Wie man Bildungsdefizite ausgleicht

17. August 2015


Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin nicht besonders gebildet. Damit meine ich nicht, dass ich vergessen hätte, wer im DFB-Pokal-Achtelfinale der Saison 1984/85 zwischen Eintracht Haiger und Union Solingen (Endstand: 0 zu 8) die niedrigste Fehlpassquote hatte (heute Inhaber einer Lottoannahmestelle in Wanne-Eikel). Nein, ich meine so Dinge wie Byzantinistik. Oder bulgarische Literatur des Hochmittelalters. Oder Politik. Malerei. Musik. Klassisch und Pop. Mobiltelefone. Davon weiß ich nichts.

Jetzt ist es aber so, dass ich wohl 40 Jahre lang erfolgreich das Gegenteil vortäuschen konnte, so dass man mich für einen gebildeten und kultivierten Gesprächspartner hält. Derart mit Vorschusslorbeeren bedacht, gerate ich von der einen Schwierigkeit in die nächste. So wie gestern, beim Brunch mit Professor Martin Bellermann und seiner Gattin. Ich meine, es stört mich nicht, dass der arrivierte Altphilologe hauptsächlich Latein spricht. Denn auch das, was er mir freundlicherweise übersetzt, bereitet mir für gewöhnlich erhebliche Verständnisprobleme.

„Anastos Koliakis. Ihnen sicher ein Begriff.“ – Ehe ich fragen konnte, ob der jetzt auch bei Bayern spielt, fiel mir der Prof ins fragend dreinblickende Gesicht. „Ein Schüler von Aristophokles dem Jüngeren.“ – „Ach, der Jüngere?“ – „Sehen Sie, das hat mich auch überrascht: Das Versmaß, ja, der ganze Stil bei Koliakis passt doch viel mehr zum Älteren!“ – „Ja, also…“ – „Ach, wissen Sie, Borat, es ist so schön, mal mit jemandem zu sprechen, der dafür eine Ader hat!“ Seine Gattin sah mich mitleidig an. Frauen haben ein Gespür für Ahnungslosigkeit.

„Was halten Sie von Schärwalds Rezension der Koliakis-Neuausgabe bei Dunckerberg-Schliedemann?“ – „Tja, ich weiß nicht, also…“ – „Genau! Weder Fisch noch Fleisch, nicht wahr!“ – „Apropos ‚Fleisch‘. Ich würde dann noch mal ans Bü…“ – „Kann er nicht mal ein klares, wohlbegründetes Urteil fällen?! Was soll dieses Lavieren. Hier.“ Herr Bellermann zückt eine Brieftasche, in der ein säuberlich ausgeschnittener Zeitungsartikel liegt, den er hektisch entfaltet, glattstreicht und vor mir ausbreitet, Frau Bellermanns vorwurfvollen Blick ignorierend. „Lesen Sie selbst!“ Ich musste – nachdem ich so getan hatte, als lese ich den in französischer Sprache gehaltenen Text – zugeben, dass Schärwalds Urteil weder Fisch noch Fleisch war. Bellermann sah mich liebevoll an. Ich durfte ans Büffet.

Die Schlange am Rührei verschaffte mir etwas Zeit. Ich musste handeln, sollte nicht irgendwann herauskommen, dass ich ein Vollkretin bin. OK, Frau Bellermann würde dichthalten, dessen war ich mir sicher, aber was, wenn ich im Laufe des Verhörs die Nerven verlöre? Ich musste das Gespräch an mich reißen. Und ich wusste auch schon, wie.

