Die andere Geschichte der Kreuzzüge

13. April 2015


Paul M. Cobb über die islamische Wahrnehmung „christlicher Aggression“

Die Kreuzzüge gehören zu den kirchenhistorischen Themen, die immer wieder im Fokus von Betrachtungen stehen, seien es wissenschaftliche oder polemische, gehe es bei diesen darum, die Christenheit mit ihrer Abkehr von der Friedensbotschaft Jesu in einen Widerspruch zum Christentum zu bringen (bzw. dieses gleich in Gänze zu diskreditieren), oder gehe es darum, die kriegerische Gewalt apologetisch zu verharmlosen. Keine Diskussion ohne Kreuzzüge, nicht am Stammtisch und nicht im Internetforum.

Zahlreiche neuere Publikationen zeigen zudem ein nach wie vor großes wissenschaftliches Interesse an dem Sujet. 2011 erschien Jonathan Phillips‘ „Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge“ (Rezension), nun nimmt Paul M. Cobb, Professor für islamische Geschichte an der University of Pennsylvania, mit „Der Kampf ums Paradies“ eine neue Perspektive ein, denn das Buch erzählt „Eine islamische Geschichte der Kreuzzüge“, wie es im Untertitel heißt.

Das Paradigma der islamischen Wahrnehmung der Kreuzzüge ist die „christliche Aggression“. Dabei stehen die Kreuzzüge dann für den Islam lediglich in einer Reihe christlicher Eroberungsfeldzüge, die schon Jahrzehnte vor dem Ersten Kreuzzug (1095) in Spanien und Sizilien begann, wie Cobb zeigt; für „Kreuzzug“ gibt es im Arabischen nicht einmal ein zeitgenössisches Wort – al-hurub al-salibiyya („Kreuzfahrerkriege“) ist ein Neologismus.

Dass der Erste Kreuzzug auch als Reaktion der Christenheit auf die jahrhundertelange islamische Aggression gegen europäische Pilger auf dem Weg ins Heilige Land gedeutet werden kann, gerät hierbei völlig aus dem Blickfeld. Karl der Große hatte bereits im 9. Jahrhundert mit Harun Al Raschid, dem Kalifen von Bagdad, ein Abkommen zum Schutz der christlichen Pilger geschlossen. Die Moslems jedoch haben mit ihren im 10. und 11. Jahrhundert sich häufenden Übergriffe auf Pilger entlang der Route ins Heilige Land und dort selbst diesen Pakt mehr und mehr ignoriert. Was im Nahen Osten geschah war schlicht und ergreifend die Verletzung früher „völkerrechtlicher“ Verträge.

Im 10. Jahrhundert kam es im Heiligen Land zu schweren gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen. 966 etwa gab es nach der Rückeroberung von Teilen Syriens durch die Byzantiner Übergriffen der Muslime auf Christen in Jerusalem. 969 drangen die Fatimiden, Berber aus Marokko, in Ägypten, Syrien und Palästina ein. Bei der Eroberung Jerusalems durch den Fatimiden-Kalifen Ibn Moy (979) wurde die Auferstehungskirche in Brand gesetzt, ihre Kuppel stürzte ein, der Patriarch kam in den Flammen ums Leben.

Unter dem Fatimiden-Kalifen Abu Ali al-Mansur al-Hakim (996-1021) gerieten die Christen immer stärker unter Druck: öffentliche Prozessionen wurden verboten, Christen zur Annahme des Islam gezwungen und etwa 30.000 Kirchen enteignet, viele davon geplündert und zerstört, darunter die (wiedererrichtete) Auferstehungskirche. 1056 wurden 300 Christen aus Jerusalem ausgewiesen und europäischen Pilgern verboten, die Grabeskirche zu betreten.

Als 1065 der Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Utrecht, Bamberg und Regensburg zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufbrachen, war dies nur noch mit bewaffneter Begleitung möglich. Die Pilgerwege waren nicht mehr sicher, Übergriffe auf friedliche Wallfahrer an der Tagesordnung. Dennoch hielten sich die jeweiligen Päpste 200 Jahre lang mit Aufrufen zur Intervention zurück.

Die Kreuzzüge begannenso – wird häufig gesagt – mit der berühmt-berüchtigten „Deus lo volt“-Rede Papst Urbans II. auf der Synode von Clermont (1095). Das stimmt so nicht. Abgesehen von der langen Vorgeschichte – zu den Kreuzzügen kam es erst nach der Besetzung Byzanz‘ durch die Seldschuken, auf die der Hilferuf Ost-Roms folgte.

