Religion und Regel. Glaube und Gewissen

12. August 2015


Das Gewissen steht prinzipiell gegen die Regel, das Subjekt gegen das Objekt, der Einzelne gegen die Gemeinschaft. Jetzt leistet sich die Gemeinschaft folgende Norm: Gebrauche Dein Gewissen in Freiheit, Einzelner! Das ist ein Luxus, den man sich als Gemeinschaft nur leisten kann, wenn man meint, die eigenen Regeln seien mehrheitlich überzeugend.

Alle Menschen haben ein Gewissen, aber nicht alle machen davon Gebrauch. Müssen sie auch nicht. Wer in einem ebenso regiden wie dichten normativen System lebt, dem er in allen Teilen zustimmt, muss sich – nach der gewissenhaften Zustimmung zum System selbst – nicht mehr ständig des Gewissens bedienen. Wer Regeln folgt, die im Gewissen keinen Widerspruch hervorrufen, kann das Gewissen zwischenzeitlich abschalten.

Das Problem ist: Der Gewissensgebrauch gerät dabei aus der Übung. Und für immer das Gewissen auszuschalten – das wäre ein Fehler. Es kann immer mal Situationen geben, die vom besten System nicht geregelt sind, etwa, weil sie aus neuen Erkenntnissen entstehen. Es bleibt zudem in fast allen moralischen Fragen nach der Regelanwendung ein Rest an Zweifeln, den der Einzelne ethisch zu bewältigen hat – mit Hilfe des Gewissens. Hier kommt es freilich auf die Schulung an, auf die normative Prägung, auch durch die Regeln der Religion selbst. Diese Prägung bereitet die Gewissensentscheidung vor, ersetzt sie aber nicht.

Dennoch bekommt man ab und ab zu hören, religiöse Menschen befolgten sklavisch die Vorgaben ihrer Glaubenslehre ohne darüber nachzudenken. Das ist aber nicht die Idee, zumindest nicht der christlichen Ethik. Diese verlangt eine ständige Mitwirkung des Menschen. Zunächst eine freie Zustimmung zur Regel, dann ihre gewissenhafte Anwendung und schließlich eine verantwortete Treue gegenüber dem Regelwerk als Ganzes.

In diesem ist – zumindest für den nachkonziliaren Katholizismus lässt sich das sagen – das Gewissen bereits enthalten (ähnlich wie im Rechtssystem, wo es über die Figur der Gewissensfreiheit einbezogen ist). Es wirkt also selbst normativ. Denn das Gewissen ist im christlichen Glauben der Ort, an dem Gott zum Menschen spricht. Wie könnte diese Ansprache in der christlichen Ethik systematisch überhört werden!

Der gläubige Mensch findet Anregung in den Regeln seiner Religion, die zum Teil sehr verbindlich sind. Theoretisch mag ein Christ sich also an sie gebunden und daher zu einem bestimmten Verhalten gezwungen fühlen. In der Praxis trifft Zwang aber nicht den Kern christlicher Ethik – nicht mal im allerstrengsten Pietismus. Es ist immer ein lebendiger Austausch: Gott spricht zum Menschen das Gebot im Gewissen, der Mensch muss es verstehen und anwenden – so, dass er meint, damit leben und vor Gott bestehen zu können.

(Josef Bordat)

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