Von Glocken. Und Windmühlen

19. Juni 2015


Man wirft mir manchmal vor, ich baute im Kampf gegen die Kirchenkritik riesige Strohmänner auf, um diese dann umso spektakulärer abfackeln zu können. Derart dumme Bemerkungen, wie ich sie der Kirchenkritik zuschreibe, gäbe es gar nicht. Nun: Schön wär’s! Die Wahrheit ist, dass die Wirklichkeit all das in den Schatten stellt, was ich höchstselbst schon als grenzwertige Verzerrung ansehe und nur noch unter dem Label Satire anzubieten wage.

Jüngstes Zeugnis einer ganz, ganz armseligen Kultur ist der Kommentarbereich unterhalb der Nachricht über eine besonders symbolträchtige Aktion im Erzbistum Köln: Kardinal Woelki möchte die Glocken in seiner Diözese 23.000 Mal läuten lassen – ein Glockenschlag für jeden Flüchtling, der im Mittelmeer zu Tode kam. Beteiligen werden sich an der Aktion 100 Kirchen im Erzbistum Köln. Katholische Kirchen.

Da es sich – wie gesagt – um katholische Kirchen handelt (soviel bekommt auch derjenige mit, dem das sinnerfassende Lesen schwer fällt), kann man mit dem Madigmachen beginnen. Innerhalb von zwei Stunden (vom ersten Kommentar um 9:48 Uhr bis zur Schließung der Kommentarfunktion wegen „Überlastung“ um 11:49 Uhr) sammelt sich so ziemlich alles, was an Vorhaltungen im Keller zu finden ist.

Zustimmung gibt es zwar auch, doch die Kritik überwiegt. Von den 24 Kommentaren sind 13 eindeutig negativ. Man kann dabei grundsätzlich zwei Arten von Kritik unterscheiden. Zum einen Kritik an der Aktion der Kirche und zum anderen Kritik an der Kirche, für die jene Aktion nur der Aufhänger ist. Letztere betrifft entweder die Flüchtlingsarbeit der Kirche im Speziellen oder die Kirche im Allgemeinen.

Kritik an der Aktion weist darauf hin, dass a) Menschen auch woanders stürben und die Kirche für diese Menschen keine Glocken läute, b) die Verteilung auf 100 Kirchen den symbolischen Effekt schmälere, c) es sich nur um eine „PR-Aktion der etwas in Verruf geratenen kath. Kirche“ handle, die „das klerikale Gewissen beruhigen“ solle, d) das wiederholte Läuten der Glocken eine unzumutbare Lärmbelästigung darstelle.

Nach den Hexen nun die Ruhe: Köln wehrt sich gegen Kirchenlärm.

Nach den Hexen nun die Ruhe: Köln wehrt sich gegen Kirchenlärm.

Kritik an der Flüchtlingsarbeit der Kirche informiert darüber, dass a) die Todesopfer eigentlich keine Opfer sind, da ihre Flucht ein „illegales Eindringen über das Mittelmeer“ darstelle, bei dem es „den Allerwenigsten ums ‚Überleben‘ geht“, b) es sinnvoller sei, alle katholischen Priester spendeten ein Monatsgehalt (der Kommentator selbst ist kein Priester, nehme ich mal an), c) die „kath.“ Kirche aber lieber den Menschen ein schlechtes Gewissen „einrede“, statt „aktiv mitzumachen“, d) die Kirche Gebäude zur Verfügung stellen möge, schließlich habe sie „genug Geld“, e) die Kirche zwar Gebäude zur Verfügung stelle, aber nur, um damit noch mehr Geld zu „machen“ (soweit ein Kommentator mit dem Namen „Hassknecht“. – Urteilen Sie selbst: Braucht Strohmänner, wer Hassknechte hat?).

Ist eigentlich nichts (in Worten: nichts) dumm genug, als dass es nicht doch noch zur Kirchenkritik taugte?

Ist eigentlich nichts (in Worten: nichts) dumm genug, als dass es nicht doch noch zur Kirchenkritik taugte?

Kritik an der Kirche als solcher lässt den Leser wissen, dass a) die historische Schuld der Kirche zu groß sei, als dass sie solche Aktionen glaubhaft durchführen könne, b) die Hauptursache für Flucht in der Haltung der Kirche zur künstlichen Empfängnisverhütung zu sehen sei.

Ich denk mir das nicht aus.

Ich denk mir das nicht aus.

Wirklich nicht.

Wirklich nicht.

Fazit: Als Katholik hat man es nicht leicht: Tut man was, ist man ein Gutmensch, tut man nichts, ist man ein Heuchler. Man kann sich nicht richtig verhalten, nicht als Einzelner, schon gar nicht als Gemeinschaft. Im Urteil der Zeitgenossen fällt die Kirche immer durch. Doch auf ihr wohlwollendes Urteil ist sie, die Kirche, nicht angewiesen. Gott sei Dank.

(Josef Bordat)

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