Nachdenken über Freiheit. Und Verantwortung

8. Januar 2015


Lassen wir sämtliche Instrumentalisierungsversuche beiseite, so ist in den Reaktionen auf die Anschläge von Paris oft davon die Rede, dass es darum gehe, die Freiheit gegen die Gewalt zu verteidigen. Das ist im Grundsatz völlig richtig. Ich kenne niemanden, der das nicht unterstützte. Allerdings vermisse ich ein wenig das Nachdenken darüber, welche Freiheit eigentlich verteidigt werden soll. Etwa auch die, welche die ganz bewusste Verletzung der Würde von Menschen durch symbolische Gewalt einschließt?

Verbale und visuelle Angriffe verletzen – und das sollen sie ja wohl auch. Nicht alles, was schlecht ist oder unangenehm, ist zugleich auch gewaltsam. Schon gar nicht gibt Gewalt (in welcher Form auch immer sie auftritt) das Recht zur „Gegengewalt“. Wenn Verletzungen durch symbolische Gewalt mit physischer Gewalt beantwortet werden, ist aber nicht allein letztere anzuprangern (das ist ohnehin selbstverständlich, ebenso wie das Mitgefühl und das Gebet für die Hinterbliebenen der Ermordeten), sondern auch erstere zu sehen. Und es ist dann eine differenzierte Klärung des Gewaltbegriffs nötig, um wirklich für alle Menschen deutlich zu machen, dass ein Anschlag auf Menschenleben durch nichts – aber auch gar nichts – zu rechtfertigen ist.

Das wäre in der Tat der entscheidende Schritt. Es dürfte nämlich um die Terroristen herum ein großes Unterstützerumfeld von Menschen geben, die – in ihrer Religiosität zutiefst verletzt – dem Anschlag klammheimlich zustimmen. Mit diesen Menschen muss die freiheitliche Gesellschaft umzugehen wissen, für diese Menschen braucht sie die richtige Ansprache. Dazu gehört die scharfe Verurteilung der Tat und eine möglichst rasche Festnahme der Täter ebenso wie die Bereitschaft zur Selbstreflexion, die mit dem aufrichtigen Verstehen-Wollen des Anderen beginnt, mit der festen Ansicht zur Achtung seiner Andersartigkeit.

Es braucht die Sensibilität dafür, dass Gewalt nicht erst dann beginnt, wenn Blut fließt. Es bedarf also eines Gespürs für Friedfertigkeit auf allen Ebenen und hinsichtlich aller Aspekte des Lebens. Kommunikation gehört ganz wesentlich dazu. Frieden (oder erst einmal: Freiheit von Gewalt) soll zwischenmenschlich und zwischenstaatlich, strukturell und individuell, normativ und kommunikativ, symbolisch und konkret zur Geltung kommen. Insoweit gibt es auch in der freiheitlichen Gesellschaft eine letzte Grenze für die Art der Auseinandersetzung mit Menschen, die auch für Satire gilt: die Würde. Wer diese nicht achtet, bereitet einer Respektlosigkeit den Boden, die am Ende niemanden in wirklicher Freiheit leben lässt.

Symbolische Gewalt kann physische Gewalt niemals rechtfertigen. Dennoch sollten wir darüber nachdenken, was wir dem Anderen zumuten wollen und was nicht. Das hat nichts mit der Preisgabe von Freiheit zu tun, sondern mit der Bindung von Freiheit an Verantwortung. Das war mal Ausdruck abendländischer Kultur. Vielleicht finden wir dorthin zurück.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.