Die große Show von Gut und Böse

31. August 2015


Bilanz der Leichtathletik-Weltmeisterschaften

Wer immer in den Sportredaktionen die Aufgabe hat, eine Bilanz der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking zu schreiben, hat es in diesem Jahr besonders leicht. Geschichten, die man erzählen kann, gibt es genug. Fast alle haben etwas mit Doping zu tun. Da ist Lord Sebastian Coe, der neue Chef vom Ganzen. Er will den Kampf gegen Doping im Sinne seines Vorgängers fortführen. Also: Eigentlich nicht wirklich. Da ist Kenia, ein Land, aus dem die Läufer kommen. Neuerdings auch die Sprinter. Und die Werfer. Warum? Hat etwas mit Doping zu tun. Und da sind Bolt und Gatlin, besser bekannt als Gut und Böse. Warum? Hat etwas mit Doping zu tun. Und wie im Kino gewinnt am Ende immer das Gute. Geschichten, Geschichten, Geschichten.

Gibt es in der Leichtathletik eigentlich noch irgendetwas, das nichts mit Doping zu tun hat oder zu haben scheint, über das man sich also unbeschwert freuen kann? Ja, gibt es! Etwa über die Zehnkämpfer, die mit Platz drei, sechs und sieben an frühere Zeiten anknüpften, als das Zwei-Tage-Event eine deutsche Domäne war. Oder über die Staffeln, die zeigen, dass man gemeinsam erreichen kann, was einem allein verwehrt bleibt. Oder auch die ersten WM-Einzelmedaillen in Laufdisziplinen seit 14 Jahren, die Hoffnung darauf machen, dass deutsche Athleten nicht nur „Field“ können, sondern auch „Track“. Athleten, die ihren Weg zum Erfolg konsequent gehen, wie Gesa Krause, Rico Freimuth und Cindy Roleder. Athleten, die nach einem Tief oder einer längeren Verletzungspause wieder „da“ sind, wie Raphael Holzdeppe. Oder nach einer Schwangerschaft, wie Christina Obergföll oder Jennifer Oeser.

Die Leichtathletik lebt mehr denn je von der Show. Das Duell Mann gegen Mann, Frau gegen Frau ersetzt die Rekordjagd, auch wenn Asthon Eaton seinen eigenen Zehnkampf-Weltrekord noch einmal um ein paar Pünktchen steigerte. Die Höchstleistungen, die es zu übertreffen gilt, sind sonst einfach zu unerreichbar, als dass es sich lohnte, darauf zu schielen. Im Weitsprung der Männer reichte 8,41 Meter zu Gold, der Weltrekord liegt rund 6 Prozent weiter (8,95 Meter). Im Diskuswerfen der Frauen beträgt die Differenz knapp 11 Prozent, im Hochsprung der Frauen etwa 4 Prozent. Dennoch war gerade dieser Wettbewerb einer der spannendsten. Was gilt, ist das direkte Aufeinandertreffen. Im Fußball schaut man ja auch nicht nur dem FC Barcelona zu, wie er gegen Real Madrid spielt. Was in anderen Sportarten längst akzeptiert ist – nämlich, dass sie ihren Reiz nicht immer aus dem Erreichen eines bestimmten Leistungsniveaus beziehen, sondern vor allem aus der situativen Spannung des Aufeinandertreffens etwa gleich guter Kontrahenten – kommt langsam in der Leichtathletik an.

Ebenso wie die Deutschen, die im Medaillenspiegel auf Platz 7 landeten. Zweimal Gold (Christina Schwanitz im Kugelstoßen, Katharina Molitor im Speerwerfen), dazu noch jeweils dreimal Silber und Bronze. In der aussagekräftigeren Platzierungstabelle steht Deutschland sogar auf Rang 4, hinter den Giganten USA, Kenia und Jamaika, aber noch vor Großbritannien. Der große Verlierer dieser Leichtathletik-Weltmeisterschaften ist Russland. Nach 17 Medaillen bei der Heim-WM vor zwei Jahren waren es diesmal gerade 4 – im Medaillenspiegel ein Abstieg von der Spitzenposition auf Rang 9. Richtig: Hat etwas mit Doping zu tun.

(Josef Bordat)

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