Die Erde war keine Scheibe

15. Juli 2015


Neben den ethischen Mängeln (Millionen Hexen verbrannt, Völkermord in Amerika) wird der Kirche auch epistemische Unzulänglichkeit vorgeworfen. Beispiel: Flache Erde. Motto: Schaut Euch diese rückständige Kirche an – glaubt wider alle wissenschaftlichen Beweise an eine Erdscheibe! Ja, so sind sie halt, die Katholiken!

So, wie die Schwarzen Legenden zur moralischen Diskreditierung im Zuge der Aufklärung gestrickt wurden, so entstanden auch die Balla-Balla-Legenden in dieser Zeit. Der Flache Erde-Mythos gehört unbedingt dazu. Er ist eine Legende des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die dazu diente, die Kirche als rückständig und wissenschaftsfeindlich darzustellen. Mit Erfolg – bis heute.

Die Annahme, dass die mittelalterliche Christenheit an eine Erdscheibe geglaubt habe, wird zwar von der Historical Association of Britain heute als weitverbreiteter historischer Irrtum gelistet. Das hält die Kommentatoren unserer Zeit aber nicht davon ab, von diesem Irrtum unbeirrt Gebrauch zu machen, um zu zeigen, wie rückständig und wissenschaftsfeindlich die Kirche ist. Immer noch.

Zu den antiklerikalen Promotoren des Scheiben-Mythos zählen u. a. Thomas Paine, einer der Gründerväter der USA, der sich in einem schicksalsironischen Sinne selbst sein Urteil sprach, indem er meinte, es eine Beleidigung der Wahrheit, wenn man die Lüge mit Nachsicht behandelt, und der amerikanische Schriftsteller Washington Irving, der u. a. eine (nicht ganz wirklichkeitsgetreue) Christoph Kolumbus-Biographie schrieb, in welcher er den Scheiben-Mythos behauptet, um daraus ein Motiv für Kolumbus‘ Seereisen abzuleiten: Christoph Kolumbus habe, so Irving, mit seiner Fahrt nach Indien das beweisen wollen, dass die Erde rund sei – und keine Scheibe.

Großer Irrtum. Was aber ist die Wahrheit? Wahr ist, dass die Kirche seit es sie gibt weder in ihrer offiziellen Lehrposition noch mehrheitlich die Auffassung vertrat, die Erde sei eine Scheibe. Tatsächlich hielt sie an der antiken Vorstellung einer kugelförmigen Erde fest, als die sie Pythagoras, Platon, Aristoteles und andere Gelehrte des Altertums beschrieben hatten. Kirchenväter der Spätantike wie Ambrosius von Mailand und Augustinus vertraten die Kugelthese ebenso wie Isidor von Sevilla (7. Jahrhundert), der die Erde frei heraus pila („Ball“) und globus („Kugel“) nennt.

Folgerichtig hielt Karl der Große im Jahr 800 (Tipp: Mittelalter!) als Zeichen seiner Universalherrschaft eine Kugel in der Hand (den „Reichsapfel“) – und keinen Teller. Das bekannteste Astronomiebuch des Mittelalters (erschienen im 13. Jahrhundert) hieß Liber de Sphaera („Buch der Kugel“). Der vielleicht einflussreichste Katholik des zweiten Jahrtausends, Thomas von Aquin, vertrat (ebenfalls im 13. Jahrhundert) auch eine kugelförmige Erdgestalt: Astrologus demonstrat terram esse rotundam per eclipsim solis et lunae („Der Sternenkundige beweist durch Sonnen- und Mondfinsternis, dass die Erde rund ist“, Summa theologica I 1, 1, 2). Das zum Thema Kirche im Mittelalter.

Und Kolumbus? Was ist mit dem? Der Entdecker Amerikas, von dem oft behauptet wird, er sei mit seinen Reiseplänen bei der Kirche deshalb auf Skepsis gestoßen, weil man Angst gehabt habe, er segle quasi von der Erdscheibe runter, und von dem Irving ja behauptet hatte, er, Kolumbus, habe es der Kirche mit seiner Unternehmung mal so richtig zeigen wollen, wusste von der Kugelform der Erde durch – die Kirche, genauer: durch einen gelehrten Kirchenmann, Kardinal Pierre d’Ailly. Dessen Werk Imago mundi (1410) war es, das Columbus inspiriert hatte, den Seeweg nach Indien zu suchen – wohlwissend, dass es der Kirche in Fragen der Erdgestalt nichts mehr zu zeigen gibt. Also, die ideenhistorische Wahrheit ist hier so ziemlich das Gegenteil von dem, was Irving geschildert und die Menschheit nach Irving tradiert hat.

Das kann man aber alles gleich wieder vergessen. Wichtig ist nur, sich folgenden Satz zu merken: Schaut Euch diese rückständige Kirche an – glaubt wider alle wissenschaftlichen Beweise an eine Erdscheibe!

Ja, so sind wir halt, wir Katholiken.

(Josef Bordat)

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