Diskussionen in den Neuen Medien

9. Februar 2015


Man hat in Diskussionen in den Neuen Medien einen strukturellen Nachteil, wenn man bei der Sache bleibt und nicht in jedem zweiten Satz drei neue Themenfelder aufreißt, wenn man Behauptungen nur dann aufstellt, falls man sie belegen kann (mit Fakten, nicht mit fünf Ausrufungszeichen), wenn man sich bemüht, sachliche Irrtümer auch sachlich zu korrigieren, wenn man einen Unterschied macht zwischen Person und Position, also auf abwertende Pauschalurteile über Menschen verzichtet und sie überhört, sollten sie einen selbst betreffen, wenn man die Ablehung einer Position nicht für die Zustimmung zur Negation hält, also auch heute noch meint, es gäbe zu einem Sachverhalt unter Umständen mehr als zwei mögliche Reaktionen („Like“ und „Dislike“), wenn man die Meinung des Anderen zwar ablehnt, sie jedoch nicht gleich als solche delegitimiert, wenn man dafür sorgt, dass die Zahl und das Ausmaß an bösartigen Unterstellungen die Zahl und das Ausmaß an wohlwollenden Zugeständnissen nicht mehr als nötig übersteigt, wenn man sich gar die Mühe macht, Sachverhalte auch mal aus der Sicht des Anderen zu rekonstruieren, wenn man versucht, Informationen, die man offensichtlich monopolitisch verwaltet, zielgruppengerecht darzulegen, wenn man „aufgeklärt“ und „modern“ nicht als Synonyme für „gut“ zu verwenden bereit ist und damit auf die Veredelung der eigenen Argumente verzichtet („Jeder aufgeklärte und moderne Mensch muss doch wohl anerkennen, dass…“), wenn man mit dem Wort „menschenverachtend“ sparsam umgeht und es nur dort verwendet, wo Menschen verachtet werden, wenn man insgesamt mehr als Schlagwörter und Sprachschablonen verwendet, weil man mehr über eine Sache weiß oder zu wissen meint, als Schlagwörter und Sprachschablonen hergeben.

Damit macht man sich das Leben nur unnötig schwer. Man braucht viel zu lange für eine Antwort, die dann womöglich auch noch viel zu lang ausfällt. Und die Neuen Medien setzen auf Geschwindigkeit und Kürze, auf Schwarz und Weiß, auf „1“ und „0“. Da hat man schon verloren, wenn man mit einer abwägenden Haltung zwischen die Fronten der Meinungsstarken gerät, die, nachdem sie die Hilflosigkeit ausgewogener Erörterung hinreichend belächelt haben, die abwägende Haltung entweder für eine nur oberflächlich harmlosere, in Wirklichkeit aber viel gefährlichere Variante des Feinbilds halten oder die abwägende Haltung in ihrer vermeintlichen Schwäche zu sich ins Lager ziehen, indem sie einfach die Aspekte weglassen, die gegen eine solche Vereinnahmung sprechen. Dass eine Haltung der Grautöne eine eigene Position sein kann, ist heute nicht mehr vermittelbar. Nicht in den Neuen Medien.

(Josef Bordat)

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