangel an Gemeinschaft, der als Selbstbestimmung verklärt wird, den Mangel an Verbindlichkeit, schulterklopfend „Toleranz“ genannt, den Mangel an religiösem Glauben bzw. einem Gespür für die Bedeutung dessen, was Menschen heilig ist, einem Respekt, der tiefer geht als gönnerhafte Duldung, herab vom Hohen Ross des Dünkels zivilisatorischer Überlegenheit. Brauchen wir nicht, wir haben die moderne Demokratie! Die Menschen merken aber, dass ihnen trotz offenem Rechtsweg und Kabelfernsehen etwas Wichtiges fehlt.

Und dann macht sich das Gefühl des Unwohlseins breit, angesichts der insoweit tatsächlich Fremden, die etwas haben, das einem selbst abhanden kam und das man – wenn man ehrlich ist – nicht so leicht zurückgewinnt: Ehrfurcht vor Gott, zumindest vor der Fähigkeit des Menschen zum Transzendenzbezug, Ernst gegenüber dem Nicht-Vermarktbaren. Am Ende steht tiefe Frustration, die Groll hegt gegen das Fremde und Fremdgewordene. Die einen auf die Straße treibt. Die im Segen nichts als Sachbeschädigung entdeckt.

(Josef Bordat)

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