Zurück am Tisch fragte ich Professor Bellermann betont beiläufig nach Maximilian Leberecht. „Sicher schon mal gehört. Als Professor für byzantinische Literatur.“ Meine Stimme glitt fast ins Spöttische als ich ihm die Sachkenntnis zu Leberecht derart selbstverständlich konzedierte. „Leberecht, Leberecht?“ Der Professor überlegte laut und wirkte etwas unsicher. Doch dann fing er sich. „Ja, ja. Da stand was in der FAZ. Wann war’s noch?“ – „Letzten Freitag.“ – „Richtig, letzten Freitag, ich erinnere mich! Großartiger Kollege!“

Nun, ja. Maximilian Leberecht ist mein Kindergartenfreund und heute Investmentberater in einer ländlichen Filiale eines mittelgroßen deutschen Finanzinstituts. Meine Erinnerung an ihn erschöpft sich in einer Szene, in der er mir den Rest seiner Nudelsoße über den Kopf kippt. Aber das zählt heute nicht mehr. Was hingegen zählt: Es hat geklappt! Ich war auf dem besten Weg zum Intellektuellen. Danke, Mäxchen!

Fortan drehte ich ungehemmt auf. Marius Pochinger (Linksaußen der Schülermannschaft in der Klassenstufe Sieben) war ein „hoffnungsvoller Nachwuchsromancier, dessen Erstling von der Süddeutschen sehr wohlwollend besprochen wurde“. Mein Gesprächspartner glaubte, auch von Pochinger „schon gehört“ zu haben. Es begann, Spaß zu machen. Mario Stracciatella-Sauerkirsch, ein italienischer Philosoph jüdischer Abstammung, wurde von mir zum Rektor der Universität Verona ernannt. Dieser wolle, phantasierte ich, mit einem neuen Konzept die Geisteswissenschaften stärken.

Kenne er, wisse er. Bellermann wirkte fast gelangweilt. Mit Stracciatella-Sauerkirsch, den er nur „Mario“ nenne (man habe mal gemeinsam einen internationalen Kongress organisiert, an dem u.a. auch Habermas teilnahm), mit „Mario“ also habe er erst gestern eine Videokonferenz abgehalten und festgestellt, dass seine Vorschläge auf eine so große Fakultät, wie er sie leite, kaum anwendbar seien. Unter den Bedingungen des deutschen Hochschulrahmengesetzes ohnehin nicht.

Ich wechselte das Thema. Mir fiel Pochingers damalige Freundin Clara ein, die alle nur „Bismarck“ nannten, weil sie die Angewohnheit hatte – im Geschichtsunterricht nach einer bestimmten historischen Person gefragt -, immer mit „Bismarck?“ zu antworten. Clara mutierte zur derzeit führenden Vertreterin feministischer Ethik. Eine Schülerin Apels, log ich dreist. Ein heute morgen entdeckter erdähnlicher Planet im Sternbild „Bismarck“ hieß wie Claras Kanarienvogel („Aron“).

Etwas übermütig war es vielleicht, den Namen der Jazzband, die gestern Abend hier spielte und deren Plakat mir gegenüber hing, als Titel eines jüngst entdeckten Romanfragments Dostojewskis auszugeben. Mein Gesprächspartner schöpfte aber keinen Verdacht und meinte nur, er habe auch davon gehört, sei aber mit einer namhaften Kollegin seines Instituts der Ansicht, es handle sich um eine Fälschung. „Sie müssen es wissen!“, schmeichelte ich dem Experten. Naja, man habe eben Erfahrung, stapelt der Angesprochene tief. Und holt sich einen Orangensaft.

Wir verließen wenig später das Lokal, nachdem ich noch die Reservisten von Union Berlin als „Gruppe 15“ ausgegeben hatte, avangardistische Filmemacher, die sich in ihren Werken mit drängenden Gegenwartsproblemen befassen, etwa der Macht des Papstes. Ich verabschiedete mich von den Bellermanns in großer Dankbarkeit. Immerhin gibt mir Herr Professor Bellermann das warme Gefühl, zu den Menschen zu gehören, von denen mancher Bildungsbürger sich noch eine Scheibe abschneiden kann. Und Frau Bellermann schweigt weise. Aber was ist schon Weisheit gegen Bildung?

(Josef Bordat)

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