Hut und Rache

16. Februar 2015


Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben. Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß, und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn! Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden. So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen. Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein. Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte. Du hast mich heute vom Ackerland verjagt, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein, und wer mich findet, wird mich erschlagen. Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde. Adam erkannte noch einmal seine Frau. Sie gebar einen Sohn und nannte ihn Set – Setzling -; denn sie sagte: Gott setzte mir anderen Nachwuchs ein für Abel, weil ihn Kain erschlug. (Genesis 4, 1-15. 25)

Ja, bin ich denn der „Hüter meines Bruders“? Mit dieser empörten Gegenfrage auf die Frage Gottes, wo er denn gewesen sei, versucht sich Kain zu rechtfertigen, nachdem er Abel erschlagen hat. Im Urverbrechen, dem Brudermord, der gleich in einer der ersten Menschheitsgenerationen verübt wird, tritt etwas zu Tage, das nur allzu menschlich zu sein scheint: die Verantwortung für den Nächsten erst einmal zurückzuweisen. Wir kennen das: „Wie kann ich mich noch um meinen Nachbarn kümmern, hab ja selbst kaum Zeit für die eigene Familie!“ – „Geld für Afrika? Und was ist mit der Ausstattung unserer Schulen?“ – „Das geht mich nun wirklich nichts an – ich komme ja selbst kaum klar!“

Das Wort vom „Hüter meines Bruders“ begründet einen biblisch-christlichen Verantwortungsbegriff, der in der liebenden Sorge seinen Kern hat und damit auf die Tugend der Liebe und das Dreifachgebot verweist: Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe. Verantwortung heißt demnach in der Tat, „Hüter meines Bruders“ (oder meiner Schwester) zu sein – ganz konkret. Sich um Menschen zu kümmern, die meine Hilfe brauchen.

Die heutige Lesung enthält aber noch einen weiteren interessanten Aspekt. Kain wird sich seiner Schuld bewusst und fürchtet nun die Rache der Menschen. Gott versieht ihn zu seinem Schutz mit einem Zeichen, dem „Kainsmal“. Zugleich droht Er den potentiellen Rächern des Abel mit Seiner Rache. Schon hier wird deutlich, was später expliziert wird: „Die Rache ist mein“ (Dtn 32, 35). Das bedeutet: Nicht Dein, Mensch! Es gibt keinen Gewaltakt des Menschen, der gottgewollt ist, weder die ungerechte Tat, noch die Rache für diese Tat entsprechen Gottes Willen. Daher kann der Mensch keinem größeren Irrtum unterliegen als zu glauben, für einen Akt der Gewalt mit Gottes Segen rechnen zu dürfen.

(Josef Bordat)

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