Retro

6. August 2015


Ich war kürzlich in der Gedenkstätte Sachsenhausen und habe mir sehr viel Zeit genommen, um dort ausgestellte Offene Briefe und Flugblätter von Nationalsozialisten und Kommunisten aus den letzten Jahren der Weimarer Republik zu lesen, die sich jeweils an den politischen Gegner richten bzw. – über diesen urteilend – an die moderate Öffentlichkeit, die sich – aus Sicht von Nationalsozialisten und Kommunisten – für eine der beiden Richtungen zu entscheiden habe.

Das war inhaltlich weit weniger interessant als stilistisch. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, woran mich dieser Stil erinnert, der vom jeweils Anderen nichts übrig lässt, das an eine humane Ordnung anschlussfähig wäre, ein Stil, der nicht dazu beiträgt, dass die Botschaft den Anderen auch wirklich erreicht, sondern der ihn vor den Augen aller vernichten will – dadurch, dass die Botschaft in eben diesem Stil alle erreicht. Ein Stil des argumentativen Nullsummenspiels und der gnadenlosen Gegenüberstellung unvereinbarer Alternativen: Wir oder die! Tertium non datur.

Woher kenne ich das? Ich kam und kam nicht drauf. Kennen Sie das – dieses beunruhigende Gefühl, etwas nicht zu wissen, sehr wohl jedoch zu wissen, dass man es eigentlich wissen müsste? Später dann, auf der Toilette, fiel es mir ein: Facebook.

(Josef Bordat)

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