Aus alter Wurzel neue Kraft

24. September 2015


Wer einen gedanklichen Zugriff auf die epistemischen Grundlagen der Gegenwartskultur bekommen möchte, ist gut beraten, zwischen Information, Wissen und Weisheit zu unterscheiden. Während die Information längst durch eine unüberschaubare Flut an Daten gekennzeichnet ist und die Interpretation derselben, also: die Bildung von Wissensbeständen, ebenfalls in rasanter Geschwindigkeit voran geht, so dass unser Wissen stetig anwächst und damit zugleich der Wissensbestand immer schneller veraltet, scheint es um die Weisheit schlecht bestellt. Zwar erfreut sich die spirituell-religiöse Ratgeberliteratur, die vorgibt, ein Stück Weisheit in den Alltag zu bringen, großer Beliebtheit (trotz oder gerade wegen der Krise der Kirche als Institution der göttlichen Weisheit). Auch Philosophen mit Geschäftssinn können die Ergebnisse ihrer Freundschaft zur Weisheit gewinnbringend vermarkten. Doch wieviel davon letztlich wirklich das Leben der Leserschaft prägt, ist ungewiss. Weisheit scheint zum einen in der Gunst der Moderne weit hinter das Wissen und die Wissenschaft zurückgestuft, zum anderen schlicht unzeitgemäß, zu hoch für einen aktiven Pragmatismus, der vor allem eines will: Spaß haben.

Wenn sie von oben – vom spirituellen Lehrer, vom Guru aus – nach unten kommuniziert wird, hat Weisheit oft den Geruch der gnädig mitgeteilten Spezialeinsicht, die nicht selten überheblich werden lässt. Ganz anders, wenn sie von unten kommt, aus dem Erfahrungsschatz der kleinen Leute. Dies wird sich Inge Freidl gedacht haben, als sie ihr Buch über die Weisheit des Althergebrachten konzipierte. Aus Gesprächen mit ganz normalen Menschen, die über sich und ihr Leben erzählen, filtert sie Lehren heraus, die vom Allgemeinplatz bis zum Aha-Erlebnis reichen. Die Rückbesinnung auf Bewährtes aus den unterschiedlichsten Gebieten der menschlichen Kultur, denen wir heute wissenschaftlich mit je eigenen methodischen Ansätzen nachspüren, fasst sie in einer ganzheitlichen Traditionsschau zusammen.

Über Jahrhunderte hat sich ein Schatz an Erfahrungen angesammelt, der die wesentlichen Fragen unseres Lebens beantworten hilft – von sozialem Beziehungen über die Ernährung bis hin zum Zeitempfinden, gegen Verschwendungssucht, Multi-Tasking, Ungeduld und Dauerhetze. Der Blick zurück ist dabei nicht rückwärtsgewand oder gar rückständig, auch, wenn altbackene Begriffe wie Gemeinschaft (heute oft durch Gesellschaft oder Netzwerk ersetzt) oder Zufriedenheit (heute: Selbstverwirklichung) reaktiviert werden. Denn sie sollen uns dienen – und unserer Zukunft, die nichts eher benötigt als Weisheit, im Umgang mit Zeit, mit Arbeit, mit der natürlichen Umwelt, miteinander. Der Blick in die Vergangenheit kann hier der erste Schritt in eine Zukunft größerer Gelassenheit sein.

Inge Friedls Buch ist lebendig geschrieben und auf der Höhe des sozialpsychologischen Diskurses, dessen derzeitige Ausrichtung es ebenso souverän wie sympathisch kritisiert. Nicht alles wird durchdringen können in den eigenen Lebensentwurf, aber die Weisheit des Alten regt an, unsere 24/7-Gesellschaft in Frage zu stellen, in der „neu“ längst zu einem Synonym für „besser“ wurde. Wir können von unseren Vorfahren lernen, dass es ganz andere Dinge sind, die uns zufrieden sein lassen als die, die uns als Glücksbringer vorgehalten werden wie dem Esel die Karotte. Bescheidenheit und Geduld, Gespräche und Geschichten, Ausgewogenheit und Ruhe sind Schlüssel zu einem besseren Leben. Nicht, dass dies neu wäre. Aber gerade das behauptet Inge Friedl ja auch nicht.

Bibliographische Angaben:

Inge Friedl: Was sich bewährt hat. Begegnung mit alter Lebensweisheit.
Wien: Styria Premium 2015.
176 Seiten, € 19,90.
ISBN 978-3-222-13522-4.

(Josef Bordat)

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