Junípero Serra. Heiliger unter Beobachtung

23. September 2015


Auf Mallorca gibt es ein Public Viewing, in Kalifornien Proteste – zur Stunde findet in der Basilika der unbefleckten Empfängnis in Washington D.C. eine Heilige Messe statt, in der Papst Franziskus den von der Baleareninsel stammenden Franziskanerpater Junípero Serra heiligsprechen wird. Junípero Serra war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Missionar im (aus eurozentrischer Perspektive) „Wilden Westen“ der USA tätig. Er gründete zahlreiche Missionsstationen im Vizekönigreich Neuspanien, dem heutigen Kalifornien.

Die Christianisierung dieses Teils der USA sei unter großen Opfer erfolgt, werfen Vertreter indigener Ethnien der Kirche vor. Die Indianerkultur habe gelitten und die Bevölkerung sei durch eingechleppte Krankheiten dezimiert worden. Auch habe es gelegentlich Gewalt gegeben, wenn sich die Indianer nicht kooperativ zeigten. Junípero Serra sei daran beteiligt gewesen bzw. habe davon gewusst. Die Heiligsprechung – die erste überhaupt in den USA – empfinden die Nachfahren der ehedem missionierten Indianer als Schlag ins Gesicht.

Andererseits sind die Missionare um Junípero Serra keine Conquistadores gewesen, denen es um schnellen Reichtum ging, sondern Geistliche, die das Evangelium verkündeten und die Menschen haben retten wollen. Während Kolumbus und die Conquistadores die Einheimischen versklavt haben, setzten sich Junípero Serra und seine Missionare für eine menschliche Behandlung der Indianer ein. Das ist es, was die Heiligsprechung motiviert, neben der Bedeutung Junípero Serras für die Katholische Kirche in den USA.

Körperstrafen und auch das aus heutiger Sicht herablassend erscheindende Sendungsbewusstsein Junípero Serras, mit dem der Missionar die „Wilden“ als seine Kinder betrachtete und in paternalistische Obhut nahm, sind der Zeit geschuldet. Gerade im Jahrhundert der Aufklärung erhebt sich das stolze Europa über den Rest der Welt und stellt den Rassismus auf eine intellektuelle Basis – die einschlägigen Arbeiten großer Denker wie Hume, Voltaire, Montesquieu und Kant geben davon unrühmlich Zeugnis.

Aber: Muss man heute unbedingt zu dem Ergebnis kommen, das Wirken auch in diesem Geiste sei ein Ausdruck von Heiligkeit? Pater Junípero Serras war ein fleißiger und produktiver Mann Gottes, bei den Indianern beliebt. Er hat – soweit ich das beurteilen kann – gute Arbeit geleistet und das – aus damaliger Sicht – Nötige getan, um das Christentum schnell, sicher und weitgehend friedlich zu den Menschen im Westen der USA zu bringen. Doch macht das bereits den Heiligen?

Ich denke, es geht nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft. Dass Papst Franziskus den 1988 seliggesprochenen Franziskaner nun heilig spricht, nachdem er das Verfahren höchstpersönlich beschleunigt hat, ist auch eine Geste an die mehrheitlich katholischen Hispanoamerikaner in den USA, die heute ebenfalls unter Rassismus zu leiden haben. Vielleicht wollte der Heilige Vater aber auch nur, dass die Mallorquiner auch mal was zu feiern haben – und nicht nur ihre Feriengäste.

(Josef Bordat)

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