Offener Leserbrief

10. August 2015


Editorische Vorbemerkung: Folgender Leserbrief war für die Rheinische Post gedacht. Er bezieht sich auf den Artikel „Ehe nur zwischen Mann und Frau“ (erschienen am 22. Juli 2015 in der Rheinischen Post, Nr. 167, Jg. 70, Seite A4).

Zunächst meine Hochachtung für die nachvollziehbare Klärung eines Begriffs, für den es mittlerweile offensichtlich eine Klärung braucht: Ehe. Nach den Versuchen einer konzeptionellen Aufspreizung, der euphemistisch „Öffnung“ genannten Verwässerung (bis hin zur Bedeutungslosigkeit: „Ehe für alle„), tut es gut, eine so deutliche Darlegung wie die von Pfarrer Dr. Heinrich Valentin zu lesen. Auch der RP ein Kompliment dafür, diese abgedruckt zu haben – in der heutigen Zeit kein risikoloses Unterfangen.

Nur drei kurze Anmerkungen.

1. Dem Thema „Homo-Ehe“ stehen Prinzipien im Rücken, die auf den ersten Blick von Niemandem ernsthaft bestritten werden: Gleichheit, Nichtdiskriminierung, Toleranz. Nur: Der Ansatz, auch Ungleiches gleich zu behandeln, widerspricht Grundsätzen der Gerechtigkeit. Die Ansicht, jede Unterscheidung berge Diskriminierung, sorgt für moralische Verwirrung. Die Auffassung, Toleranz sei nicht die Duldung des Unverstandenen, sondern dessen Bejahung und Förderung, verbiegt (bewusst?) ein Kernkonzept der Ethik.

2. Gegen das Argument Pfarrer Dr. Valentins, Eheleute erhielten die finanziellen Vergünstigungen wegen ihrer Erziehungsarbeit, wird man einwenden können, dass dieses nicht verfängt, sobald auch homosexuelle Paare Kinder erziehen. Damit wäre die Kindererziehung als Alleinstellungsmerkmal vom Tisch. Der entscheidende Punkt ist der (und Pfarrer Dr. Valentin macht ja auch darauf aufmerksam), dass eine homosexuelle Partnerschaft aus sich selbst heraus keine generative Wirkung entfalten kann. Sie ist nicht lebensstiftend. Sie kann nur aufnehmen, was andere gestiftet haben, annehmen, was andere zeugten.

Das wiederum eröffnet ein anderes – meiner Ansicht nach viel größeres – Problemfeld (wichtiger jedenfalls als die steuerliche Behandlung): die Volladoption und die Leihmutterschaft als Formen, sich den gewünschten „Nachwuchs“ auch als homosexuelles Paar zu „organisieren“. Gerade die Leihmutterschaft ist ein gewaltiges ethisches Problem. Sie ist in einigen Ländern (etwa in Indien) bereits erlaubt und könnte zu einer völlig neuen Art von Sklaverei führen: die Körper von Frauen aus armen Ländern zu „mieten“, damit diese Kinder für Menschen aus reichen Ländern austragen (keine Versuchung für homosexuelle Paare allein, sondern für alle Paare mit unerfülltem Kinderwunsch). In Deutschland ist die Leihmutterschaft zwar (noch) verboten, aber der Druck wird steigen, freiwillige, „altruistische“ Leihmutterschaften zuzulassen. Alles andere wäre wohl eine „Diskriminierung“ der schwulen Paare gegenüber den lesbischen Paaren in Sachen „Recht auf Kinder“.

Es gibt keine Langzeituntersuchungen, die zweifelsfrei zeigen, dass und wieweit es das Kindeswohl beeinträchtigt, keine Mutter oder keinen Vater bei sich zu haben, doch uns sagt die Intuition, dass es gut ist, Mutter und Vater 1. zu kennen und 2. mit ihnen zu leben. Fest steht weiterhin: Nicht zu wissen, von wem man abstammt, verletzt die Menschenwürde. Dass dies in der Debatte kaum eine Rolle spielt, wundert mich. Ebenso, dass die Rolle des notwendigen „Dritten“ ganz aus der Betrachtung fällt, obgleich wir wissen, dass – um auf die Leihmutterschaft zurückzukommen – während der Schwangerschaft eine starke emotionale Bindung zwischen Frau („Mutter“ kann man ja in diesem Fall nicht sagen) und Kind entsteht, so dass eine als „Leihe“ gedachte Schwangerschaft ebenfalls eine Verletzung der Menschenwürde darstellt, eine Verletzung der Würde der Frau.

3. Das größte Problem sehe ich indes darin, dass nicht mehr rational zu begründen ist, warum die „Ehe“, wenn sie erst einmal als „Verantwortungsgemeinschaft“ (ohne Willen oder Möglichkeit zur Fortpflanzung aus sich heraus) rekonzipiert wurde, auf zwei Personen beschränkt bleiben soll. Bereits jetzt gibt es Forderungen, auch „polyamore“ Lebensformen zur „Ehe“ zuzulassen – denn nur das sei eine echte „Ehe für alle„.

Dagegen lässt sich vor dem Hintergrund der neuen Definition von „Ehe“ als „Verantwortungsgemeinschaft“ nichts einwenden. Denn: Mit welchem Recht verweigert man drei Menschen, die sich lieben, sich die Treue schwören und Verantwortung füreinander zu übernehmen bereit sind, das, was man jeweils zweien von ihnen gewähren will: den Zugang zur „Ehe“? Das wäre dann wohl wirklich – Diskriminierung!

(Josef Bordat)

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