Dunga, Dunga

27. Juni 2015


Brasiliens Nationaltrainer Carlos Dunga steht in der Kritik. Das ist nicht neu. Doch diesmal geht es nicht um Training und Taktik, sondern um eine Äußerung, die Dunga fallen ließ, als er sich wieder mal zu Unrecht kritisiert fühlte: „Ich habe ja schon das Gefühl, dass ich afrikanischstämmig sei, so wie ich es abkriege, und es gern habe, einzustecken“. Zunächst einmal ist das eine Situationsbeschreibung: Dunga meint, dass er „es abkriegt“ wie ein afrikanischstämmiger Brasilianer, also: vermehrt, ungerechterweise, willkürlich. Dahinter steht: Wer in Brasilien afrikanischstämmig ist, kriegt mehr ungerechte und willkürliche Kritik ab als derjenige, welcher nicht afrikanischstämmig ist. Man geht mit afrikanischstämmigen Brasilianer schlechter um. So weit, so erschreckend. Nicht Dungas Äußerung, sondern die Lage in Brasilien.

Dann folgt eine Wertung, die auf zweierlei Weise verstanden werden kann: Bezieht sich das „gern haben“ des „Einsteckens“ auf ihn persönlich, und nur auf ihn, oder aber auf die vermeintliche Haltung afrikanischstämmiger Brasilianer? Gehen wir vom für Dunga ungünstigeren zweiten Fall aus, stellte sich die Frage, was hinter der subtilen Sympathie der Opfer für die Diskriminierung der eigenen Person steckt. Finden afrikanischstämmige Brasilianer ihre Diskriminierung gut, weil sie sich über die Jahrhunderte daran gewöhnt haben und ohne sie ihren Platz in der Gesellschaft nicht fänden? Hier bekäme die Äußerung ein affirmatives Moment, das für die Beibehaltung des problematischen Staus quo spräche. Oder haben sie, die afrikanischstämmigen Brasilianer, vielleicht einen kollektiven Schutzmechanismus entwickelt, der im humorvollen Umgang mit der Situation ein Ventil schafft, für die eigene Psychohygiene, so, wie es auch geschieht, dass beleidigende Benennungen von den Opfern aktiv aufgegriffen und als Selbstbezeichnungen weitergeführt werden, um ihnen den pejorativen Charakter und damit die diskriminierende Funktion zu nehmen?

Also: Ist die Äußerung Dungas rassendiskriminierend oder macht sie nicht vielmehr auf Rassendiskriminierung und damit verbundene soziale Verschleierungsmechanismen in Brasilien aufmerksam? Diese Frage sollte man beantwortet haben, bevor man gegen Carlos Dunga lospoltert. Statt gegen den Rassismus in Brasilien.

(Josef Bordat)

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