Leben in Liebe

9. August 2015


Mir ist kürzlich vorgehalten worden, als Christ „auch keine Ahnung in Sachen Ethik“ zu haben, weil ich den zentralen Begriff der christlichen Moralität, die Liebe, handlungsorientiert nicht so eindeutig bestimmen konnte, dass er sich restlos in eine konkrete Anweisung überführen ließe, also auch nicht sagen konnte, was die Liebe im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik dem Christen unmittelbar gebietet. Vielleicht hilft uns eine Stelle im Epheserbrief etwas weiter.

„Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder, und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat“ (Eph 5, 1-2). Der Auftakt des Fünften Kapitels im Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus, aus dem wir am heutigen 19. Sonntag im Jahreskreis einen Abschnitt als Zweite Lesung hören, ist eine Synthese der christlichen Ethik. Sie hat drei Elemente: 1. die Nachahmung Gottes, 2. die andauernde gegenseitige Liebe (Luther übersetzt: „Lebt in der Liebe“, 3. das Motiv und die Kraft dafür aus dem Vorbild Jesu.

Liebe wird zum Kernkonzept der Nachfolge Jesu, der Imitatio Christi, und damit des Christseins schlechthin. Die Liebe des Christen ist dabei zunächst auf Gott bezogen, dann auf den Menschen: Aus der Nachahmung erwächst das Potential für ein Leben in der Liebe, das in diesem Sinne erfolgreich gestaltet wird, wenn der Mensch auf Jesus schaut, Seine Liebe erkennt und sich an ihr orientiert. So kann zur vollen Entfaltung kommen, was als Beobachtung beginnt.

Wenn wir beobachten, wie Jesus liebt, so stellen wir fest, dass Seine Liebe sich wiederum durch drei Aspekte charakterisieren lässt: 1. Allgemeinheit (Jesu liebe kennt keine prinzipielle Grenze. Selbst der Feind wird nicht ausgeschlossen. Gleichwohl setzt Jesus Schwerpunkte: Kinder, Kranke, Außenseiter.), 2. Tätigkeit (Jesus spricht von der Liebe, aber Er handelt auch in Liebe. Insbesondere an Vertretern der Schwerpunktgruppen. Er segnet, berührt, heilt. Jesus macht sich die Hände schmutzig.) , 3. Konsequenz (Jesus liebt bis zum Tod. Genauer: Auch noch im Tod. Und darüber hinaus.).

Wer so liebt, der darf auch die Liebe einfordern, zum Gebot machen. Umgekehrt: Wer eine solche entgrenzte, tätige und konsequente Liebe erfahren durfte, kann selber lieben. Auch Flüchtlinge.

(Josef Bordat)

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