Die Seldschuken, ein Steppenvolk aus dem Gebiet des heutigen Turkmenistan, Vorfahren der heutigen Türken, brachen mordend, plündernd und brandschatzend über den Orient herein. Obwohl sie selber Muslime waren, fielen sie Anfang 1055 in Persien ein und stürzten am Ende desselben Jahres den Kalifen von Bagdad. 1071 schlugen sie die Byzantiner und nahmen Kaiser Romanus IV. gefangen. 1076 eroberten sie Syrien, 1077 Jerusalem.

Die Rede Urbans war eine Reaktion auf diesen Hilferuf aus Byzanz. Er rief also nicht willkürlich zu einem Kreuzzug auf, etwa um die Muslime zu missionieren oder deren Gebiete zu erobern, sondern forderte das, was wir heute im Rahmen völkerrechtlicher Schutzverantwortung „humanitäre Intervention“ nennen.

Ausführen sollte diese Intervention ein Ritterheer. Die Kreuzritter waren nicht etwa friedliche Menschen, die die Kirche mit Heilsversprechungen erst zum Krieg hätte verführen müssen, sondern „Raufbolde“, die ohnehin meinten, ihren Anteil am Heil nur im Kampf erlangen zu können. Es war die auch von der heutigen Geschichtswissenschaft ihren Gründen nach nicht vollständig erklärte Begeisterung französischer, normannischer und flandrischer Ritter, die selbst Urban überraschte. Sie waren es, die „Deus lo volt!“ riefen und Urban nahm es erstaunt auf. Der Papst terminierte den ersten Kreuzzug auf den 15. August 1096, die Ritter waren nicht zu halten und zogen schon im April los.

All das sollte man wissen, wenn man die islamische Geschichte der Kreuzzüge erzählt. Dennoch ist es gut, einmal die andere Seite zu hören, gerade, weil das 11. bis 13. Jahrhundert für die Entwicklung der islamischen Kultur ganz wesentlich war. Dass dies erstmals in deutscher Sprache anhand bisher unbeachteter islamischer Quellen kompetent aufbereitet vorliegt, ist Verdienst des informativen und verständlich geschriebenen Buchs eines Islamwissenschaftlers, der die muslimische Wahrnehmung wertschätzt, ohne sie sich zu eigen zu machen.

Cobb zeigt weiterhin (ähnlich wie bereits Phillips), dass die religiöse Dimension der Kreuzzüge bei genauer Betrachtung hinter die politische zurücktritt. Genau besehen geht es bei den Kreuzzügen nämlich vielmehr um einen langen Konflikt europäischer und arabischer Regionalmächte als um die Konfrontation des Christentums mit dem Islam. Um das nachvollziehen zu können, verschafft Cobb dem Leser nicht nur im Text, sondern auch mit dem detailreichen Anhang einen Überblick über Dynastien und Herrscher. Ferner geht er mit seinem geschichtswissenschaftlichen Anspruch an eine exakte Quellenexegese über die ebenfalls beachtliche, aber politikwissenschaftlich orientierte und eher am gegenwärtigen Verhältnis der beiden Weltreligionen interessierte Darstellung Bassam Tibis in dessen Bestseller „Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt“ (2001) hinaus.

Wie auch immer man die Kreuzzüge beurteilt, ob als Frühform einer Humanitären Intervention oder als Aggression des christlichen Europa gegen den Islam, ob als religiös oder als politisch motivierter Konflikt – fest steht: Die Kreuzzüge haben viel brutale Gewalt hervorgebracht, die das Verhältnis von Okzident und Orient bis heute erheblich belastet. Wir sollten uns hüten, die Kreuzzugsmetapher dort zu verwenden, wo sie die kollektive Erinnerung an diese Gewalt weckt. Wir sollten zugleich jener aktuellen Gewalt entgegentreten, die sich im Bereich des Orient gegen vermeintlich okzidentale Einflüsse entlädt.

Dabei kann uns der interkulturelle Dialog weiterbringen. Auch dafür finden wir einen historischen Anknüpfungspunkt: Im frühen 13. Jahrhundert mischte sich ein Kreuzfahrer ohne Waffen unter das Heer der Pilger: Franz von Assisi. 1219 sprach er in Ägypten mit dem Sultan und hinterließ bei ihm einen tiefen Eindruck. In seinem Sinne ist der Dialog zwischen Okzident und Orient heute zu führen: offen, friedlich, engagiert.

Bibliographische Daten:

Paul M. Cobb: Der Kampf ums Paradies. Eine islamische Geschichte der Kreuzzüge. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Sailer.
Verlag Philipp von Zabern (WBG): Darmstadt (2015).
432 Seiten, 29,95 Euro.
ISBN-13: 978-3805348843.

(Josef Bordat)

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