Klimaschutz und Lebensschutz

17. April 2015


Ein Beitrag zur Woche für das Leben (18. bis 25. April 2015)

1. Wir modernen, aufgeklärten Menschen kümmern uns sehr um das Lebensrecht kommender Generationen und sind bereit, dafür unsere eigenen Freiheitsspielräume hier und jetzt einzuengen. Das ist gut und richtig und stellt einen moralischen Fortschritt dar, der den Kreis der Adressaten unseres Handelns fast schon heroisch erweitert; dass dabei die Gefahr der Lähmung durch Überforderung besteht, sei eingestanden, aber der Ansatz selbst ist von höchster moralischer Güte.

Die Klima-Moral geht damit weit über jede Ethik hinaus, die konkrete Gegenseitigkeit zugrundelegt, zugunsten einer gedanklichen Reziprozität, die darauf hinausläuft, dass wir uns den künftigen Menschen gegenüber so verhalten, wie wir es auch von ihnen erwarten würden, wären sie unsere Vorfahren. Das ist entgrenztes moralisches Denken, wie es Jesus in Seinem Liebesgebot fordert. Wir sind für die uns fremden Menschen des 23. oder 24. Jahrhunderts der barmherzige Samariter.

2. Nur stellt sich mir die Frage, warum wir als moderne, aufgeklärte Menschen dann mehrheitlich bei der nächsten Generation aufhören und nicht mehr bereit sind, unsere Freiheit zu beschneiden, um das Lebensrecht dieser Menschen, die ja sogar schon tatsächlich, nicht nur hypothetisch existieren, genauso zu schützen wie dasjenige derer, die in hundert oder zweihundert Jahren möglicherweise leben werden. Warum versagt unsere moralische Intuition, die uns ganzheitlichen Lebensschutz aufdrängt, gerade beim real existierenden Fötus?

Konkret: Warum ist die Forderung nach verantwortlichem Lebensmittelkonsum und verantwortlichem Mobilitätsverhalten heute geradewegs selbsterklärend, die Forderung nach verantwortlichem Umgang mit der Sexualität hingegen völlig abwegig? Warum ist es menschenfreundlich zu fordern, möglichst generell auf Fleisch und Flüge zu verzichten, während die Forderung, unter bestimmten Bedingungen auf Sex zu verzichten, menschenverachtend ist? Weltfremd sind übrigens beide Forderungen – aber um möglichst große Nähe zum Istzustand kann es in der normativen Ethik nicht gehen.

3. Für mich ist der Klimaschutz unmittelbar mit dem Lebensschutz verbunden. Anders: Klimaschutz ist Lebensschutz, denn wir schützen ja nicht das Klima um seiner selbst willen, sondern wir schützen bereits jetzt die Menschen, die zukünftig leben, damit sie nicht unter den Bedingungen eines unpässlichen Klimas leben müssen. Für mich ist damit der Kampf gegen die Abholzung des Regenwaldes untrennbar mit dem Einsatz gegen Abtreibung verbunden. Denn in beiden Fällen geht es um den Menschen, sein Leben und seine Würde. Es hat keinen Sinn, das eine gegen das andere auszuspielen.

Also: Einer der Punkte auf der unabgeschlossenen Liste der Dinge, die ich wohl nie verstehen werde, ist die große Diskrepanz, ja, Feindschaft zwischen Ökologiebewegung und Pro Life-Bewegung. Keine der beiden Seiten befasst sich sachlich mit der anderen, statt dessen herrschen wilde Spekulationen und üble Vorurteile. Dabei passt ethisch kein Blatt zwischen die beiden Bewegungen, denn es sind zwei Seiten der einen Moralmedaille: Lebensschutz. Beide Lebensschutz-Varianten sind ihrer Natur nach lebensbejahrend. Beide fordern Opfer, dafür, dass Menschen in Zukunft leben können: die Änderung der Lebensgewohnheiten und damit eine Einschränkung der Freiheit. Beide sind pro life. Und dennoch stehen Vertreter beider Ausprägungen ein- und derselben Zielrichtung diesseits und jenseits der Polizeikette. Wie gesagt: Verstehe ich nicht.

(Josef Bordat)

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