Der Tu quoque-Reflex

11. August 2015


Also: Dieses Facebook wird mir jeden Tag suspekter.

Gegeben sei folgende Situation: Irgendeiner tut etwas Böses und bezieht sich dabei auf den Islam; die Geschichte erscheint im Facebook. Zu den Strategien eines psychohygienisch bequemen Umgangs scheinen nun vor allem zwei Reflexe zu gehören: die Behauptung, dies sei für den Islam typisch (also: ein Moslem kann, wenn er redlich ist, gar nicht anders als böse sein), oder die Behauptung, dies habe nichts mit dem Islam zu tun. Auf den ersten Blick diametral entgegenstehend, haben diese beiden Behauptungen eines gemein: sie verweigern die sachliche Auseinandersetzung mit dem vom Täter hergestellten Konnex zwischen Handlung und Haltung.

Fraglich ist dabei nicht, ob dieser überhaupt, sondern inwiefern dieser zu Recht hergestellt wird. Denn das ein Moslem überhaupt meint, sich auch nur ansatzweise auf seinen Glauben beziehen zu können, wenn er etwas Böses tut (ich setze hier stillschweigend voraus, dass etwa das Köpfen eines Menschen mit anderer Religionszugehörigkeit als der eigenen etwas ist, das wir übereinstimmend „böse“ nennen können und sollen), ist ja bereits die Verstrickung seiner Haltung mit der Handlung. Man muss jetzt schauen, woher diese Meinung rührt.

Das ist eine Frage, die sich zunächst an die Experten richtet, die den Status des Zusammenhangs dadurch beurteilen können, dass sie mögliche Kandidaten für eine derartige Bezugnahme im Koran und/oder islamischen Lehrmeinungen aufweisen und sich mit ihnen theologisch auseinandersetzen. Gibt es etwa Stellen, die zur Gewalt aufrufen? In welcher historischen Situation sind sie entstanden? Wie sind sie gemeint bzw. wie hat man bisher gedacht, dass sie gemeint seien, und könnten sie vielleicht auch anders gemeint sein? Was ist Bild, was ist Bedeutung? Was ist Form, was ist Inhalt? Das ganze Programm.

Nachdem das geklärt wäre, taucht ein neuer Reflex auf: Tu quoque – „Du auch“. Interessanterweise wohl nicht – wie üblich – von direkt Betroffenen geäußert, sondern von Menschen, denen es wohl weniger um die Unterstützung einer ganz bestimmten Religion geht als vielmehr darum, jede Religion zu diskreditieren – als „zum Bösen verleitend“ oder – Partizip Präsens ist eh aus der Mode – „böse“ . Darum ist das „Tu“ auch eindeutig festgelegt: Christ. Da wird etwa ein homosexueller Jugendlicher aus Berlin-Neukölln von seiner Familie misshandelt und diese Misshandlung dann kulturell-religiös konnotiert (die Täter begehen sie als Muslime). Es folgt sogleich von einigen Kommentatoren der lapidare Hinweis: „Christen machen das auch.“ Tu quoque. Christ quoque.

Ich weiß erstens nicht, was das soll. Soll es im konkreten Fall entlasten? Soll es die moralische Autorität derer untergraben, die über den Fall berichten (Das setzte voraus, man meinte, diese seien Christen.)? Soll es – im Vorübergehen – das Christentum schlecht machen (Das lohnt sich immer und die Gelegenheit ist günstig.)? Soll es den Sachverhalt als solchen herunterspielen und zur gesellschaftlichen Normalität machen? Ich weiß zweitens nicht, ob ich mich an einer solchen Debatte beteiligen soll. Viel Sinn scheint es nicht zu haben.

Andererseits halte ich den Hinweis darauf, dass auch Christen regelmäßig ihre Kinder mit Benzin übergießen, wenn sie erfahren, diese hegten homosexuelle Neigungen, für einigermaßen tollkühn. Wird er, der Hinweis, affirmativ wiederholt (was der Fall ist), droht Tollkühnheit zu einer methodischen Disposition zu werden, über deren Unhintergehbarkeit Konsens herrscht („Like!“). Das sollte eigentlich nicht sein. Doch gibt es wiederum eine Untergrenze in Sachen Niveau, bei deren Unterschreitung Interventionen wohl unter Zeitverschwendung zu subsumieren sind. Also: Finger weg!

Gleiche Debatte, anderes Thema (Obwohl: Wenn man schon mal beim Christentum ist!):

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Hier wird die Frage zu betrachten sein, warum es Missbrauch unter britischen Schaugrößen und Spitzenpolitikern gab, wo doch – so verstehe ich wiederum diesen Hinweis – Missbrauch als natürliches Ventil für den zwangsweise angestauten Sexualtrieb des Mannes definiert ist (was im übrigen Missbrauchstäter in grotesker Weise aus der Schuld nimmt – auch, wenn man „Arschloch“ sagt).

Ich brech‘ zusammen! Du auch?

(Josef Bordat)

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