Religion und Ideologie, Islam und Islamismus. Und „Pegida“

12. Januar 2015


Dass eine Kritik der Kritik an einer Sache nicht die Zustimmung zur Sache selbst impliziert, bleibt zwar auch 2015 gültig, es sieht aber so aus, als sei der Diskurs über den Islam (bzw. über „Pegida“, was für viele Menschen offenbar auf das gleiche hinausläuft, wenn man nur die Vorzeichenumkehr beachtet) mittlerweile so sehr in ein Freund-Feind-Schema eingefasst, dass gilt: der Freund meines Feindes ist mein Feind, der Feind meines Feindes mein Freund und „Pegida“ an allem Schuld. Und wer nicht „Charlie“ ist, der ist „Pegida“ und wenn sich davon nicht distanziert, der gehört dazu.

Also, dieser Gefahr ins Auge sehend: Ich möchte nicht die „Pegida“-Bewegung stützen und stärken, muss aber doch die Anti-„Pegida“-Bewegung davor warnen, immer nur faktenlos draufzuhauen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der kürzlich noch die „Pegida“-Bewegung als „regionales Phänomen“ kennzeichnete, offenbar in Unkenntnis von Umfragen, die für Ost und West ähnliche Zustimmungsraten ermitteln, sagt beispielsweise Richtung „Pegida“, es müsse unterschieden werden „zwischen Islamisten, die sich zu Unrecht auf die Religion berufen, um Straftaten und Morde zu begehen oder sich radikalisieren, und den Muslimen, die verfassungstreu in Deutschland ihren Glauben leben“.

Klar, diesen Unterschied muss man machen. Diesen Unterschied macht aber auch „Pegida“. In Punkt 10 des Positionspapiers heißt es: „Pegida ist für den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime“. Das ist ziemlich genau das, was der Bundesinnenminister fordert: nämlich einen Unterschied zu machen zwischen dem Glauben und der Ideologieform des Glaubens, zwischen Islam und Islamismus.

Wer hingegen keinen Unterschied macht zwischen dem Glauben und der Ideologieform des Glaubens, das sind die Medien, die kurz und knapp von „religiöser Gewalt“ sprechen, so als sei die Gewalt eben doch Ausfluss der Religion, unmittelbar, ohne machtpolitischen Missbrauch religiöser Motive in Richtung Gewalt.

Wer hingegen keinen Unterschied macht zwischen dem Glauben und der Ideologieform des Glaubens, das sind Satiriker, die vorgeben, die Ideologieform kritisieren zu wollen, dann aber Witze machen über den Glauben und Gott, und die damit alle Menschen beleidigen, die an Gott glauben und denen dieser Glaube ein existentielles Fundament bietet.

Wer hingegen keinen Unterschied macht zwischen Islam und Islamismus, das sind die Zeichner von Mohammed-Karikaturen, die damit alle Muslime beleidigen, eben auch jene, „die verfassungstreu in Deutschland ihren Glauben leben“. Nicht alle Beleidigten wehren sich mit Waffen – Gott sei Dank! –, doch viele sind tief verletzt und wenden sich innerlich vom „Westen“ ab. Sie nähren damit in den wenigen Gewaltbereiten, die als Täter für sich in Anspruch nehmen, im Sinne aller Muslime zu handeln, den ebenso falschen wie fatalen Gedanken der Möglichkeit stellvertretender Rache – für Gott und für die stumm leidende Glaubensgemeinschaft. Diesen Konnex gilt es zu bedenken, statt immer nur stereotyp auf wahre und wichtige Einsichten draufzuhauen, sobald sie von den Falschen geäußert werden.

Wer hingegen keinen Unterschied macht zwischen dem Glauben und der Ideologieform des Glaubens, zwischen Islam und Islamismus, das sind diejenigen, die „Religion“ pauschal als menschenfeindliche Gewalterscheinung missdeuten und den Glauben an Gott als „Wahn“ diagnostizieren, so dass ein blutiger Anschlag in ihren Augen bloß eine logische Konsequenz des religiösen Glaubens darstellt, ohne dass eine machtpolitische Ideologisierung kollektiv und / oder eine besondere Gewaltbereitschaft individuell nötig wären. Religion sein, religiös sein – das reicht.

Also: Der Gefahr ins Auge sehen, einen Unterschied machen. Ich werde heute Abend spazieren gehen. In Berlin. Allein. Ich meine ja nur. Falls ich ein Alibi brauche.

(Josef Bordat)

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